Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 11 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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testen Umfang auf Duldung aufgebaut. Diese kam wohl weniger aus dem bewußten Gefühl der Toleranz als vielmehr aus der Tatsache, daß sich in Sizilien seit jeher die verschiedensten Kulturen und Nationalitäten überschnitten und daß diezahlenmäßig kleine Minderheit der normannischen Eroberer versuchen mußte, mit allen Volksteilen in gleicher Weise auszukommen. So entwickelte sich das Eigenleben der Nationen weiterhin stark, und es ist charakteristisch für diesen Staat, daß er beispielsweise in den verschiedensten Sprachen amtierte. In der Hauptstadt des Landes, in Palermo, wohnten die Nationen in verschiedenen Stadtteilen getrennt, ohne daß dies von der Regierung erzwungen wurde, es ergab sich aber diese Regelung aus der Natur der Verhältnisse. Oft ist die sizilische Monarchie König Rogers II. und die seines Enkels Friedrichs II. als das erste moderne Staatswesen gepriesen worden. Wenn man heute vielleicht auch etwas vorsichtiger mit dem Begriff „modern“ um- > geht, weil ihm mit Unrecht ein gewisses Ueberlegenheitsgefühl des Menschen des 19. Jahrhunderts zu Grunde lag, so steht immerhin fest, daß der Gedanke des Beamtentums in diesem Staate eine seiner frühesten Ausprägungen gefunden hat. Es lag auf der Linie der Totalität des Staates, daß Friedrich II. die Menschen seines so mannigfach zusammengesetzten Staatswesens im Interesse des Ganzen dort einsetzte, wo er sie am besten verwenden konnte. Es sind zwei Eigenschaften, in der die Juden in seinem Staate neben den schon erwähnten Handwerken hervortreten: als Aerzte und als Uebersetzer. Der große Stauferkaiser, der in allen Kulturen seiner Zeit heimisch war und den man oft als „stupor mundi“ als „Erstaunen der Welt“ bezeichnet hat, kannte unter anderem den „Moreh nebuchim“, den „Führer der Verirrten“ des Maimonides, von dem er sich eine Uebersetzung anfertigen ließ. Wie nahe Friedrich II. dem Hebräischen stand, geht aus einer Anekdote hervor, die der Mönch Adam von Salimbene berichtet: Der Kaiser wollte in Erfahrung bringen, in welcher Sprache Kinder redeten, die von Ammen erzogen wurden, die mit ihnen nicht sprechen durften. „Er (der Kaiser) wollte nämlich erforschen, ob sie die hebräische Sprache sprächen, als die älteste, oder Griechisch oder Latein oder Arabisch oder aber die Sprache ihrer Eltern, die sie geboren hatten. Aber er mühte sich vergebens, weil die Knaben und anderen Kinder alle starben, denn sie vermochten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen und Nährerinnen.“ Unter den jüdischen Philosophen, die zum Kaiser in Beziehung traten, ist vor allem Jakob ben Abbamari ben Simon ben Anatoli zu nennen. Auch in der ärztlichen Kunst waren die Juden damals wohl erfahren. Kaiser Friedrich II. gründete die Universität Neapel, nachdem schon vorher die berühmte MiHirinhnrh'irhija m Salerno ihre besondere Tradition hatte. Die innere Verfassung der Juden dieses Staatswesens war so geregelt, daß sie eine völlige nationale Autonomie hatten; unter einem Judenmeister stand jeweils jede Gemeinde. Er war dem Staat für das Verhalten der ihm unterstellten Gemeinschaft verantwortlich. Es ist kein Zufall, daß diese günstige äußere Lage auch ein reiches kulturelles Leben erzeugte. Die Herrschaft der Hohenstaufen in Sizilien ging bekanntlich sehr unglücklich zu Ende. Schon vier Jahre nach dem Tode Friedrichs II. starb sein Sohn König Konrad IV. 1268 fiel das Haupt Konradins, des Enkels Friedrichs II. unter dem Beil des Henkers auf dem Marktplatz von Neapel. Die Zeit des Glanzes für das südliche Königreich war vorbei. An Stelle der Hohenstaufen trat das Geschlecht der Anjous. König Karl I., der im Gegensatz zu Friedrich II. vom Papste gefördert wurde, mußte zwangsläufig wie in so vielen anderen so auch in seiner Judenpolitik einen Weg gehen, der ihm durch die Tradition des Landes vorgeschrieben war. Auch er zog Juden als Uebersetzer und Aerzte heran. Auf das Wohl einzelner hervorragender Köpfe war er besonders bedacht. Wenn er wußte, daß ein Jude vielleicht als einziger in der Lage war, ein seltenes Manuskript aus dem Arabischen ins Lateinische zu übersetzen, dann sorgte er für ihn in jeder Weise, befreite ihn und seine Familie von jeglicher Abgabe. Aus jener Zeit besitzen wir das Bild eines dieser berühmtesten Uebersetzer, das von einem Maler des Benediktinerklosters Monte Cassino angefertigt wurde. Es ist vielleicht das erste authentische Portrait aus dem Mittelalter. Wir beobachten ihn hier bei seiner Uebersetzungsarbeit in verschiedenen Augenblicken seiner Tätigkeit. Die Regierung König Karls L von Anjou lastete schwer auf dem Lande. So kam es im Jahre 1282 zur „Sizilischen Vesper“, die in ihrem Verfolg die Loslösung der Insel aus dem unteritalienischen Staatsverband brachte. Auf dem Festland regierten weiter die Anjous, in Palermo dagegen König Peter von Aragonien, dem später Herrscher aus Spanien nachfolgten. Die Wirren, in die das Land hineingezogen wurde, brachten gewaltige steuerliche Anforderungen an die Untertanen. Spanien verwaltete in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters Sizilien wie eine Kolonie. Man tat nichts mehr für diese einst blühende Insel, die im Altertum die Kornkammer Europas war. Wie überall waren es die Juden, die einen erheblichen Teil des Steueraufkommens aufzubringen hatten. Wo aber hatten sie das Geld her? Man ist heute der Meinung, daß der Reichtum der Juden nur immer ein vorübergehender war, das heißt, um ihre Stellung im Staate zu erhalten, mußten sie in jenen Jahrhunderten aus der Bevölkerung durch Pfandleihe usw. große Summen herausholen, die sie dem Staate abzuliefern hatten. Dadurch verschlechterte sich naturgemäß ihre Stellung im Lande und ihr Verhältnis zur Bevölkerung. Als im Jahre 5246 (1486) Obadja von Bertinoro nach Palermo kam, fand er die Juden nicht mehr in einem so blühenden Zustand wie einst Benjamin von Tudela; er berichtet: „Palermo ist die Hauptstadt von Sizilien. Es finden sich hier an 850 jüdische Familien, alle in einer Straße im besten Teile der Stadt. Sie sind Handwerker, Kupfer- und Eisenschmiede, Lastträger und Bauern. Sie müssen als Auszeichnung ein rotes Stück Tuch ungefähr von der Breite eines Goldstückes an ihren Kleidungsstücken am Brustteile angeheftet haben. Die königliche Steuer lastet schwer auf ihnen; denn sie müssen jede Arbeit, die vorkommt, für den König unternehmen; so müssen sie die Schiffe ans Land ziehen, Dämme machen und dergl. Sie werden auch als Exekutoren für Leibes- und Todesstrafen gebraucht. Angeber sind zahlreich unter ihnen, es kommt täglich vor, daß einer den anderen Verleumdet, so daß hier Verleumdung nicht mehr als Verbrechen erscheint . . . . Die Synagoge in Palermo hat ihresgleichen nicht in der Welt. Im äußersten Hofe winden sich Weinstöcke, wie ich deren noch nie gesehen habe, um die steinernen Säulen, ich habe einen dieser Weinstöcke gemessen, und der war 5 Spannen dick . . . Rings um die Synagoge sind mehrere Nebengebäude, das Hospital, wo Betten für Kranke und Fremde, die dahinkommen und nicht wissen, wo sie übernachten sollen, angebracht sind; ein großer und schöner Saal für die Auscrwählten, wo diese zu Bericht sitzen und die Gemeindeungelegenheiten beraten; es sind deren 12, die jedes Jahr neu gewählt werden .... Sie sind von dem König bevollmächtigt, die Steuern festzusetzen, Geldstrafen aufzuerlegen und zu verhaften. Diese Einrichtung hat nichts Gutes für sich, denn es sind oft Leute ohne Namen und von schlechtem Charakter, die den Statthalter durch Geschenke dahin bringen, sie zu Auserwählten zu ernennen. Diese Geschenke werden aber dann von den Synagogen- und Gemeindesteuern hergeschafft, so daß das arme Volk mit Steuern überladen wird, da die Außerwählten, unterstützt durch den Statthalter, eigenmächtig handeln dürfen. Das Elend und Jammergeschrei der Bedrängten ist ungeheuer.“ Wenige Jahre darauf erfolgte die restlose Vertreibung der Juden aus Sizilien kurz nach der Vertreibung aus Spanien. Es wird berichtetet, daß sich Teile der Bevölkerung der Insel für das Verbleiben der Juden eingesetzt haben. Nun ist Sizilien für viele Jahrhunderte gänzlich judena5Türkisch8iz 6