Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 10 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Predigt -des Jesaja nach der Thoravorlesung, und als Minchn-Haftara erscheint das Buch Jona, das nähr ergrMfendste Beispiel göttlicher Berufung and menschlicher Unzulänglichkeit. Dann aber folgt „der letzte Sturm“, das N'ila-Gebet: „Der Tag geht zur Neige, die Sonne geht zur Neige, wir kommen an dein Tor, ach Gott, vergib doch, verzeih doch, entschulde doch, hab Mitleid doch, erbarm dich doch, versöhne doch, tritt nieder Schuld und Sünde!“ Zorn letzten Male spricht man die Litanei Awinu malkenu, immer flehender kommt Klageruf und Bitte, die heilige Lade wird geöffnet, im Angesicht aller Thorarollen ruft man das Schma, ruft man dreimal das Bekenntnis von Gottes Königtum, ruft man siebenmal: DER EWIGE, ER IST DER GOTT! Dann setzt der Bläser den Schofar an und bläst nur einen Ton, tder Jom kippur ist zu Ende. Wenn man endlich heimgekommen ist und „angebissen“ hat, beginnt man, als drängte schon das Freudenfest sich heran, die ersten Vorbereitungen zum Bau der Sukka, der Laubhütte. Am 15. und 16. Tischri sind die beiden ersten Tage des Sukkotfestes, hach den Mittelfeiertagen folgen am 23. und 33. die letzten Feiertage dieses Festes, Schmini Azeret und Ssimchat Thora. Zum Andenken an die zelthaft leichten Hütten während der Wüstenwanderschaft baut man die Sukkot aus leicht zu- _ sammengeschlagenen Brettern, das Dach aus Laub so wenig dicht, daB man die Sterne noch sehen kann, und schmückt die Hütte innen mit Teppichen und Guirlanden, mit Ketten aus Kastanien oder Vogelbeeren und Blumen, und man iBt tunlichst jede Mahlzeit darin. Das andere Zeichen dieser Tage ist der FeststrauB aus dem Palmzweig (Lulaw), Myrthen (Hadassim) und Bachweiden; dazu kommt der gelbe Etrog, der Paradiesapfel. Der StrauB verkörpert die Eintracht der verschiedenen geschöpflichten Elemente, Hoch und Gering, Nord und Süd, Heimat und Fremde im Gottesdienst. Vor dem Hallel der festlichen Tage spricht man den Segen über den FeststrauB und gebraucht diesen während des Psalmodierens im Hallel. Der siebente Tag des Sukkot-Fesfes, Hoschana rabba, gilt als Tag des Gerichts, die täglichen Sukkot-Prozessionen erreichen hier ihren Höhepunkt, in sieben Umzügen mit sieben Thorarollen, und schließlich kommt die Zeremonie des Hoschana-Schlagens: je fünf blattreiche Weidenzweige werden zu einer „Hoschana“ gebunden, der man dann alle Blätter klatschend abschlägt; so möge alles Uebel von uns abgetan werden. Schmini Azeret, BeschluBfest, vollendete einst die jährlichen Wallfahrten zum heiligen Tempel nach Jerusalem. Am Abend dieses hohen Feiertags macht man noch in der Sukka Kiddusch, in der man nur die Abendmahlzeit und die erste am Morgen darauf noch geniefit. Im Gottesdienst spielt das Gebet um Regen dann die zentrale Rollei und das Buch Kohelet wird gelesen. Der letzte neunte Tag heifit Ssimchat Thora, Gesetzesfreude, er ist der Inbegriff festlicher Freudigkeit, und selbst die Kinder haben Teil daran. Die. Thoravorlesung wird mit dem Schlufi .des fünften Buches Mosis abgeschlossen und mit dem Anfang des ersten neu begonnefa. Sämtliche Tborarollcn werden ausgehoben und in großen Umzügen singend durch die Synagoge getragen: Ich juble, ich freu mich am Ssimchat Tora,- — Einst kommt der Messias am Ssimchat Tora! Das Ergebnis von Luzern Der zionistische Kongreß in Luzern hat mit einer überwältigenden Mehrheit Professor Weizmann zum Präsidenten der zionistischen Organisation und einer Leitung der „großen Koalition“ gewählt, der fast sämtliche zionistischen Parteien und Gruppen angehören. Dieses Ergebnis der Kongreßverhandlungen ist von unbestreitbarer Tragweite. Zwar war die Wahl Weizmanns, für die sich die beiden größten Kongreßfraktionen, die der Arbeiterschaft und der Weltvereinigung allgemeiner Zionisten, eingesetzt hatten, von Vielen vorhergesagt worden, über wer das Auf und Ab zionistischer Kongresse einmal miterlebt hat, durfte die Möglichkeit auch einer anderen Entscheidung nicht völlig ausechlieBen. Und es zeugt von der Einsicht des Kongresses, vor allem auch der früheren politischen Gegner Weizmanns, die das Ressentiment alter Kämpfe vergaßen, und sich-geeint hinter die neue .Leitung stellten, daB der Mann wieder zu verantwortlicher Führung berufen wurde, der gemeinschaftlich mit dem bisherigen Präsidenten Sokolow die Grundlagen der zionistischen Arbeit nach dem Kriege durch die Erreichung der Balfourdeklaration und des Mandats legte. Deshalb liegt das Schwergewicht der Wahl Weizmanns entscheidend in der persönlichen Rückkehr dieses Mannes zur Führung, weniger jedoch in einer etwa zu erwartenden Aenderung der bisher von der zionistischen Exekutive befolgten politischen Linie. Denn Weizmann und Nahum Sokolow sind keineswegs politische Antipoden. Sie haben in wahrer Kampfgemeinschaft dem jüdischen Volke die Balfourdeklaration erstritten und dann viele Jahre lang gemeinschaftlich die politischen Geschicke der ihnen anvertrauten Bewegung geleitet. Mit Recht ist daher auch nach dem Sturz Weizmanns im Jahre 1931 darauf hingewiesen worden, daß die Exekutive der folgenden Jahre in allen wesentlichen Punkten denjenigen Richtlinien folgte, die Weizmann während seiner Amtsführung der zionistischen Arbeit gegeben hatte. Kooperation mit der Mandatarmacht, Schaffung verbindender und versöhnender Gemeinschaftsaufgaben zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung Palästinas bezeichnen den politischen Weg, Kampf um erhöhte Einwanderung, Errichtung immer neuer Siedlungspunkte im Lande und Vergrößerung des nationalen Bodenbesitzes und der nationalen Fonds den wirtschaftlichen Weg der Weizmannschen Politik. Und wenn einmal in anderem Zusammenhang darauf hingewiesen wurde, daß Weizmann, der Vater des Gedankens vom „synthetischen Zionismus“, diesem Gedanken treu Adele Reifenberg-Rosenbaum, Berlin.- Ssimchat Tora (19351 |Aih dem Kalander dar JOdlsdien KOnsHerhllfe, 1935/361 geblieben sei, so ist diese Betrachtung zweifellos richtig, da unter seiner Führung immer der Versuch gemacht worden ist, die praktische Arbeit des Aufbaus und der Kolonisation in Palästina zum wesentlichen Argument der politischen Aktionen zu machen und andererseits die politische Arbeit der Exekutive überall da einzusetzen, wo neues Terrain für die Ausweitung und Stärkung der wirtschaftlichen Positionen in - Palästina gewonnen werden sollten. In dieser Auffassung von den wichtigsten Aufgaben bestand zwischen dem alten und dem neuen Präsidenten immer Einigkeit, und es ist deshalb erfreulich, daß die bewährte Kraft Sokolows, wenn er die Führung heute an. Weizmann übergibt, der zionistischen Bewegung in einer