Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 1 (1.1.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
- Date
- 1936-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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GEMEINDEBLATT FÜR DIE JÜDISCHEN GEMEINDEN PREUSSENS VERWALTUHGS BLATT DES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN Alle Zumthrtften rind n rtditen an du Verwaltung»- and Gemeindeblatt de» Preatllrdien LandesTerbandrs )OdUd>er Gemeinden, Bln.-Charlottenl>urg2, Kantstr. 15S, lLStodc Der BeangtpreU fOr die Einzelnummer betragt lt Pfennig. Verantwortlicher Leiter du Inaeratentella: Joaeph Jastrow, Berlin W15, Kalaerallee 31 14. Jahrgang Berlin, den 1. Januar 1936 Nr. 1 Parteibefreites Judentum Es läßt sich nicht leugnen, daß die von einem unserer fähigsten Theologen der jüngeren Generation als Ueberschrift für sein soeben herausgegebenes Buch*) gewählte Formulierung „Parteibefreites Judentum“ in knappstem Ausdruck das zusammenfaßt, was vielen von uns als die dringlichste Förderung, f ja als das heißest erstrebte Ziel vor Augen Steht. Nicht erst seit gestern und nicht erst seit drei Jahren. So alt wie das Menschengeschlecht ist die menschliche Not. So alt wie die menschliche Not ist die Erkenntnis: Gespaltenheit macht schwach, Einigkeit macht stark. Und ein Volk, das wie wir Juden — als Staatsvolk von Josua bis' Bur Kochba, in der Diaspora seit der „Galut Mizrajim“ und seit der babylonischen Gefangenschaft das ganze Mittelalter hindurch bis auf diesen Tag — immer als winzige Minderheit sich zu behaupten und viel Not zu überstehen hatte, ein solches Volk hat sicherlich die zermürbende, zerstörende Wirkung des inneren Haders in besonderem Maße gespürt, und der Ruf nach Einigkeit ist gerade in seiner Mitte oft erschollen. Das soeben beendete Chanukkah-Fest erinnert daran; und da angenommen werden kann, daß alle jüdischen Ueberlieferungen über die Makkabäer-Kümpfe in dieser Festwoche nachgelesen worden sind, so mögen hier die Verse ihren Platz finden, die der nichtjüdische Dichter Otto Ludwig (1813—1865) in seinem Drama „Die Makkabäer“ dem Juda Makkabi in den Mund legt: Nun laßt umarmt uns sitzen bei dem Mahl, Von dem Gesetz des Herren uns erzählend, Wie oft dem Volke half sein Helfergott! Wer einen Feind hat unter seinen Brüdern, Der such ihn auf, mit ihm sich zu versöhnen, Umschling ihn mit dem Arm, der ihn umschlingt, Und küß den Friedenskuß ihm auf die Stirne, Daß wir ein heilig Heer sind vor dem Herrn-. Das sind tiefe und echte Dichterworte: tief und echt in ihren menschlichen Tönen und Empfindungen, *) Im Philo-Verlag, Berlin, erschien: „Parteibefreites Judentum — Lehrende Führung und priesterliche Gemeinschaft" (100 Seiten) von Dr. Ignaz Maybaum, Rabbiner in Frankfurt a, d. O. tief und echt auch in ihrer dichterischen Einfühlung in die jüdische Geschichte und ins jüdische Erleben jener Zeit. Aber sie sprechen doch nicht von demselben, wovon hier gesprochen werden soll: nicht immer, wenn einer „einen Feind hat unter seinen Brüdern“, handelt es sich um Parteien. Und schlimm ist es, wenn Parteien nichts weiter sind als feindliche Brüder. Gewiß gibt es — das weiß man besonders aus der neueren Geschichte mit ihrem oft zu weit getriebenen Parlamentarismus — auch Parteien, die von vornherein nur als Interessentengruppen gegründet worden sind, aber die echte Partei ist eine Weltanschauungsgemeinschaft und muß sich hüten, ein Interessenverband zu werden. Solche Entwicklung bedeutet immer Verfall und Abstieg, selbst dann, wenn mit dieser inneren Wandlung ein äußerlicher Aufschwung verbunden sein sollte! Wir müssen zugeben, daß unsere jüdischen Parteien oft genüg in Gefahr gewesen und auch heute in Gefahr sind, aus Gesinnungsgemeinschaften zu Interessentengruppen herabzusinken. Das aber darf nicht sein. Denn es ist der Stolz des Judentums, daß, wieviel Parteien im Verlauf der jüdischen Geschichte auch aufkamen, sie allesamt gegründet waren auf Ideen; und zwar auf solche, die von ihren Verfechtern als jüdische Ideen empfunden wurden; dieser Nachweis stellt geradezu das Wesen aller jüdischen Parteikämpfe dar. Das gilt für Pharisäer und Sadduzäer, für Rabbaniten und Karäer, für Chassidim und Misnagdim, für „Geigerianer“ und „Tiktinianer“, für Liberale, Orthodoxe und Zionisten. Das muß auch sb bleiben; innerhalb des Judentums darf es Parteien nur als Weltanschauungs-, als Ideengemeinschaften geben. Die wird es immer geben. Denn, entgegen dem bekannten Dichterwort gilt die Wahrheit: Ideen sind unveränderlich, stehen unwandelbar und hart gegeneinander, und nur die Sachen im Raume werden — wenn nicht im Guten, dann im Bösen — immer miteinander fertig. Auch wir Juden werden miteinander fertig werden, und sogar im Guten! Obwohl oder gerade weit unsere Parteien Weltanschauungsparteien sind und als solche bestehen bleiben. Versuche, im Reiche der