Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 10 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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gereinigt, womöglich in neuer Kleidung von Kopf bis Fuß, geht man zum ersten Abendgottesdienst und beginnt das neue Jahr gewissermaßen als ein neuer Mensch; am Rosch haschana ist das Jahr, ist die Zeit, ist die Welt erschaffen worden, und jedes Jahr wird sie, wird der Mensch wiedererschaffen, beginnt alles noch einmal von vom. Man trägt nichts Buntes an diesen Tagen, und im Gotteshaus sind der Vorhang und alle Decken weiß, und weiß ist der Kittel des Vorbeters, von feierlicher Getragenheit die Melodien der Gebete. Am ersten Abend begrüßt man einander; leschana towa tikatewu — zu einem guten Jahr mögt ihr eingeschrieben werden! Denn an diesen „erhaben furchtbaren Tagen“ liegt auf dem Richtertisch vor Gottes Thron das Buch des Lebens auf geschlagen, worin eingeschrieben wird, wer leben wird und wer sterben wird und wie das Schicksal eines jeden sich gestaltet. An den „Tagen des Gerichts“ zittern „selbst die Fische im Wasser“. Am Versöhnungstag endlich wird die Entscheidung getroffen, das Buch verschlossen und versiegelt Zu Haus nach dem Kiddusch, dem feiertäglichen Weihesegen, nimmt der Hausherr einen süßen Apfel, macht die Beracha darüber, ißt und gibt den andern davon. Darauf ißt man ein weiteres Stück Apfel, das zuvor in Honig getunkt ist, und bittet Gott, es möge ihm Wohlgefallen, uns ein gutes und süßes Jahr zu bescheren. Und mit der Bedeutung, die man dem Wort Rosch haschana: Jahres-Haupt beimißt verbindet sich auch der Brauch, am ersten Abend vom Kopf eines Hammels oder Fisches zu essen: es möge uns ein Anfang, Rosch, und kein Ende werden. Am zweiten Abend ißt man von Früchten, deren Art man diesen Sommer noch nicht gekostet hat, um die Beracha über alles Neue: „. . . der uns hat erleben lassen . . .“ noch einmal sprechen zu können. Denn alles Neue ziemt uns mit dem neuen Jahr, das man auch im Kiddusch mit dem gleichen Segen geweiht hat. Weihe, Glück, Ehrfurcht, Furcht und Hingabe an das Ueberwältigende, dies alles enthält 'die Rosch-haschana- Stimmung: wie „um das Glück nicht zu verschlafen“ und zugleich auch um selbst im Traum keine Sünde zu begehen, bleiben viele Fromme die erste Nacht des neuen Jahres wach. Am Morgen aber beginnt ein Gottesdienst von solcher Fülle und Vielgestalt der Gebete, von solcher Wucht und Großartigkeit religiöser Vorstellungen, wie er nur den Tagen äußerster Not und Selbsteinsetzung Vorbehalten sein kann, und den Höhepunkt bildet das Schofar- Blasen. Ein Grundmotiv der Gebete ist das der göttlichen Gerichtsbarkeit, das armselig Irdische kann keinen Bestand vor ihr haben, und so bitten wir nicht um unser Recht, sondern um Gottes Erbarmen. Wir flehen es uns zu in der Litanei Awinu malkenu, unser Vater, unser König —, die dann täglich bis zum Jom kippur im Morgen-, Mincha- und Abendgebet wiederkehrt, in den großen Einschaltungen der Mussaf-Schmone Esre, den Malchujot: um Gottes 100-150 Jahre altes Schofarhorn Sonnenfeld (Sowmlung Prof, londtberger) Königtum, den Sichronot: um Gottes Gedenken, und den Scbofarot, Posaunen der Offenbarung, im Untanne tokef mit der Darstellung des göttlichen Weltgerichts, dessen Verfasser Rabbi Amnon aus Mainz, Märtyrer der Judenverfolgungen im ersten Kreuzzug sein soll, wir erflehen es beim Alenu, dessen Geschichte die Geschichte eines eignen jüdischen Martyriums ist und bei dem der Kniefall uns bis ins Mark erschüttert und mit dem Erschauern während des großen $chofarblasens, beim Wachtruf Tekia, der wie ein Signal ertönt, beim Singruf Schewarim, der wie ein Triller in der Luft lebt, beim Jubelruf Ten», dessen Schmettern die Ohren noch halten, wenn er längst verklang: der Weckruf der Terua „rüttelt an den Toren der Seele, das wogende Schewarim umfängt die Losgemachte wie das Beben der Sehnsucht, der hohe Jubel der Terua trägt sie zur Erlösung empor. Und von neuem ertönt das Rufen zu Gott, „es möchten die Engel, die aus den Tönen aufsteigen, vor seinen Thron gelangen.“ Nach dem Mincha-Gebet des ersten Tages — and wenn es ein Schabbat ist, des zweiten — geht man an ein fließendes Wasser zum „Taschlich-Machen“; diese symbolische Handlung besteht in einem Gebet, es mögen alle unsre Sünden in die Tiefen des Wassers versenkt werden. Der dritte Tischri, der Tag nach dem Rosch-haschana- Fest, ist Zorn Gedalja, der Fasttag um Gedalja, den Statthalter im jüdischen Reiche nach der Zerstörung des ersten * Tempels, dessen Ermordung den Untergang unseres ersten Staates besiegelt hat. Die Tage zwischen Rosch haschana und Jom kippur sind noch von der dringlichen Teschuwa-Stimmung erfüllt, die in einer Fülle von Buß- und Bittgebeten und Einschaltungen den „Sturm auf Gottes Barmherzigkeit“ und das Ringen um die eigne Erneuerung fortsetzen. Selbst der Schabbat in dieser Zeit, Schabbat Schuwa geheißen, ist noch voll solcher Hinweise in seinen Gebeten. Der Jom kippur ist für uns die „höchste Zeit“; wie vor dem Aeußersten versucht man, an diesem Tage mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Doch bevor wir erwarten können, daß Gott sich mit uns aussöhnt, müssen wir uns mit unsern Nebenmenschen versöhnt haben. Man ist bemüht, sich bewußt zu werden, inwiefern man im vergangenen Jahr Unrecht getan hat, und versucht, es wieder gut zu machen. Am Tag vor Jom kippur nach dem Morgengebet geht man auf den Friedhof, man teilt Almosen aus, nachmittags nimmt man in der Mikwa ein Tauchbad. Nach dem Mincha-Gebet, noch am hellerlichten Tage, ißt man die letzte Mahlzeit, dann beginnt das große Fasten von Abend zu Abend. Wie am Freitag Abend wird Licht gezündet, „für Jom kippur“ jedoch heißt es im Segen. Dann segnet man die Kinder, geht ins Bethaus, zieht die Sterbekleider an und den Tallit darüber, und Kol nidre beginnt. Dieses Gebet hat es wegen seiner Melodie zu einer Berühmtheit bei Jud und Christ gebracht, — wegen seines Inhalts (Bitte um Aufhebung übereilter Gelübde, die wir nicht andern, nur uns gegeben) sogar zu einer traurigen Berühmtheit der Mißverständnisse, — für uns ist dies Gebet das Tor, durch das wir in die tiefe Umkebrstimmung des Jom kippur schweren Herzens eintreten. Zu Haus brennen wie am Freitag Abend die beiden Kerzen; der Sabbat aller Sabbate hat begonnen; und noch ein übergroßes Licht steht zu Haus und wird die Nacht und den längsten aller Tage über brennen, zum Zeichen des Jom kippur, zum Gedenken der .Toten. Und im Bethaus brennen unzählige solcher Lichter, deren flackernde, strahlende, goldne Helle aus der Weiße der Decken und des Vorhangs zurückstrahlt. Und die Menschen, die Männer in den schneeweißen Totenkitteln und dem Tallit, die Frauen auf den Emporen werden von der Bedeutung des Festes, vom ernsten Leuchten der Lichter, von der Feierlichkeit der Gesänge ergriffen, so abgründig, daß der ergreifenden Melodie das Leitmotiv des ganzen Jom kippur folgen muß: „Und es möge Vergebung finden die ganze Gemeinde Jisraels! Und der Fremde unter ihnen!“ Am Jom kippur, an dem einst der Sündenbock aus-* gesandt wurde und im Allerheiligsten der Hohepriester den großen Opferdienst verrichtete, sind alle Schabbat-Vorschriften in Kraft und dazu noch folgende: jeder Mann vom zwölften, jede Frau vom elften Jahre an darf weder Speise noch Trank zu sich nehmen, weder Lederschuhe noch Stiefel anziehen, weder sich baden noch waschen und sich keinerlei Genuß gönnen. Vom Morgen bis zum Abend dauert der Gottesdienst Gebrochenen Herzens schlägt man sich an die Brust, Umkehr, Reue, Buße erfüllt die Gebete, die Sündenbekenntnisse, die Selbstbezichtigungen, die in immer neuen Variationen die Morgenandacht mitbilden. Das Kernstück des Mussaf bildet die Awoda, die Darstellung des Hohepriester-Dienstes, voran geht die große 6