Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 12 (1.12.1935)
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/10279732-10021717-10021685--282-3981025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Was MMltt jnhogt, so darf man die Besorgnis, es könne in den Abessinien-Konflikt und gar in die kriegerischen Operationen verwickelt werden, endgültig fallen lassen; es liegen darüber Erklärungen von sehr hohen Regierungsstellen vor, auch gehen die Arbeit“ im Lande, die Schiffahrt und ' die Einwanderung ohne jede Unterbrechung weiter, aodaB man alle Knegsgefahren-Gerüchte, die vor wenigen Wochen noch kursierten, als endgültig widerlegt betrachten darf. Beachtenswert aber ist, daB diese Sensationsmeldungen eine ihrer Tendenz völlig entgegengesetzte Wirkung gezeitigt haben —: Dr. Judah L. M a g n e s, der Präsident der Hebrftischen Universität Jerusalem, hat in der „Palestine Post“ an die Mächte den Appell gerichtet, den Charakter Palästinas als des Heiligen Landes für alle Weltreligionen durch Sicherung seiner Neutralität für immer zu wahren. Das Land solle deshalb auch von den Sanktionen gegen Italien ausgenommen werden; Palästina und besonders Jerusalem sei das Zentrum, von dem aus die Stimme des Gewissens der Weltreligionen ertönen soll, und dazu passe es schlecht, wenn das Land in kriegsähnliche Operationen verwickelt werde, so nötig diese auch sein mögen. — Dieser Appell hat sehr verschiedenartige Wirkung gehabt. Auf der einen Seite erwartet man, daß das Bestreben der dauernden NentraUatenmg Palästinas Anhänger finden wird; andererseits hat ein so einflußreicher Mann wie der Abgeordnete Colonel Josiah Wedgwo o d dem Plan leidenschaftlich widersprochen und gegenüber dem Aufsatz des Dr. Magties, der auch im „Manchester Guardian“ erschienen ist, tiefste Empörung und Abscheu ausgedrückt. In Griechenland ist die Wiederherstellung des Königtums für unsere Glaubensgenossen in höchstem MaBe bedeutungsvoll, und zwar in einem außerordentlich'positiven Sinne. Das griechische Königshaus ist traditionell judenfreundlich, und auch die Juden sind königstreu und national zuverlässig. An den Empfangsfeierlichkeiten für den König haben sich Massendeputationen der jüdischen Bevölkerung Griechenlands beteiligt; die Abordnung aus Saloniki umfaßte allein etwa 1000 Personen. Durch Polen geht zur Zeit eine große antisemitische Welle; es haben Sprengstoffattentate und Ueberfälle stattgefunden, und auch in den Universitäten kam es zu Unruhen. Andererseits hat der polnische Ministerpräsident Koscialkowskiin einer Plenarsitzung des Sejm innerhalb einer Rede, die das gesamte Regierungsprogramm enthielt, die enge Zusammenarbeit aller Bürger ohne Unterschied von Nationalität und Religionsbekenntnis mit dem Staat als Grundsatz der polnischen Regierung bezeichnet. — Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Kundgebung, die am 20. November der vor kurzem begründete „Verband polnischer Juden in Berlin“ abgebalten hat und an der als Vertreter des polnischen Generalkonsulats Konsul Kruczkiewicz teilgenommen hat. Die Versammlung richtet^ an den polnischen Staatspräsidenten Moscicki ein Huldigungstelegraram, in dem es heißt: „Die erste allgemeine Versammlung polnischer Juden in Berlin übermittelt hierdurch Ausdrücke ihrer Huldigung und Ehrerbietung dem Staatsoberhaupt. Wir, die außerhalb Polens wohnen, verbleiben treu den hohen Idealen und Traditionen der Juden Polens, deren Taten sich ruhmreich in den Annalen der Geschichte Polens und des jüdischen Volkes eingetragen haben. Wir geben der Hoffnung Ausdruck, daß unsere Arbeit dem Wohlstand der Republik Polen und des mit ihm verbundenen jüdischen Volkes dienlich sein wird.“ Ein sehr eigenartiger Vorfall bat sich in Rumänien zugetragen. Dort war zu den Einsetzungsfeierlichkeiten des Metropoliten ‘ der Bukowina u. a. auch der Landesrabbiner Dr. Nlemirower in seiner Eigenschaft" als Mitglied des rumänischen Senats eingeladen worden; er hat auch an der Feier in der Kathedrale von Czernowitz teilgenommen, war dann aber durch den antisemitischen Abgeordneten Robu durch Beschimpfung und tätlichen Angriff am Betreten des erzbischöflichen Palais gehindert worden, sodaB er an dem der kirchlichen Feier folgenden Empfang nicht taUnehmen konnte. Die kirchlichen Be- , hörden, vor allein, der Metropolit Dr. Visarion Puiu selber, haben dem Landesrabbiner über diesen Vorfall ihr tiefstes Bedauert» und ihre Entrüstung zum Ausdruck gebracht, und es ist anzunehmen, daß auch die staatlichen Stellen sich mit der Angelegenheit befassen werden. In Holland wurde Mitte November das 300jährige Bestehen der dortigen aschkenasischen „Hochdeutschen Gemeinde“ festlich begangen. Jüdische Gemeinden und Korporationen des In- und Auslandes hatten Abordnungen entsandt; als Vertreter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin war das Mitglied ihres Vorstandes und Vizepräsident des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden Dr. Alfred Klee erschienen; hohe und höchste Persönlichkeiten der holländischen Regierung und Behörden wohnten dem Festakt bei, u. a. auch der Minister für Kultus und Unterricht, Professor Slotemaker de Bruine, und der Minister für öffentliche Arbeiten, Jonkheer van Lidth de Jeude, ferner der Gouverneur der Provinz Nordholland sowie der Bürgermeister und die Ratshecren der Stadt Amsterdam. Der Kultusminister hielt eine Ansprache, in der er hervorhob, daß die holländischen Juden in hohem. Maße zum Gedeihen und zur Blüte Hollands beitragen. Ministerpräsident Dr. H. C o 1 i j n hat in einem vielbeachteten Zeitungsaufsatz in ähnlicher Weise darauf hingawiesen, daß die Juden Amsterdams für diese Stadt so viel getan und dem Namen Hollands in der Welt so viel Ehre gebracht haben. Königin Wilhelmine hat der Gemeinde ein in herzlichen Worten abgefaßtes Glückwunschtelegramm übersandt. Eine besonders eindrucksvolle Anerkennung der nationalen Haltung der Juden ist Mitte November in England erfolgt. In London fand im Rahmen der Feier des Waffenstillstandstages eine Gedenkfeier für die gefallenen jüdischen Soldaten des Weltkrieges statt. Der Chef des englischen Generalstabes, Feldmarschall Sir Archibald A. Montgomery-Massingverd, nahm den Vorbeimarsch von 5000 jüdischen Kriegsteilnehmern ab, und hielt auf einer Feier, die im Anschluß an den Gedenkgottesdienst stattfand, eine Rede, in der er auf die erbebende jüdische Statistik des Weltkriegs hinwies, die Vaterlandsliebe und-den soldatischen Geist der englischen Juden rühmte und erklärte, die Juden Englands dienten ihrem Vaterlande heute ebenso wie im Kriege. Immer wenn von soldatischen Leistungen der Juden gesprochen wird, schweift unser Blick zurück zu den Makkabäern. An sie erinnert der Monat, in den wir jetzt eingetreten sind und der uns an seinem Ende das Chanukkah-Fest bringen wird. Es wird dieses Jahr in den jüdischen Häusern und Gemeinden besonders innig begangen werden. Denn wenn wir in der Schwere der Zeit uns der Not unserer Väter erinnern, so werden wir daran denken, daß es Gott ist, der alle Geschichte lenkt. Er sendet die Not und die Erlösung. Wir wissen nicht, wohin er uns noch führen und zu welchem Schicksal er uns ausersehen hat; und doch sind wir gewiß: es kommt der Tag, an dem wir ihm wieder neue Tempel bauen. Die jüdische Wanderoper Hier sind wirklich, wie man zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Innerhalb unserer künstlerisch-kulturellen Arbeit ist das Theater und alles, was mit ihm zusammenhängt, seit langem unser Sorgenkind. Denn selbst die mittleren und größeren Gemeinden, die an einen der Jüdischen Kulturbünde angeschlossen sind und musikalische Veranstaltungen und andere Darbietungen bei sich sehen, müssen zum größten Teil auf den Genuß des Theaters verzichten, weil keine Säle mit Bühneneinrichtung zur Verfügung stehen. So entbehren sie unter den Kunstdarbietungen das Theater, und andererseits stehen noch genügend jüdische Schauspieler, Sänger, Musiker und andere. Kräfte zur Verfügung, die im Rahmen der gesamten jüdischen Kulturarbeit auf Beschäftigung warten. Beiden Teilen — Publikum und Künstlern — ist nun geholfen durch die Schaffung der „Gastspiel-Oper des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbünde Deutschlands und der Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin“; sie gibt jüdischen Künstlern neue Arbeitsmöglichkeiten, denn sie gestattet es auch weniger großen Gemeinden, sich einen Theaterabend „kommen zu lassen“, sogar 7