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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-12-01 · 12 (1.12.1935) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
12 (1.12.1935)
Date
1935-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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—v wnart*’ hier nicht über ihre Leiden zu sprechen 1“ Dies Sprechen, dies fruchtlose Wühlen im Schmerz macht nur schlimmer. Denn bei Lichte besehen ist es ein liebevolles Hegen und Pflegen der Krankheit und veranlaßt die übrigen Patienten, das gleiche zu tun. „Wir bringen unsere Tage zu wie ein Geschwätz“, sagt der Psalmist. Er sagt es, damit wir — aufhören I Diese sogenannten „Unterhaltungen über die Gegenwart“ sind in der Tat müßiges, immer weiter deprimierendes Reden über das zufällige Dies und Das. Haben Sie schon gehört?, wissen Sie schon?, glauben Sie-ja, w a s glauben wir eigentlich? Glauben, nein wissen könnten wir immerhin schon das, was wichtiger ist als alle unzusammenhängenden Einzelheiten: das Prinzipielle, Gesetzmäßige und Unveränderliche an der Geschichte des Judentums. Sie ist nicht „Vergangenheit“, sondern ebenso wie unsere Gegenwart zur Geschichte gehört, so gehört auch unsere Geschichte zur Gegenwart, wirkt in sie hinein und bestimmt das Leben eines jeden Einzelnen von unsl Es wird oft gesagt, die Geschichte wiederhole sich nicht. Wer aber die Geschichte des Judentums ansieht, der wird feststellen müssen, daß sie eine einzige Kette immer sich gleichender, gesetzmäßiger Wiederholungen ist. Alle Strafandrohungen der Propheten haben sich immer wieder erfüllt — aber auch alle Verheißungen! Diese Erkenntnis erfüllt uns mit neuer Kraft und läßt keine Verzweiflung in uns aufkommen. Das ist der Grund, warum die Formung eines neuen, eines jüdischen Geschichtsbewußtseins uns ebenso wichtig ist wie Brotr Gewiß: Brot muß geschafft werden, und die Geistesarbeit kann unsem Menschen nicht ihre Tagesnöte abnehmen. Aber man darf sicher sein: alle jüdischen Lehrer, Erzieher, Künstler, Geistesarbeiter teilen heute diese Not und stehen in einer Reihe mit denen, zu denen sie sprechen. Sie kennen, ja sie teilen die Sorge der Väter, die abends ihre Tageseinnahme zählen und sich fragen, wie sie ihre Lieben durchbringen sollen; die Nöte der Mütter, die als Hausfrauen den Nahkampf mit dem Leben zu führen haben; die Ratlosigkeit der Jugendlichen, die nicht wissen, auf welchen Beruf sie sich vorbereiten sollen und ob sie nicht, wenn sie sich heute für eine bestimmte Ausbildung entscheiden, nach einigen Monaten wünschen werden, sie hätten sich auf eine ganz andere Berufsarbeit spezialisiert! An diesen Sorgen haben die Geistesarbeiter und ihre Familien genau so teil wie jeder andere. Und gerade auch diesen Sorgen gilt alle ihre Kultur- und Erziehungsarbeit, gilt das ganze heute immer vielgestaltiger werdende jüdisch-kulturelle Lebenl Schon in alten Tagen hat der Prophet Jesaja ausgerufen, was der Sinn aller geistigen Bildungsarbeit ist: „Gott, der Herr, gab mir eine Zunge der Belehrung, daß ich verstehe, mit dem Worte den Matten zu stütze n.“ Das ist es! Wir alle sind krank und matt, und insbesondere die ältere Generation fragt sich oft, ob sie noch wieder bessere Tage erleben wird. Versteht sie aber — anstatt über das Dies und Das müßig hin- und herzureden — daß in der Geschichte des Judentums noch jedem Ab ein Auf gefolgt ist, dann darf man wohl sagen: die jüdischen Eltern müssen noch erst gefunden werden, die nicht unter Tränen jubeln, wenn sie erkennen, daß sie gewürdigt sind, das schwere Schicksal auf «ich nehmen zu dürfen, damit unsere geliebten Kinder eine neue Zukunft gewinnen — wir wissen nicht, w o und wie, aber wir wissen, daß es so kommt. Das ist heilig und gewiß. Und dieses jüdische Geschichtsbewußtsein, wenn es auch keine der TagesschwierigkeHen beseitigt, so beseitigt es doch jede Furcht, daß wir ihrer nicht Herr würden. „Was wird aus uns?“ — die Geschichte gibt Antwort, gibt diese Antwort uns, uns Lebenden und Gegenwärtigen, uns Heutigen. Wir tragen Not, aber wir werden leben, — das ist es, was sie sagt. So finden wir uns mit allem, mH allem Materiellen und mit allem Geistigen, hingewiesen auf unsere jüdische Gemeinschaft; abgeschlossen von der Umwelt erfahren wir so das Judentum und seine konkrete Orgamsationsform, die Jüdische Gemeinde, als Zentrum und Träger unseres Lebens. Judentum und jüdische Gemeinde, sie sind es, die uns das Leben nicht nur gaben, sondern auch verbürgen. Und ist uns auch die Aussicht in die Zukunft versperrt wie mit Dornen, so dürfen wir doch wissen, daß es durch Dornen vorwärts geht! Chanukkah steht vor der Tür, mit seiner Erinnerung an Not, Kampf und Tempelreinigung. Fort darum aus unseren Unterhaltungen und Gedanken mit allen fruchtlosen, schlimmer machenden Krankengesprächen. Nehme sich jeder in Zucht und Disziplin. Die Makkabäer und der Tempel — jeder kann mithelfen im Kampf: durch Hingabe an-seine jüdische Gemeinde und alle ihre Einrichtungen. Und jeder kann mitschaffen am Tempel: durch Lernen, durch Beschäftigung mit den Kulturgütern, die seine Gemeinde ihm vermittelt. Dieses Lernen erst schafft jene Felsengewißheit des Geistes, die uns die Tagessorgen — nicht vergessen, nicht unterschätzen, wohl aber siegreich bestehen läßt, weil sie es ist, die aller Arbeit und Tat das Gedeihen gibt, Fort mit allem Sinnieren und Resignieren, und Preis dem Lenker der Geschichte, der uns — nach jeder Not wieder — das Licht der Tempelweihe entzünden läßt! Die neuen Verordnungen zu den Nürnberger Gesetzen Von Rechtsanwalt Dr. Erich Eyck, Berlin. Am 14. November sind zu den beiden vom Reichstag in Nfirnberg am 15. September 1935 beschlossenen Gesetzen, dem Reichsbürgergesetz und dem Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, Ausführungsverordnungen ergangen, die die Bedeutung dieser Gesetze für uns in vielen Richtungen erst klarstellen. Die Nürnberger Gesetze verwenden im Gegensatz zu dem. Berufsbeamtengesetz und dem Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft vom April 1933 nicht den Begriff der „nichtarischen Abstammung“, sondern des „deutschen oder artverwandten Blutes“ einerseits und des „Juden“ andererseits. Die Ausführungsverordnungen ergeben, da& die beiden Begriffspaare sich keineswegs decken. Denn sie führen neben den Begriff des Juden noch den des. „jüdischen Mischlings“ rin. Der jüdische Mischling unterscheidet rieh von dem Juden durch die Z«hi der „volljüdischen Großelternteile“. Wer drei oder vier volljüdische Großeltern hat, ist Jude, wer nur ein oder zwei volljüdische Großelternteile hat, ist jüdischer Mischling- Dabei wird auch der volljüdische Großelternteil rassemäßig; bestimmt, so daß z. B. eine christliche Großmutter, dienachweislich von jüdischen Eltern stammt, als voÜjüdisd» anzusehen wäre; gehörte sie der jüdischen Religionsgemeinschaft selbst an, so gilt sie „ohne weitere« als volljüdisch“. Die Unterscheidung zwischen Juden und jüdischen. Mischlingen wird nun aber andererseits dadurch eingeschränkt, daß in gewissen Fällen auch derjenige, der nach seiner Abstammung als Mischling anzusehen wäre, juri- 2

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