Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 11 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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schaffen. Die Juden in Deutschland stehen also erneut vor der Aufgabe, auf einem engeren Raume sich einzurichten. Und abermals ist die Situation so, daß wir dies nicht können, weil wir bei den Maßnahmen, die wir treffen, nicht wissen, ob der uns jetzt belassene Raum uns nunmehr verbleiben wird. Bisher z. B. durften wir auf Grund vielfacher offizieller Erklärungen damit rechnen, daß die' Einführung eines Arierparagraphen in das Wirtschaftsleben nicht erfolgen werde. Ein großer Teil unserer Hilfsarbeit war auf dieser Voraussetzung aufgebaut. Wir wissen aber nicht, ob wir damit zweckmäßig oder richtig gehandelt haben, denn neuerdings hat Herr Reichsminister Frick auf einer Tagung in Saarbrücken Gesetze angekündigt, durch die nun doch Einschränkungen der wirtschaftlichen Betätigung der Juden in Deutschland erfolgen sollen. Ergehen solche Gesetze tatsächlich, so würden wir Juden wieder vor einer völlig neuen und bisher mit Recht unerwarteten Situation stehen. Diese Unsicherheit aber ist dasjenige, was unsere Menschen am stärksten beunruhigt. Wir Juden möchten gern das Unsrige dazu tun, damit das angestrebte erträgliche Verhältnis zwischen der Umwelt und uns Wirklichkeit werde; aber wir wissen nicht, welche Maßnahmen wir treffen können, solange nicht endgültig feststeht, welcher Art und welchen Umfanges der Platz ist, auf dem wir uns einrichten dürfen. Das sind die Gedanken, von denen heute alle unsere Menschen bewegt werden. Wer die Stimmung der jüdischen Bevölkerung in Stadt und Land kennt, der weiß, daß die weitaus meisten gegenüber dem jetzigen Zustande des unübersehbar immer weiteren Abgleitens und der Ungewißheit eine wenn auch noch so harte, so doch endgültige Regelung herbeisehnen. Unserer jüdischen Führung erwuchs aus alledem eine doppelte Aufgabe. Sie hat unserer kommenden Generation eine jüdische Zukunft zu sichern. Und sie hat ein Programm vorzulegen, das geeignet erscheint, für die Zahl derer, die nicht auswandern können — zur Hauptsache also Menschen vorgerückten und mittleren Alters, und sicherlich zu einem gewissen Prozentsatz auch Jugendliche — ein erträgliches Verhältnis mit der Umwelt herbeizuführen. Dieser Versuch, die Verbleibenden vor immer weiterer Verengung ihres individuellen Lebensraumes zu schützen, wurde unternommen durch freiwillige Verminderung des von uns als Gemeinschaft bisher innegehgbten Gesamtragmes, d. h-, d-urch, die von den jüdischen Gemeinden und Körperschaften zugesicherte Mitwirkung an der Auswanderung. Diese Zusicherung ist in zweifacher Form erfolgt. Zunächst durch das Programm, das die Reichsvertretung der Juden in Deutschland alsbald nach Bekanntgabe der Nürnberger Gesetze veröffentlichte. Dieses Programm hat bekanntlich die Zustimmung aller in der „Reichsvertretung“ zusammengefaßten jüdischen Organisationen gefunden, und wir haben es in der vorigen Nummer dieses Blattes abgedruckt. Nicht weniger bedeutsam als dieses schriftliche Programm aber ist es, daß die Berliner Jüdische Gemeinde die Reihe ihrer dieswinterlichen Gemeindeabende mit einer großen Veranstaltung über das Thema „Auswanderung“ in der repräsentativen Synagoge Fasanenstraße eröffnet und weitere Geraeindeabende über das gleiche Thema angekündigt hat. Es ist gut, daß die jüdische Öffentlichkeit das Programmatische dieser Veranstaltung erkannt hat. Denn: gerade wo ein Programm vorliegt, sollte eine Psychose unmöglich seinl Der Abend in der Fasanenstraße hat klar gezeigt, daß kein Grund und Anlaß Vorhanden ist für diese drei: Pessimismus, Psychose und Panik. Man will vielmehr arbeiten nach Programm und Plan. Und es ist nötig, daß davon auch über den Kreis der Berliner Judenschaft hinaus das Wesentliche bekannt wird. Aus dem Munde von Direktor Heinrich Stahl, dem Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde, konnte man hören, daß gegenüber allen Bedenken (von denen auch am Anfang dieses Aufsatzes -die Rede ist) das Lebensglück der Kinder den Vorrang hat; Hand in Hand mit der organisierten Auswandererhilfe muß deshalb die sprachliche und fachliche Vorbildung der Jugend gehen; das gilt für die Auswanderung nach Palästina wie nach allen andern Ländern, und die Berliner Gemeinde sorgt dafür in ihren Schulen und sonstigen Anstalten. — Der Geschäftsführer des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, Dr. Mark Wischnitzer, warnte vor allen phantastischen und irreführenden Projekten, u. a. auch vor der jetzt vielfach propagierten Auswanderung nach Ecuador; er erstattete ein eingehendes Referat über die gesamte Auswanderungsbewegung und über die Arbeit des Hilfsvereins (vgl. die diesem Aufsatz am Schluß angefügte Notiz). Und Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee wies insbesondere auf die Notwendigkeit hin, allen Auswanderern eine jüdische Zukunft zu sichern; die Kraft des Judentums beruht, so sagte er, nicht auf einzelnen, losgelösten Menschen, sondern auf seinen Gemeinden. Deshalb: keine Atomisierung; sie sei in Palästina unmöglich, aber da Palästina allein die Lösung nicht bringen könne, sei dieser Punkt für die Auswanderung in alle andern Länder von größter Wichtigkeit. Nur bei festem Zusammenschluß, so betonte Dr. Klee, tritt die Besinnung auf den Geist des alten Bekennervolkes ein, die Aus einem Hessen-Darmstädtischen Judenschutzbrief 1765 (Sammlung das Gasomtardiiv* dar Juden ln Deutodtlandl Fot. Abraham ftcftrirrt« StUrtjbS tju Suril lulll UlfCt '• * + die Juden überall in der Welt befähigt, als Pioniere jüdischer Tat ihre Zukunft zu bauen. — Dr. Klee war es auch, der über jene beiden in Berlin und Tel- Awiw gehaltenen^redigten berichtete und so auf die Beziehungen hindeutete, die zwischen Wandernden und Verbleibenden für immer bestehen. Denn das ist selbstverständlich: die Mitwirkung der Gemeinden bei der Auswanderung und bei der die Auswanderung vorbereitenden Ausbildung (Schule und Hachscharah) soll der Hilfsarbeit für unsere Menschen und Einrichtungen hier nicht nur keinen Abbruch tun, sondern soll uns ja im Gegenteil bei dieser Arbeit entlasten. Jedermann soll darüber beruhigt sein: Alle jüdische Hilfsarbeit geht weiter;