Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 11 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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wünscht ist, den Juden aber fiberlassen bleibt, selbst ein Winterhilfswerk für die Juden in Deutschland einzurichten, wobei insbesondere für die Belieferung von Bezugsscheinen von der Reichsleitung des Winterhilfswerks des Deutschen Volkes den jüdischen Stellen Unterstützung zugesagt wurde. Es hieße den Aufruf der Reichsvertretung — der von allen größeren Organisationen, insbesondere auch vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden mitunterzeichnet und an anderer Stelle unseres Blattes veröffentlicht ist — es hieße diesen Aufruf abschwächen, würde hier noch einmal die Bedeutung des Jüdischen Winterhilfswerks darzulegen unternommen. Es ist ganz selbstverständlich, daß jeder einzelne unserer Menschen sich bis zur letzten Grenze seiner Möglichkeit opfernd an diesem Werk beteiligt! Inzwischen sind der jüdischen Oeffentlichkeit nun auch die die Einzelheiten regelnden „Richtlinien für die Durchführung der Winterhilfe unter der jüdischen Bevölkerung in Deutschland“ bekanntgegeben worden. Der Kreis der Hilfsbedürftigen wurde festgesetzt und dabei u. a. bestimmt, daß keine Ausnahmen für Ausländer bestehen. Zur Aufbringung der Mittel werden Lohn- und Gehaltsempfänger, Gewerbetreibende und Angehörige der freien Berufe sowie Inhaber von offenen Handelsgesellschaften herangezogen; bei allen Berechnungen der monatlichen Geldspenden usw. wurden die für das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes geltenden Grundsätze zur Anwendung gebracht. An den Eintopfsonntagen des Winterhilfswerks des Deutschen Volkes werden Eintopfspenden in den jüdischen Haushalten und Gaststätten gesammelt werden, und mindestens zweimal in jedem Monat finden auch Pfundsammlungen statt. Diese von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland veröffentlichten Richtlinien haben die Zustimmung des Herrn Reichsbeauftragten für das Winterhilfswerk des Dentschen Volkes gefunden. An der jüdischen Bevölkerung wird es liegen, zu zeigen, daß wir alle die Zeichen der Zeit verstanden haben. Vielfach diskutiert wird zur Zeit das Hausangestelltenproblem. So wenig dieser ganze Fragenkomplex unterschätzt werden darf, so wenig darf er auf der anderen Seite überschätzt werden! Wir Juden sind schon mit ganz andern Schwierigkeiten fertig geworden — in alten Tagen, aber auch jetzt. Denn im Zeichen der Berufsumschichtung und des Palästina-Aufbaus haben unsere Menschen gelernt, die Unterscheidung zwischen „wertvoller“ und „weniger wertvoller“ Arbeit aufzugeben, da jede Arbeit gleich wertvoll ist, wenn sie notwendig nnd nützlich ist und mit Sorgfalt und Hingabe verrichtet wird. Wir sind stolz darauf, daß diese Erneuerung des Denkens und Tuns sich bei allen denen vollzogen hat, denen das Leben ein neues Schicksal bereitet hat. Nun werden sich ganz entsprechend auch diejenigen umstellen, die es bisher noch nicht nötig hatten. Alle werden zufassen. Und wo Krankheit, Alter oder andere Hemmnisse Hilfe nötig machen, da wird man sich mit Tageskräften helfen, die sich uns aus unseren eigenen Reihen zur Verfügung stellen. Die Gemeinden und ihre Arbeitsnachweise werden dabei helfend allen zur Seite stehen. Sehr bedeutsam ist die Entwicklung, die das jüdischkulturelle Leben in Deutschland genommen hat. Die Zusammenfassung aller Kulturorganisationen und Künstler im Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in ständiger Zusammenarbeit mit den Behörden ist eine weithin beachtete Tatsache, deren segenvolle Auswirkungen sich noch zeigen werden. Die jüdische Oeffentlichkeit ist dem Leiter des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbünde, Herrn Dr. .Kurt Singer, für das, was er erreicht hat, zu größtem Dank verpflichtet, und sie gab ihrer Anerkennung in spontaner Weise dadurch Ausdruck, daß sie mit größter Herzlichkeit Herrn Dr. Singer zu seinem soeben begangenen fünfzigsten Geburtstag ihre Glückwünsche übermittelte, und auch bei der Eröffnung des neuen Berliner Kulturbundtheaters (mit Hebbels „Judith“) wurde Dr. Singer stark umjubelt. Sein Werk wird Früchte tragen! An noch zwei andere Männer sind in den letzten Wochen Glückwünsche gerichtet worden, diesmal von den Lord Reading 75 Jahre (10. X.) als Vizak&nlg von Indian Fot. Sonaanfald Juden der ganzen Welt Der eine ist Lord Reading, der am 10. Oktober sein 75. Lebensjahr vollendete. Er hat als Vizekönig von Indien, als Lord-Oberrichter, als außerordentlicher englischer Botschafter in den Vereinigten Staaten und für kurze Zeit auch als englischer Außenminister die höchsten Stellen erreicht, die jemals einem glaubenstreuen Juden beschieden waren; und er, der .aus allerkleinsten Verhältnissen sich so hoch emporgearbeitet hat, ist stets für seinen Glauben und seine Glaubensgenossen mit Wort und Tat eingetreten. — Ebenfalls 75 Jahre alt wurde im Oktober Professor Simon Dubn o w, der große jüdische Geschichtsforscher, den eine gütige Vorsehung uns gerade in dem Augenblick geschenkt hat, in dem. Millionen von . Juden sich neu auf jüdische Vergangenheit und Geschichte besinnen. So ist Dubnow durch sein unvergängliches Lebenswerk nun selbst eine geschichtliche Figur geworden. Die „Chronik“ wäre nicht vollständig, würde sie nicht auf die Vorgänge in Süd und Südost mit kurzen Worten eingehen. Da ist zunächst zu sagen, daß die Einführung der Monarchie in Griechenland die Stellung der dortigen Juden nicht gefährdet; im Gegenteil darf das monarchische Regime als Garant der jüdischen Gleichberechtigung betrachtet werden. — Und ebenso wenig bietet der italienisch-abessinische Krieg einen Grund zur Beunruhigung für die Juden in Palästina. Der High Commissioner für Palästina, Sir Arthur Wauchope, weilt zur Zeit in England und hat an die Bevölkerung Palästinas eine Botschaft gelangen lassen, in der er darauf hinweist, daß er selber infolge der gesicherten Lage erst Mitte November nach Jerusalem zurückkehrt und daß kein Grund zur Beunruhigung vorhanden ist — Inzwischen ist bekannt geworden, daß Palästina an den Sanktionen gegen Italien teilnimmt, aber die dortige Bevölkerung wird davon nicht betroffen, ebenso wie auch die Einwanderung durch die Lahmlegung des italienischen Schiffsverkehrs keine Unterbrechung erleidet 8