Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 10 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Weise erhalten bleibt, die der zentralen Bedeutung dieses Mannes mit seinen erprobten Fähigkeiten entspricht. Der Kongreß wählte ihn zum Präsidenten des Keren Hajessod und zum Leiter der gesamten zionistischen Kulturarbeit. Er wird in diesen neuen Funktionen sicherlich die Arbeit der neuen Leitung ebenso wirksam unterstützen, wie es Weizmann tat, als er, ohne Mitglied der Exekutive zu sein, in den vergangenen Jahren die außerordentlich wichtige Arbeit des Departements für die Ansiedlung deutscher Juden in Palästina leitete. Wenn auch der objektive Beobachter registriert, daß gegen die Wahl Weizmanns eine gewisse Opposition bestand, so wird doch zweifellos auch bei den Oppositionellen die überragende Stellung dieses Mannes anerkannt, der gerade in den letzten Tagen als Präsident des Kongresses bewiesen hat, daß seine große Autorität auch imstande ist; scheinbar fast unüberbrückbare Gegensätze einer befriedigenden Lösung entgegenzuführen. Es wäre falsch, die Wahl der neuen Leitung als das einzige Resultat, das der Kongreß für die Zukunft der zionistischen Arbeit gebracht hat, zu werten. Es ist in Luzern wichtige praktische Arbeit geleistet worden. Doch liegt es in der Natur der Sache, daß die Entscheidungen der kommenden Periode vom Kongreß nur in Richtlinien vorher bestimmt werden können, und daß die Durch-, führung unter Anpassung an die sich ständig verändernden Verhältnisse der neuen Führung überlassen bleiben muß. Und hier zumal wird die Autorität Weizmanns wichtige Fragen einer Lösung zuführen müssen. Sein Ansehen bei der Arbeiterschaft ist so groß, daß ihm die Durchsetzung jvon Forderungen möglich sein wird, die mit Recht von den religiös-traditionellen Elementen für das Aufbauwerk verlangt werden. Und wenn auch die Arbeiterschaft bereits auf dem Kongreß nationales Verantwortungsgefühl genug gezeigt hat, um in diesen ernsten Fragen zu einer Einigung mit der misrachistischen Fraktion zu kommen, so weiß doch jeder, daß hier in der praktischen Durchführung noch manche Gefahrenquelle für die Einheit der Bewegung besteht. Vor allen Dingen aber wird Weizmanns zentrales Ansehen die Gefahren überwinden, die für die Zusammenarbeit einer auf so breiter Basis stehenden Exekutive bestehen, welche Männer, wie die Arbeiterführer Ben-Gurion, Schertok, Kaplan ebenso umfaßt, wie die verschiedenen Nuancen der zionistischen Mitte (Prof. Brodetsky, Grünhaum, Rottenstreich) und den Vertretern des Misrachi Rabbi Fischmann. Vielfältig sind die Aufgaben, die vor der neuen Exekutive stehen.* Der Kampf um eine erhöhte Einwanderung, die Inangriffnahme großer kolonisatorischer Projekte im Norden und Süden des Landes, der Kampf gegen das Spekulantentum und den Bodenwucher werden ihre Kräfte ebenso in Anspruch nehmen, wie die Auseinandersetzung über den von der Mandaturmacht geplanten und von den Juden aller Richtungen abgelehnten gesetzgebenden Rat in Palästina, der in der Hand einer arabischen Mehrheit eine bedenkliche ,Waffe gegen das jüdische Aufbauwerk sein kann. Nicht minder vielfältig aber sind die Aufgaben kultureller und geistiger Art, denn es ist niemals Sinn des Palästinaaufbaues gewesen, allein um Einwanderungsziffern und neue kolonisatorische Stützpunkte zu kämpfen, sondern dies alles erhielt seinen Sinn durch den überragenden Gedanken einer Renaissance des Volkes und seiner kulturellen Schöpferkraft. Die Arbeiten des Kongresses, die Wahl des neuen Präsidenten und die Zusammensetzung der Leitung berechtigen durchaus zu der Hoffnung, daß der kommende zionistische Kongreß nach Ablauf von zwei Jahren auf eine gute, fruchtbringende Periode zionistischer Arbeit in und außerhalb Palästinas zurückblicken kann. Dr. Hans Klee. Die Reichsvertretung zur Lage der Juden in Deutschland r . Die'Pressestelle der Relehsvertretnng teilt mit: Die vom Reichstag in Nürnberg beschlossenen Gesetze haben die Juden in Deutschland aufs schwerste betroffen. Sie sollen aber eine Ebene schaffen, auf der ein erträgliches Verhältnis zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volke möglich ist. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist willens, hierzu mit ihrer ganzen Kraft beizutragen. Voraussetzung für ein erträgliches Verhältnis ist die Hoffnung, daß den Juden und jüdischen Gemeinden in Deutschland durch Beendigung ihrer Diffamierung und Boykottierung die moralische und wirtschaftliche Existenzmöglichkeit gelassen wird. Die Ordnung des Lebens der Juden in Deutschland erfordert die staatliche Anerkennung einer autonomen jüdischen Führung. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist das hierzu berufene Organ. Hinter ihr steht bis auf geringe Ausnahmen die Gesamtheit der Juden und jüdischen Gemeinden, insbesondere alle Landesverbände und alle Großgemeinden, sowie die freien jüdischen Organisationen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Centralverein der Juden in Deutschland, Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Vereinigung für das religiös-liberale Judentum, die organisierte Gemeinde-Orthodoxie, Jüdischer Frauenbund, Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände. Die dringendsten Aufgabeü der Reichsvertretung, denen sie in energischer Verfolgung des bisher von ihr eingeschlagenen Weges mit aller Hingabe nachgehen wird, sind: 1. Das eigene jüdische Schulwerk muß der Erziehung der Jugend zu religiös gefestigten, aufrechten Juden dienen, die aus bewußter Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft, aus der Arbeit an jüdischer Gegenwart und dem Glauben an jüdische Zukunft die Kraft schöpft, den schweren Anforderungen zu entsprechen, die das Leben an sie stellen wird, lieber die Wissensvermittlung hinaus muß die jüdische Schule der planvollen Vorbereitung für den künftigen Beruf dienen. Mit Rücksicht auf die Auswanderungsfähigkeit, insbesondere nach Palästina, wird dabei die Hinführung zu handarbeitenden Berufen und das Erlernen der hebräischen Sprache im Vordergründe stehen. Die Erziehung und berufliche Ausbildung der weiblichen Jugend muß darauf hinzielen, sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben als Erhalterin der Familie und als Mutter der künftigen Generation vorzubereiten. Ein eigenständiger Kulturaufbau muß den kunst- und kulturschaffenden Juden Betätigungsmöglichkeiten geben und dem kulturellen Eigenleben der Juden in Deutschland dienen. 2. Dem gesteigerten Auswanderungsbedürfnis ist mit einer großzügigen Planung zu entsprechen, die vor allem Palästina, aber auch alle anderen in Frage kommenden Länder einbezieht und besonders der Jugend gilt. Hierzu gehört die Sorge für die Vermehrung der Auswanderungsmöglichkeiten, Ausbildung in für die Auswanderung geeigneten Berufen, insbesondere Landwirtschaft und Handwerk, die Schaffung von Möglichkeiten zur Mobilisierung und Liquidierung des Vermögens wirtschaftlich Selbständiger, die Erweiterung bestehender und die Schaffung neuer Transfermöglichkeiten. EI 8