Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 12 (1.12.1935)
- Date
- 1935-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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GEHEINDEBLATT FÜR NE JÜDISCHEN GEMEINDEN PREUSSENS VERWALTUN GSBLATT DES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN Alle «Ii»d wa ridrfen ma dm Verw«I(aiif»> —d Gewmtndeblmtt§dm Fmiftidiea Ltodefmbandea JOdinher Gfftricn, Btn.*Q>erlottenburf 2, Kintitr.158, IL Stock Der Brnnemcle A* A Et»—iw—betrifft!• Pfeoniff. VereafwortMdier Leiter des Inseratenteile! Joseph Jnstrov, Berlin W15, Kelsernllee I 13. Jahrgang Berlin, den 1. Dezember 1935 Nr. 12 Das Wichtigste Die Ausführungsbestimmungen zu den Nürnberger Gesetzen wirken sich an uns Juden in zweifacher Weise aus. Sie greifen einmal tief in das äußerlich-materielle Leben vieler unserer Menschen ein und stellen diese sowie auch unsere Gemeinden und Sozialeinrichtungen vor neue Probleme und Aufgaben. Zum andern aber ergänzen und vollenden sie den Prozeß unserer Ausschließung und Abschließung vom öffentlichen Leben des deutschen Volkes. Beides hat zur Folge, daß die einzelnen Juden mehr und mehr die jüdische Gemeinschaft als ihren sozialen Rückhalt und kulturelles Zentrum erkennen lernen. So muß also — unter Ueberwindung aller sich türmenden finanziellen Schwierigkeiten — der Ausbau unserer sozialen Institutionen weitergehn, und auch das geistig-kulturelle Leben wird ausgestaltet und bereichert. Diese jüdische Kulturarbeit aber auf den Gebieten des Verlags-, Presse- und Veranstaltungswesens ist es, die viele nicht verstehen oder gar als im Widerspruch zu den Tageserfordernissen empfinden. Denn, so wird gesagt, und das ist auch richtig, die allerwichtigste Frage ist doch die praktische: Was wird aus uns? Vor ihr hat alles andere zu verstummen. Unsere Menschen in Stadt und Land sind vielfach so verzweifelt, daß alles, was die Frage nach unserer Zukunft unbeantwortet läßt, schweigen muß. Aber es muß auch verstanden werden, daß es auf diese Frage nach der Zukunft eine doppelte Antwort gibt. Zunächst eine solche der Tat; sie wird gegeben von und in allen unseren sozialen Einrichtungen: in den Beratungsstellen, in den Wirtschaftszentralen, Darlehnskassen, Arbeitsämtern, Ausbildungskursen, Auswanderungsorganisationen usw. Diese Arbeit ist sehr vielfältig. Von all den tausenden von Fällen liegt jeder anders, und es gibt keine Patentlösung, über die sich in populärer Form sprechen ließe. Denn jüdische Sozialarbeit ist nachgerade eine komplizierte Wissenschaft geworden; die auf allen ihren Gebieten größte Fachkenntnis erfordert. Die praktische Antwp^t auf die Frage der Zeit ist die Tat! Aber das mjht die andere Antwort, die des Geistes, nicht überfijfrsitt. Ujnd man darf,sich überzeugt halten, daß es denen, die sich der jüdischen Geistesarbeit widmen, um nichts weniger geht als etwa um leeres Bildungsexerzitium, totes Buchwissen oder gar leichtfertigen Zeitvertreib. Der Geist ist um des Lebens willen da — nichts weiter; es geht auch hier um nichts anderes als ym die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. Diese Gestaltung aber, die jüdische Tat, kann von den Zentralstellen immer nur angeregt, organisiert werden; wirklich getan, vollführt werden muß sie von der Gesamtheit, von allen, von jedem. Und wie wäre das anders zu erreichen, als nur auf dem Grunde eines neuen Geistes?! Führen konnte ein Einzelner, konnte Mose; gehen mußte ganz Israel, das konnte selbst' ein Mose niemandem abnehmen, das mußte jeder selbst tun. Und dazu war es nötig, daß jeder das Ziel erkennen lernte! Dieses Ziel aber wird man nicht erkennen, wenn man immer nur von der Gegenwart spricht. Jedesmal wenn Israel auf seiner Wüstenwanderung von der Gegenwart sprach, sah es nur die Gefahren und — murrte! Und das Ergebnis solchen „Beschäftigens mit der Gegenwart“ war, daß es noch vierzig Jahre in der Wüste verbleiben mußte. Ist es heute anders? Führt uns nicht auch heute das geistlose Reden oder energielose Brüten über die Gegenwart immer tiefer in unsere Wüste?! Man gehe nur hin in manche unserer Wohnungen und Zusammenkünfte und sehe sich an, was diejenigen, die die Geschichte für Vergangenheit halten — was sie ihre Gegenwart nennen; es ist oft kümmerlich genug, und viele unter uns gleichen dem Kranken, der vom Arzt verlangt, er solle ihn augenblicklich, sofort und schmerzlos gesund machen! Das ist unsinniges, unbändiges Verlangen; denn Krankheit kommt bekanntlich zu Pferde und geht zu Fuß weg. Ohne Geduld geht es da nicht ab, und vor allem nicht ohne Energie und Selbstdisziplin des Patienten! Jeder von uns ist heute Patient, und wir alle sitzen im Wartezimmer. Da hat sich jeder in die Selbstzucht zu nehmen und das zu befolgen, was im Wartezimmer mancher Aerzte angeschrieben steht: „Die Patienten werden gebeten,