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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-12-01 · 12 (1.12.1935) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
12 (1.12.1935)
Date
1935-12-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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V erbandsarbeit schafft Kinderfreuden Von Pauline Leudesdorf. Die GroBstadtgemeinden haben immer gewußt, was sie unseren Klein- und Mittelgemeinden schuldig sind. Die meisten im Verbands- und Gemeindeleben führenden Männer stammen ja, zumindest von den Großeltern her, aus der Kleinstadt, und so ist denn niemals mit kaltem Herzen gegeben oder gearbeitet worden. Darin hat sich ' bis auf den heutigen Tag nichts geändert; wohl aber haben die Arbeitsmethoden sich ändern müssen, und wir haben ja in letzter Zeit oft gelesen, wie der Preußische Xandesverband jüdischer Gemeinden durch die Schaffung der Bezirksrabbinate, durch seine Kulturfährten, durch die Wanderbibliothek und auch durch die sogenannten „Festtagsaktionen“ neben seine finanzorganisatorische und verwaltungsmäßige Betreuung der Klein- und Mittelgemeinden auch die geistig-seelische Betreuung gesetzt hat. Im Anschluß an die Feiertagsaktionen hat sich seit einiger Zeit noch eine weitere Aufgabe ergeben: die gelegentliche Zusammenziehung von Kindern aus Kleingemeinden in größere, damit sie, was ihnen zuhause naturgemäß völlig fehlen muß, auch einmal große Gemeinschaftserlebnisse auf sich einwirken lassen können. Versuche dieser Art sind des öfteren gemacht worden; und, gestützt z. B. auf die großen Erfolge der Kinderkurse in „Haus Hertha“ bei Dorsten i. W. und auf „Wilhelminenhöhe“ in Blankenese bei Hamburg, hat der Landesverband gelegentlich seiner diesjährigen Sukkoth-Aktion überallhin die Anregung gegeben, Kinder aus Kleingemeinden an den Sukkoth- und Simchas-Thorah- Feiern der größeren Gemeinden teilnehmen zu lassen. Das ist dann auch geschehen; der Provinzialverband Altmark hat eine Anzahl von Kindern nach Landsberg a.W. gebracht, und der Brandenburgische Verband hat seine Kinder in Berlin vereinigt; überall war der Jubel groß und der Eindruck tief. Und auch aus Schlesien und Ostpreußen liegen Nachrichten vor, die es wünschen lassen, daß diese Kinderfeiem zu einer allgemeinen und regelmäßigen Einrichtung ausgebaut werden. Es ist kaum zu beschreiben, was da an stürmischer Kinderfreude, an herzerhebenden Erlebnissen, an unvergeßlichen Eindrücken hervorgebracht wird. Nicht weniger als 43 Kinder hatte der Verband der Synagogen-Gemeinden der Provinz Niederschlesien zu Sukkoth in Breslau vereinigt, Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren, aus 12 verschiedenen Orten, darunter aus Dörfern mit nur einer einzigen jüdischen Familie. Nun kamen sie, zum ersten Mal in ihrem Leben, nach Breslau, in die Großstadt und sahen, ebenfalls zum ersten Mal in ihrem Leben, das stark pulsierende Leben der jüdischen Gemeinschaft in Gemeinde und Jugendbünden. Was diesen Kindern allein schon der bloße Anblick der beiden Gemeindesynagogen („Neue Synagoge“ mit liberalem und „Storch- Synagoge“ mit konservativem Ritus), die festlich gefüllten Gotteshäuser an den Sukkoth-Tagen, die Feier in der Gemeinde-Sukkah und der von Logen und Frauenbund veranstaltete Kindernachmittag bedeutet haben, das läßt sich mit Worten nicht ausdrücken. Und doch ist ein Versuch gemacht worden, es in Worte zu fassen — in die Worte der Kinder selbst. Das geschah in Ostpreußen. Dort hatte man ebenfalls etwa 40 Kinder aus einer größeren Anzahl von Orten nach Rastenburg zur Feier des Schlußfestes und des Simchas- Thorah-Festes zusammengezogen. Und der dortige Kantor Hecht, der die ganzen Feiern leitete, hat die Kinder veranlaßt, ihre Eindrücke von dieser Feier niederzuschreiben. Da liegen sie nun vor mir — ein hoher Stapel von Kinderbriefen, oft mit ungelenker Hand geschrieben, manche auch den „guten“ Aufsatzschreiber verratend, aber alle randvoll des tiefsten und echtesten Erlebens! Wie haben sich die Kleinen gefreut, daß sie Sterne und Papierketten schneiden durften, wozu für sie in dem kleinen Oertchen mit drei Kindern das ganze Jahr hindurch kein Anlaß besteht. Welches Erlebnis war ihnen der Anblick der noch aus besseren Jahren stammenden stattlichen Rastenburger Synagoge. Wie neu war ihnen der geregelte, gut besuchte Gottesdienst, vor allem der Umzug mit den Thorah-Rollen und mit den Fähnchen. Und nicht als ein 6 Trapjpjpps"*' ■ Zeichen allzu kindlicher Vergnügungssucht möchte ich es auf fassen, daß in allen Briefen das Aufsammeln der Bonbons, die „die Damen von oben herunterschmissen“, eine so wichtige Rolle spielt, sondern vielmehr scheint mir das zu zeigen, wie arm an Freuden und Erlebnissen das Leben dieser Kinder sein muß. „In Rastenburg sah ich auch das Postgebäude“, jubelt eine Kleine; und alle ohne Ausnahme lassen in ihren Briefen erkennen, daß sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Judentum nicht nur gelernt, sondern gesehen und empfunden haben. Sie wissen nun, daß sie als Juden nicht allein stehen, sondern daß sie Glieder einer großen, lebendigen, zukunftsträchtigen Gemeinschaft sind. Das gibt ihnen Frohsinn, Mut, Stolz, Lebensfreude und Lebenskraft „Es ist zu hoffen“, heißt es in dem Breslauer Bericht, „daß die zwischen den Kindern geschlossene Freundschaft zu wiederholten Einladungen, von der Großstadt nach der Kleinstadt und umgekehrt, führt. An den Verband ist der Wunsch herangetreten, die -Veranstaltung, sobald es die Verhältnisse gestatten, zu wiederholen.“ Ach ja — es soll nur recht oft wiederholt werden, und in möglichst vielen Gegenden. Chanukkah steht vor der Tür, unsere Kinder möchten es feiern. Die größeren Gemeinden brauchen nur zu rufen — Quartier und Verpflegung werden jüdische Eltern überall zur Verfügung stellen; was für gemeinschaftliche Feiern an Kuchen und Kaffee nötig ist, wird leicht aufgebracht, für den geistigen Teil sorgen Rabbiner, Lehrer und Jugendführer. So können beute wieder die größeren Gemeinden den Landgemeinden ihre Dankesschuld abtragen, und wir alle werden um ein segenreiches Teil jüdischer Verbandsarbeit reicher. Ja, wir werden reicher: denn was da an Liebe in die Kinderherzen gesenkt wird, das wird wachsen und Früchte tragen. Chronik des jüdischen Lebens Als wichtigste Vorgänge aus dem wirtschaftlichen Leben der Juden in Deutschland sind einmal die am 15. November ergangenen Ausftthnmgsbestimmungen zu den Nürnberger Gesetzen und das Ausscheiden der amtlich bestellten jüdischen Kursmakler und Kursmaklerstellvertreter aus ihrem Amt am 22. November zu nennen, und sodann die viel erörterten Verkäufe jüdischer Geschäftshäuser, durch die nicht nur unsere Menschen und Familien betroffen werden, sondern durch ’ die auch unsere Gemeinden vielfach ihre besten Steuerzahler verlieren; es wird noch schwerer sein als vorher, das Gemeindeleben und die Etats der Gemeinden aufrecht zu erhalten, und zugleich wachsen die Sozialaufgaben der Gemeinden, denn zahllose jüdische Angestellte werden im Zuge dieser Geschäftsverkaufs-Bewegung erwerbslos. So stehen wir wieder vor neuen Aufgaben und neuen Lasten, sowohl im Hinblick auf die Betreuung der hier Verbleibenden, wie auf die Förderung der Auswanderung. Was insbesondere die Wanderung nach Palästina anbetrifft, so hat das gerade jetzt gefeierte 15 jährige Jubiläum des Keren Hajeüod gezeigt, wie segensvoll jede Arbeit ist, die nach einem wirklichen Programm und Plan geleistet wird. Führende Persönlichkeiten der ganzen Welt haben dem Keren Hajeßod öffentlich gratuliert, darunter der Präsident der Vereinigten Staaten, Roosevelt; aus England vor allem Lloyd George; aus Afrika der frühere Ministerpräsident und jetzige Justizminister der Südafrikanischen Union, General Smuts; aus Prag der Minister Dr. B e n e s c h und viele andere Persönlichkeiten aller Länder. Die vielfach veränderte Stellung der Juden Deutschlands gegenüber dem Palästina-Problem mag auch eine der Ursachen sein, daß man auf Grund eines von den jüdischen Parteien getroffenen Uebereinkommehs jetzt das Flfty-Fifty-Prinzlp im Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde einführen will. Eine derartige Regelung zwischen, den jüdischen Parteien in Berlin ist natürlich auch für die Gemeinden im Reich von Bedeutung, da Berlin nun einmal die bei weitem größte und die führende jüdische Gemeinde im Reiche ist. So hören wir denn, daß die Synagogen-Gemeinde Breslau sich dem Berliner Vorgehen angeschlossen und in ihren Körperschaften wie auch in ihrem Schulwesen eine ähnliche Regelung und Einigung getroffen hat.

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