Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 11 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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die für die einzelnen Menschen (das zeigt unter vielem andern das neu errichtete Jüdische Winterhilfswerk) und die für die Gemeinden. Auch der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden sieht in der positiven Stellungnahme der Reichsvertretung und der Berliner Jüdischen Gemeinde zur Auswandererhilfe einen Ansporn, seine Arbeit im Dienste der hilfsbedürftigen Gemeinden fortzusetzen. Es ist ein bezeichnendes Zusammentreffen, daß im „Amtlichen Teil“ gerade dieser Nummer ein Aufruf abgedruckt werden kann, mit dem Sich der Landesverband an die auswandernden Gemeindemitglieder wendet und ihnen zeigt, was sogar die uns Verlassenden für unsere Gemeinden noch tun können und sollen. Die Verbleibenden helfen den Wandernden; das haben sie immer getan. Und die Wandernden helfen denen, die bleiben müssen; auch das ist nicht neu, aber Viele haben es nicht gewußt. Nun ist es am Tage. Alle jüdische Hilfsarbeit ist eine organische, ungeteilte und unteilbare Einheit Wir helfen den von uns Ziehenden, jenseits der Grenzen und Meere neue jüdische Zukunft bauen. Aber indem wir so tun, helfen wir zugleich uns selbst — — ja; indem ihr uns euch helfen lasset, helft ihr uns, hier in erträgliche Verhältnisse gelangen! Diese Erkenntnis sänftigt die Sehnsucht der Eltern nach den Kindern, der Kinder nach den Eltern, und wir meistern unser altes jüdisches Wanderschicksal durch das nicht minder alte, heilige Wissen; Die in Tränen säen, werden in Freuden ernten; wer weinend seine Saat wirft, der trägt jubelnd seine Garben heim. Der HlMmreta hat eia aeaee Kerreepaataaehlatt Sber Saearaalnaau aa4 Sltltaageweeea fcrr—urif. Der Hilfsveretn der Juden in DeaUchlaod hat soeben die neue Nummer des „Korrespondenzblattes über Auswanderung*- und Siedlungswesen“ herausgegeben, das die vielseitigen Erfahrungen widerspiegelt, die der Hflfsverein mit seinem weitverrweigten Korrespondentenneti und durch seine Beratung von Tausenden von Auswanderern gesammelt hat. Die neue Nummer behandelt die allgemeinen Verhältnisse und die Berufsaussichten In 78 Lindern, darunter insbesondere sämtliche europäischen Linder, die Vereinigten Staaten. Argentinien, Brasilien, Chile, Ecuador, Kolumbien, Paraguay, Südafrika und Auatralien. Ein besonderes Kapitel ist den Siedlungsmüglichkeiten in Argentinien und Brasilien gewidmet. Bei Jedem einzelnen Lande wird die wichtige Frage der Gehilter, Lühne und Lebenshaltungskosten behandelt. Außerdem wird noch eine Gesamttabelle über Lebenshaltungskosten und Gehilter in 98 Lindern gebracht Es werden weiterhin die Einwanderungsbestimmungen, speziell die Vorschriften für die Erlangung der Visa, sowie der Aufenthaltsnnd Arbeitserlaubnis dargelegt. Das „Korrespondenxblatt für Auswanderungs- und Siedlungswesen“ kostet RM. 1.— (bei Zusendung durch die Post: RM. IJO) und ist zu beziehen beim Hilfsverein der Juden in Deutschland E. V., Berlin W. 35, Steglitzer Str. 9 (Telephon: Lfltzow (238/39, Postscheckkonto vorläufig noch wie folgt: Hilfsverein der Deutschen Juden, Berlin No. 331M). 30 Jahre Gesamtardiiv Von Dr. J. Jacobson. Vorbemerkung Zu denjenigen Institutionen, die der Preußische Landesoerband jüdischer Gemeinden seit seinem Bestehen unterstützt und fördert, gehört u. a. das Gesamtar c hio der Juden in Deutschland, das im November 1935 auf eine dreißigjährige Wirksamkeit zurückblickt. Aus diesem Anlaß and um die hohe Bedeutung der vom „Gesamtarchio“ geleisteten Arbeit der breiten Oeffentlichkeit sichtbar zu machen, haben urir den Leiter des Gesamtarchios, Herrn Dr. J. Jacobson, um eine Darstellung der Arbeit gebeten. Schrif tleitung. Die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft auf deutschem Boden ist wesentlich dadurch gekennzeichnet und bedingt, daß im letzten Jahrhundert eine völlige Veränderung im Aufbau der jüdischen Siedlung sich vollzog. Die ' jüdischen Gemeinden in den Dörfern und kleinen Städten versiegten oder verschwanden. Die Mittelgemeinden gaben immer mehr von ihrem Mitgliederbestand an die Gemeinden der Großstädte ab. Die Binnenwanderung ergab schließlich eine unverhältnismäßig starke Zusammenballung jüdischer Bevölkerung in einigen überragenden Zentren. Dieser völligen Umwälzung in der Verteilung der Juden innerhalb Deutschlands entsprach die eigenartige Entwicklung der Berufsschichtung und des kulturellen Werdens. Dem geistigen Antlitz des deutschen Judentums prägten sich seine charakteristischen Züge auf. Wollte man den Weg verstehen, den das deutsche Judentum im letzten Jahrhundert aus Gebundenheit und Enge, aus der Fülle seiner Traditionen in die auflockernde Großstadt ging, so müßte man den Wurzeln nachgraben und Aas Bild festzuhalten suchen, das die jüdische Gemeinschaft in Deutschland am Ausgangspunkt dieser Entwicklung und dann während dieser Entwicklung darbot. Gewiß findet nicht alle Entwicklung ihren Nieder- . schlag im geschriebenen und gedruckten Wort. Aber nicht zu unrecht heißt es: Quod non in actis, non est in mundis (Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt). Darum war es erklärlich, daß mitten in diesem Prozeß der Binnenwanderungen die bange Frage aufkeimte, was denn nun zur Sicherung der geschichtlichen Quellen geschehe, aus denen spätere Geschlechter Kunde vom Leben ihrer Väter, von der Herkunft ihrer Familien, von dem Schicksal der Gemeinden erhalten sollten, in denen einst das jüdische Leben verwurzelt war. Die Antwort auf diese Frage war die vor 30 Jahren erfolgte Gründung des Gesamtarchivs der deutschen Juden. Ihm wurde bei seiner Gründung die Aufgabe gestellt, die Urkunden und Akten der jüdischen Gemeinden, Vereine und Organisationen Deutschlands zu sammeln und zu sichten. Durch Aufbewahrung in einem zentralen Archiv sollten diese Dokumente der Vergangenheit vor der Vernichtung und Zerstreuung gerettet, durch planmäßige Bearbeitung sollte ihre Ausnutzung für Zwecke der Wissenschaft und der Verwaltung ermöglicht werden. Etwa 400 jüdische Gemeinden haben bisher ihre Akten dem Gesamtarchiv anvertraut. Die Aktenbestände stammen z. T. aus Gemeinden, die heute nicht mehr existieren oder, wie viele Gemeinden der ehemaligen Provinzen Posen, Westpreußen und Qherschlesien, .heute . nicht mehr zum Deutschen Reiche gehören. Die jüngste Vergangenheit hat das Gesamtarchiv mitten hinein in das Leben des Tages gestellt Als im Gefolge der neuen Gesetzgebung ein Zurückgreifen auf alte Akten, auf weit zurückliegende Verzeichnungen von Geburten, Heiraten und Sterbefällen notwendig wurde, haben unzählig viele die Früchte der stillen und emsigen Sammeltätigkeit des Gesamtarchivs genießen können. Um der plötzlich herandringenden Fülle von Arbeit gerecht zu werden, sab das Gesamtarchiv sich gezwungen, seine Auskunftsmittel ständig zu vervollständigen, sein Listenmaterial übersichtlich aufzuarbeiten und zu vermehren. Es darf gerade an dieser Stelle ausgesprochen werden, daß die jüdischen Gemeinden das Gesamtarchiv in diesem Bestreben jederzeit (z. B. anläßlich einer Rundfrage über Personenstandsregister) verständnisvoll unterstützten. Das Gesamtarchiv hat sich nicht darauf beschränkt — und das erweist sich gerade jetzt von Nutzen —, nur Gemeinde- und Vereinsakten zu sammeln, es hat sich darüber hinaus bemüht, auch sonstige urkundlichen und inschriftlichen Materialien heranzuziehen, die jüdische Verhältnisse betreffen und insbesondere für die Erforschung der jüdischen Personen- und Familiengeschichte von Bedeutung sind. So sind ganze handschriftliche Nachlässe, 4