Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 12 (1.12.1935)
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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wenn kein Saal mit Bühneneinrichtung vorhanden ist. Denn es sind ganz neuartige Dekorationen geschaffen worden, die sich ohne Mühe, Vorbereitung oder Umbau in jedem auch noch so einfachen Saal aufstellen lassen. Alles zusammengenommen: es wird mit dem kleinsten Aufwand an Personal und an Dekorationen gespielt, und doch ist die künstlerische Leistung vollwertig und der Erfolg durchschlagend. So herzerfrischend ist in unserem Kreis schon t lange nicht mehr gelacht worden wie neulich, bei der Eröffnung. Daß diese Eröffnung in Berlin stattfand, ist nur scheinbar ein Widerspruch zum Gründungszweck. Die hiesigen Stellen, die diese Gastspiel-Oper“ ins Leben gerufen haben, wollten ihr Werk sehen, prüfen. Und — es hat die Prüfung bestanden! Zwei heitere Operetten von Jacques Offenbach („Ein Eh’mann vor der Tür“ und ,-,Die Hanni weint — der Hansi lacht“) wurden gespielt: vier handelnde Personen in jedem dieser zwei Einakter,' ein Kammerorchester, ein Pianist — das ist der ganze „Apparat“, und dazu, wie gesagt, ganz einfache Dekorationen, die aber völlig ihren Zweck erfüllen. „Das wünsche ich unseren Leuten draußen im Reich“, sagte nach Schlußder Vorstellung einer, der die meisten Gemeinden aus eigener beruflicher Tätigkeit kennt. Nun — der Wunsch kann erfüllt werden. Unsern isolierten schwer um ihre Existenz ringenden Glaubensgenossen werden einige Stunden heitersten Lachens und seelischer Unbeschwertheit willkommen sein und dazu — diese Offenbachsche Musik! Darüber noch ein paar Worte. Die weitaus meisten Menschen kennen von den Werken des Kölner Kantoren - sohnes nur „Hoffmanns Erzählungen“, allenfalls noch „die schöne Helena“ oder „Orpheus“. Die beiden kleinen Operetten nun, von denen man glauben könnte, sie seien ausgesucht worden, weil sie mit ihren vier Bühnenfiguren unsere technischen Schwierigkeiten leicht bewältigen, sie seien also nur Notbehelf — diese beiden kleinen Operetten entpuppen sich als wahre Fundgruben von Melodien. Sie zeigen uns den ganzen Reichtum an musikalischen Einfällen, den man an Offenbach oft rühmt, und es sind so strömende, so flüssige Melodien, daß man ganz bezaubert ist und zugleich sagen muß: bei aller burlesken oder possenhaften Handlung haben wir es angesichts solcher Musik mit hoher und ernster Kunst zu tun. Und auch angesichts dieser Aufführung. Denn es ist gamicht wahr, was so oft außerhalb der Reichshauptstadt angenommen wird: Berlin sieht garnicht hochmütig auf die sogenannte „Provinz“ herab, und wir wissen, was wir unseren Gemeinden im Reiche schuldig sind — das Beste ist für sie gerade gut genug. Deshalb sendet man ihnen diese „Gastspiel-Oper“, bei der Orchester und Bühnendarsteller erstklassig sind. Kein Zweifel: Publikum und Künstler sind durch diese Neuschöpfung wieder um einen erheblichen Schritt weitergekommen, und es steht zu hoffen, daß diese „Gastspiel-Oper“ als eine ständige Einrichtung vieler Gemeinden bald noch weiter ausgebaut wird. Leopold Nathansohn. Möglichkeiten der Juden in allen Ländern Wer möchte heute nicht zu einem Buch greifen, das von den Möglichkeiten der Juden in allen Ländern spricht, noch dazu, wenn der Verfasser einer der sachkundigsten Männer auf diesem Gebiete ist! Dr. Mark Wischnit z e r, der langjährige Geschäftsführer des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland“ und Leiter der jüdischen Auswandererstelle in Berlin, hat im Verlag von Erich Reiß, Berlin, dies Buch erscheinen lassen. Der volle Titel lautet: „Die Juden in der Welt; — Geschichte, Gegenwart und Möglichkeiten der Juden in allen Ländern.“ Wir werden im nächsten Heft unseres Blattes das 414 Seiten starke Werk ausführlich besprechen lassen, wollen aber schon heute unsere Leser von seinem Erscheinen in Kenntnis setzen. Ob man sich über Länder mit großen jüdischen Gemeinden informieren will wie Kanada oder die südafrikanische Union, oder ob man über entlegenste Gebiete wie Afghanistan oder die Fidji-Inseln Angaben sucht — man wird alles in diesem Buche nachschlagen können. L. N. Unsere Wanderbüdierei Eine Folge von Buchbesprechungen wichtiger neuer und älterer Bücher aus den Wanderkisten des Preußischen Landesverbandes. 1. Volkserzähler. Ko mp er t, Leopold: Sämtliche Werke in S Bänden. Leipzig: Hesse 1906. Leopold Kompert, der Wiener Schriftsteller und Journalist, ist einer der ersten deutschen Verfasser von Ghetto-Novellen und -romanen, für die er das Interesse dem assimilierten Westjudentum wieder nahezubringen versuchte. Das Ideal der Versöhnung des Judentums mit dem modernen Staat, das Problem der Mischehe in Verbindung mit der Rassenfrage sind die Themen vieler seiner Schriften, die dadurch auch dem heutigen Interessenkreise nahestehen. Der Schilderer des Ghetto, in dem er seine früheste Jugend verbrachte, will zum Wegweiser in die Freiheit werden. Mit viel Liebe und natürlicher Erzählungskraft schildert Kompert alle guten Seiten des jüdischen Charakters. Die Rührungsstimmung, die besonders über den Ghettobildern liegt, ist ebenso echt empfunden — aus einer tiefen Menschenliebe heraus — wie die belehrenden Absichten, die nls „Moral“ dieser Schriften deutlich werden, ungewollt und daher bildend und stärkend sind. Der Stil dieses Dichters ist, wenn auch selbstverständlich nicht modern, doch dem modernen Empfinden nicht zuwiderlaufend. Hier sind die Werke eines echten Volksschriftstellers. H. M. Kulke, Eduard: Erzählende Schriften. Hrsg, von F. S. Kraus. Bd. 1—3 in 1 Bde. Leipzig: Deutsche Verl.-Aktiengesellschaft 1906. Wer an langen Winterabenden eine beschauliche Lektüre sucht, wird gern zu diesen einfachen Geschichten greifen, die heiter oder ernst ein Bild jüdischen, ganz traditionell gebundenen Lebens vergangener Zeit vermitteln. Sie bieten dem in dieser Richtung eingestellten Leser (jedoch mehr dem Kleinstadtals dem Großstadtmenschen!) manche interessante Vergleichsmöglichkeit und arbeiten trotz der primitiven Sprache, die sich häufig auch des Jargons bedient, sehr gut das spezifisch Jüdische heraus. — Für besinnliche, besonders weibliche Leser, auch für jüngere Menschen. H. G. 2. Palästina. Bücher über Palästina: Herrmann, Hugo: Palästina, wie es wirklich isL (3. Aufl.). Wien-Leipzig: Fiba-Verl. 411 S. — Gottgetreu, Erich: Das Land der Söhne. Wien: Lanyi 1934. 203 S. — Knpferberg, Alfred: Deutsche Juden im jüdischen Land. Hamburg: Lessmann 1934. 174 S. Von den drei hier vorliegenden Palästinabüchern ist das von Hugo Herrmann „Palästina, wie es wirklich ist“ das wissenschaftlich am besten fundierte; aus der Serie der „Fiba- Bummel-Bücher“ stammt es — aber es ist ein sehr ernster Rummel, den ein ebenso ernster Zionist macht. Objektiv und mit der Ehrlichkeit vieler Zahlen rollt er die heutigen politischen Probleme des Landes und Umlandes auf, schildert er Städte, Menschen, Gesellschaft und Religion, fügt er den Bildern des Wortes viele gute Bilder der Kamera bei und läßt die eigene Person fast ganz zurücktreten hinter der Sache. Anders die beiden Bücher „Das Land der Söhne“ von Erich Gottgetreu und „Deutsche Juden im jüdischen Land“ von Alfred Kupferberg: hier steht beide Male im Vordergrund der Journalist, der Land und Menschen mit der Anpassungsfähigkeit seines Wort- und Formvermögens erfaßt, der wenig Voraussetzungen bei dem Leser als vorhanden annimmt, in der Form einer anregenden und angeregten Unterhaltung über eine bunte Palästinareise plaudert. Diese beiden Zusammenfassungen von besten Feuilletons, in die Kupferberg auch eine große Zahl von Bildern streut,, sind geeignet, breiteste Kreise als Leserpublikum zu fesseln. Alle drei Bücher sind Dokumente innersten Erlebens des jüdischen Aufbaus in Palästina. Palästina ln Bildern: Heilige Stätten der Bibel. 62 Bilder, eingel. von Theodor Däubler, erl. von Alb. Qsell. Zürich-Leipzig: Orell Füssli 1929. 24 S. 31 Tat. (Schaubücher 13.) — Casparius, Hans u. Rundt, Arthur: Das Palästina- Bilderbuch. Leipzig-Wien: Tal 1934. 96 S. — Landauer, Georg: Palästina. Berlin: Jüdische Buchvereinigung 1935. 120 S. — Morpnrgo, Luciano: Erez JisraeL Palästina. 265 Originalbilder. Einleit, von Chaim Weizmann. Rom: Morpurgo 1930. 264 S. „Heilige Stätten der Bibel“ in Palästina, dem Land des Christentums, des Judentums und des Mohammedismus zeigt das schmale Werk dieses Titels. Es ist versehen mit einem erklärenden Verzeichnis der Bilder, das Hinweise auf die jeweiligen Bibelstellen bringt, und mit einem Vorwort von Theodor Däubler, in dem er auf großen Zug den Betrachter 8