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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-11-01 · 11 (1.11.1935) · p. Seite 7

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
11 (1.11.1935)
Date
1935-11-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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mmm rein gewesen. In den gleichen Jahrhunderten hat das Land die Zeit seines tiefsten Niederganges erfahren. Wo früher blühendes Leben herrschte, war jetzt Oede und Unsicherheit. Noch bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts hinein gehörte eine Reise in das Innere Siziliens zu einem gefahrvollen Unternehmen. Die Stunde der Wiedergeburt der Insel schlug mit der Einverleibung in das1 junge Königreich Italien. Garibaldi, . der N&tiodalheld des. modernen Siziliens, hat dem Lande dqn Anschluß ermöglicht. Erst dn jüngster Zeit entwickeln sich in Sizilien bescheidene Anfänge neuer Judengemeinden. Mit der Erwerbung Triests am Ausgang des Weltkrieges kam ein neues jüdisches-Element in das Königreich. Und wenn wir heute in Sizilien manchen,* deutschklingenden jüdischen Namen begegnen, so ist Wohl ein Triestiner Jude sein Träger — ein interessanter-^Beitrag zu dem weiten Wanderungsweg, den das jüdische Volk auf dem Wege durch die Zerstreuung zu machen hat. Heute bereiten sich fei den Orangenpflanzungen Siziliens junge Juden für ihre: spätere Arbeit in Erez Israel vor. Ob sie wissen, auf we\ph für die jüdische Geschichte so seltsamem' Boden sie dliese ihre Arbeit für eine neue Zukunft unseres alten Stammes vollbringen? Der Bezirksrabbiner kommt zur Kleingemeinde Von Bezirksrabbiner Dr. Fritz Plotke, Landsberg a. W. Wenn man als Großstädter, wie der Schreiber dieser Zeilen, zu den kleinen Bezirksgemeinden kommt, bedarf es einer inneren Umstellung, um überhaupt ein Verhältnis zu diesen winzigen Kehillot zu finden. Hier ist nichts vom Rhythmus der Großgemeinden zu spüren, alles fehlt, was eine Großgemeinde kennzeichnet: die Verwaltungsgebäude und die geräumigen Synagogen mit ihrer Fülle von Besuchern. Alles ist auf einen kleinen Raum zusammengedrängt. Ein vollbesetztes Gotteshaus erlebten diese Menschen nie, deren Zahl erst recht heute durch die Abwanderung mehr und mehr zusammenschrumpft. Manchem wird es schwer ums Herz bei dem Gedanken an die Zukunft seiner Heimatgemeinde. Und da erkennt man als Rabbiner eines: Diese Gemeinden, die kleinen und kleinsten, haben darum kein geringeres Anrecht darauf, als Kehillot gewertet und behandelt zu werden. Je winziger ihr Umfang, desto größer die Pflicht liebevoller, verständnisvoller Hilfe, denn hier warten Menschen darauf, daß man ihnen aus ihrer Isolierung heraushilft, um sie ihre Zugehörigkeit zum Klas Jisrael, zum Ganzen, zur großen jüdischen Gemeinschaft erleben zu lassen. dunklen, vom Alter geschwärzten, sprechen — sie könnten so manches aus der Geschichte der Gemeinde erzählen. Da steht man nun und spricht zu der Gemeinde. Ein Minjan ist versammelt. Er kommt nicht immer zusammen, Man spricht vom Heute und vom Gestern und redet von der Zukunft. Die Gemeinde ist ernst geworden, und manchem stehen die Tränen in den Augen. Aber wenn man dann von der kleinen Kanzel henpitersteigt, strecken sich yeinem Hände entgegen. Dann wird einem nicht nur ein Wort des Dankes gesagt, weil es die Sitte verlangt, sondern man liest es in den Blicken, daß der Konnex gefunden ist zwischen der Gemeinde und dem Bezirksrabbiner. . Sie sagen einem, wie sie ein dawar b’ito „ein Wort zu einer Zeit“ aufgerichtet habe. Für eine kurze Stunde seien sie aus ihrer qualvollen Einsamkeit erlöst worden, und jetzt wüßten sie wieder, daß die Menschen da draußen in den größeren Gemeinden ihre Brüder seien, ihre Schwestern, und daß ihr Schicksal und ihre Hoffnung ihnen allen gemeinsam sei. Das Abendgebet ist verklungen. Die Kinder der kleinen Gemeinde zeigen dem Rabbiner ihre Kenntnisse im Hebräischen und in jüdischer Geschichte. Sie wissen, daß sie ihn durch ein hebräisches Lied oder eine Sabbatmelodie erfreuen “können und darum tragen sie ihm, unter dem freudigen Beifall der erwachsenen Zuhörer, ihre Gesänge vor. Man steht noch lange im Gotteshaus beieinander. So mancher hat ein Anliegen an den Rabbiner. Die Einen leiden bittere Not, es fehlt am Nötigsten, und die Gemeinde ist schwach, sie kann nicht genügend helfen. Ein junger Mann wendet sich an den Rabbiner mit seinen Berufssorgen — was soll aus ihm werden? Man rät ihm zu einem Beruf und verspricht ihm weiter zur Seite zu stehen. Der Vorsteher trägt dem Rabbiner Wünsche der Gemeinde vor, und man verspricht zu helfen, soweit es möglich ist. Und dann geht man zu manchem ins Haus. Kranke blicken einen erst fragend an, dann aber löst sich ihre Ueberraschung in Freude, wenn sie hören, daß man der Rabbiner sei und mit ihnen ein wenig plaudern möchte. So vergeht der Tag. Junge und Alte treffen sich abends noch einmal im Garten oder im Hause eines Gemeindemitgliedes, um noch einige Zeit mit dem Rabbiner Zusammensein zu können. Man sieht es den Meisten an, daß man nicht vergeblich gekommen ist. Man ist wieder gläubig geworden, wieder aufgerichtet, man weiß, daß man nicht verlassen ist, sondern daß der Bezirksrabbiner für sie da ist, ihnen zu helfen mit dem Wort und mit seiner Tat. Und wenn man dann spät abends heimfährt und einem ein herzliches „Auf Wiedersehn“ nachgerufen wird und auf dem Bahnsteig noch immer eine Hand nachwinkt, dann begreift man, daß die Schaffung der Bezirksrabbinate eine segenvolle Tat war, für die Klein- und Kleinstgemeinden dem Preußischen Landesverband aufrichtigen Dank Nur wer so als Rabbiner zu seinen Bezirksgemeinden steht, wird die Größe seiner Mission begreifen: Man teilt der Gemeinde sein Kommen mit und liest in dem Antwortschreiben, wie sehr man erwartet wird. Man will sich mit dem Rabbiner aussprechen, seine Nähe fühlen, neben ihm stehen, als könnte er jedem aus seinen kleinen und großen Nöten helfen. Und wenn man dann nach mühevoller, oft umständlicher Fahrt auf dem kleinen Bahnhof eintrifft und von jemandem empfangen wird, dann ist schon die Brücke zu dem da und seiner Gemeinde geschlagen. Die Gemeinde 30—40 Menschen, oft noch viel weniger, hat sich schon im Gotteshaus versammelt und erwartet den Bezirksrabbiner. Was weiß der großstädtische Jude von dem eigentümlichen Reiz, der von einer kleinen Provinzstadtsynagoge ausgehtl Oft ist alles schon verfallen, Pilz wuchert auf dem Boden, die Decke ist beschädigt, so mancher Sturm hat am Haus gerüttelt. Die Bänke einfach und schmucklos, in der Mitte manchmal ein kunstvoll gebauter Almemor, aber die Treppe knarrt, wenn man hinaufsteigt. Alles ist uralt! Eine Tafel an der Wand von riesiger Größe, ein Gebet für König und Land aus dem Jahre 1800. Man wird nachdenklich. Wieviele Generationen mögen hier vor ihrem Gott gestanden haben! Wie mancher mag hier Trost im Leid gefunden haben, wieviel Freude mag hier erlebt worden sein! Könnten die Wände, die Chronik des jüdischen Lebens Nächst der Auswanderungsfrage, mit der wir uns an leitender Stelle dieses Blattes befassen, ist das Jüdische Winterhilfswerk diejenige Angelegenheit, die am stärksten im Mittelpunkt des allgemeinen jüdischen Interesses steht. Infolge von Veröffentlichungen der Tagespresse waren innerhalb der jüdischen Kreise Mißverständnisse darüber entstanden, ob die Juden in diesem Jahre wieder wie früher gebend und nehmend am Winterhilfs^ werk des Deutschen Volkes beteiligt sein würden. Es steht jetzt eindeutig fest, daß das nicht der Fall ist. Der in der bekannten Meldung des D. N. B. enthaltene Satz, „daß in der Organisation des Winterhilfwerks auch eine Betreuung der Juden vorgesehen ist“, bezieht sich, wie die Reichsvertretung der Juden in Deutschland mitteilt, auf die zwischen dem Reichsbeauftragten für das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland getroffene Regelung, derzufolge eine gebende oder nehmende Beteiligung der Juden am Winterhilfswerk des Deutschen Volkes nicht er- 7

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