Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 1 (1.1.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ideen einen überparteilichen Ort herzustellen, sind immer gescheitert. Interessentengruppen aber darf es im Judentum nicht geben —: die jüdischen Parteien haben, gleich den jüdischen Einzelmenschen nur ein einziges „Interesse“. Ihr Streit geht um die Frage: was das Wesen des Judentums und wie jüdische Wirklichkeit zu gestalten sei. Und jede Partei also muB sieh sagen: Wenn „mein“ Judentum leben soll, so müssen Juden leben. Daß Juden leben, das ist unser aller gemeinsames und einziges Interesse! Und es gibt auch einen Ort, wo wir alle diesem gemeinsamen Interesse leben können... fast schämt man sich, ihn eigens zu nennen... es ist die Gemeinde. „Es ist die Natur der Parteien, ihre ursprünglichen Feindschaften weit fester zu bewahren als ihre ursprünglichen Grundsätze“, sagt der große englische Historiker Thomas Babington Macaulay. Es darf aber als der Ruhm der innerjüdischen Kämpfe angesehen werden, daß die jüdischen Parteien ihre Grundsätze nie aus den Augen verloren, und diese Grundsätze fanden ihre Wirklichkeit nur in der Ge- ' meindel Deshalb haben die den Gemeinden übergeordneten Verbände bei ihrem Dienst an den Gemeinden den inneren, weltanschaulichen Charakter jeder Gemeinde unangetastet gelassen, dagegen aber die dritte von den drei traditionellen Zweigen der Gemeindearbeit (Lehre, Gottesdienst, Liebestätigkeit) von einer Einrichtung der Mildtätigkeit zu einer solchen produktiver und konstruktiver Sozialarbeit einschließlich der organisierten Auswandererhilfe ausgebaut; alle Organisationen sind ja in der obersten Gemeindeinstanz zusammengefaßt und werden, direkt oder indirekt, von ihr erhalten. Und das ist gut so. Denn: mögen die Ideen vom Wesen des Judentums noch so verschieden sein, die äußeren Umstände sind für uns Juden alle die gleichen. Das gilt für alle Bezirke unseres Lebens, für die wirtschaftliche und soziale Existenz und sogar auch für die kulturelle Tätigkeit. Denn gleichgültig, wie der Einzelne denken mag, Geschichte und Zeitumstände haben uns in einen eng begrenzten Raum mit nur geringen Bewegungsmöglichkeiten gewiesen, und so leben wir alle — wirklich „ohne Unterschied der Partei“ — das gleiche Leben, welches, von außen her uns gesetzt, uns von innen nun die Gemeinde gestaltet, die Gemeinde mit allen ihren An- und Untergliederungen. Sie wird uns nun zu unserer heiligen Burg, auf ihr herrsche Burgfriede! „Parteibefreites Judentum“ — der Autor des Buches, das diesen Titel trägt, hat recht: es handelt sich nicht um ein von ihm gewähltes Problem; die jüdische Zeitgeschichte hat es uns zugeworfen als die brennendste Aufgabe der Gegenwart! Deshalb: stehet zu euren Ideen — kompromißlos, wie Ideen nun einmal sind — aber erkennet auch, daß eure Ideen nur leben können an dem Ort, wo ihr den „Andersdenkenden“ begegnet, als Brüdern begegnet. Und alle Juden begegnen einander dort als Brüder. Denn alle Juden sind Träger der Gemeinden, die Gemeinden sind — heute wieder mehr als je — die Träger der einzelnen Juden; beide zusammen erst sind Träger des Judentums. Das darf keiner vergessen. Und mag cs sein, daß „parteibefreites Judentum“ unvollziehbar bleibt im erhabenen Reiche der Ideen (weil jeder sagt: mein Judentum ist das wahre und einzige Judentum), so ist es doch vorhanden als Realität und deshalb auch als Aufgabe für jeden von uns! Darum: wer nicht will, daß wir schwach bleiben und lächerlich durch unsere Gespaltenheit, wer ein durch Einigkeit parteibefreites, starkes Judentum und uns allen eine freie, stolze Zukunft erringen helfen will, der kann, der soll dieser allerhöchsten Aufgabe leben; sie lautet: Dienst an der Gemeinde. Moses Mendelssohn, der Jude Zu seinem 150. Todestag am 4- Januar Von Dr. Ernst Fraenkel. In jeder großen Persönlichkeit wird das geschichtlich geschulte Auge ein Zwiefaches beobachten: das Zeitbedingte, mit der Zeit sich Verflüchtende, das aus der Zeit und ihren Strömungen seine Kräfte Empfangende — und dann das in die Zukunft Weisende, das zum geschichtlichen Wert sich Entwickelnde, das in die Zeiten seine Energien abgibt und seihst zur Bewegung wird. Je freier und unabhängiger der Geist von Tag und Stunde wird, in der er schafft, je weiter der Raum ist, den das Auge beherrscht, um so weiter in die Zeit und in die Welt wird das Wirken sein; der „berühmte Zeitgenosse“ und „die geschichtliche Persönlichkeit“ unterscheiden sich durch die Dynamik ihres empfangenden und ihres spendenden Geistes. Als am 4. Januar 1786 Moses Mendelssohn die Augcm geschlossen hatte, da beklagte Friedrich Nicolai, das Haupt der „Berliner Aufklärung“, in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek den „unersetzlichen Verlust, den die gelehrte Welt durch den Tod des berühmten Philosophen erlitten habe“. Es war, als ob ein leuchtender Stern am geistigen Himmel des ausgehenden 18. Jahrhunderts untergegangen war, nachdem die Feder der Hand des Mannes entsunken war, „der am Ende der Aufklärung ihre hellen Strahlen noch einmal in sich sammelte“, der das Glück genossen hatte, sich der Freund des freiesten Geistes seiner Zeit, Lessings, nennen zu dürfen, der der mühsam von ihm erlernten deutschen Sprache eine formende Klarheit und Reinheit gab, die die großen Geister der Zeit mit heller Bewunderung erfüllte. Und dennoch war nicht das das Große, das Schöpferische, das Bleibende, das Ewige im Vergänglichen, was Ausdruck in seiner Philosophie, in seinen Abhandlungen zur Literatur und gestaltenden Kunst fand. Hier war er zugleich Höhepunkt und Ausklang einer Zeit, die er im Gegensatz zu seinem Freunde Lessing nicht zu überwinden vermochte. Kants „alles zermalmender“ Geist hatte bereits in der Vernichtung einer zertrümmerten Welt eine neue geschaffen, und Mendelssohns Auge war klar genug, bescheiden zu erkennen, daß er, der nach seinen eigenen Worten „weder im physischen noch im moralischen Sinne zum Kunstringer geboren war“, die Ideen seiner Zeit überlebt hatte. Wenn aber Mendelssohn in seiner „Popularphilosophie“ nur dem geistigen Willen seiner Epoche Ausdruck gibt und ihren Zielen — wenn auch auf den seiner Individualität entsprechenden eigenen Wegen — folgt, wenn seine sprachschöpferische Gestaltung, bewundert in seiner Zeit, auch überschattet wird von der Kraft der Klassik und der Romantik, eines bleibt an ihm und durch ihn, eines ist einmalig und original: seine Stellung zum Judentum und im Judentum, seine geistige und seelische Haltung als Jude. In einer Zeit, in der in uns Juden ein neues Geschichtsbewußtsein erwacht ist, in der uns die reale Kraft irrationaler Mächte im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaften wieder klarer zur Erkenntnis kommt, in einer solchen Zeit wird uns vielleicht manches an Mendelssohn, dem typischen Vertreter der Aufklärung problematisch, ja sogar widerspruchsvoll erscheinen. War dieser Epoche an sich schon geschichtliches Denken, der lebendige Entwicklungsgedanke etwas Absei- 2