Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 10 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Aber nur der kommt auf den Geschmack, der den Sabbat heiligt.“ Der Sabbat der Sabbate geht zur Neige. Möchten wir von seinem heiligen Duft, von dem heiligen Hauch dieses Tages etwas mit hineinnehmen in unser ganzes Leben! Wir könnten dann wieder der Weisheit inne werden, die das Gotteswort uns in diesen Wochen zugerufen hat: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von allem, was aus dem Munde Qottes kommt!“ Wir würden der Weisheit des Wortes von Koheleth inne, das unser Festgebetbuch uns zum Schluss«; dieses Tages zuruft: „Geh, iS in Freuden dein Brot, trinke frohen Herzens deinen Wein“, denn Gott hat dich, du hast deinen Gott gefunden! . . Der Schluß der Erzählung lautet: Alexander kommt an die Tore des Paradieses. Doch er, dem sich sonst alle Tore öffnen, findet sie verschlossen. Zu befehlen gewohnt, ruft er mit lauter Stimme: „Macht auf, ich, Alexander, bin da!“ Doch die Tore bleiben verschlossen, und eine Himmelsstimme erklingt: „Dies ist das Tor Gottes, hier ziehen nur Fromme ein." Da ruft Alexander: „Ich bin ein König, habe Macht und Ehre und Ruhm erlangt wie keiner sonst auf Erden. So bringt mir dann wenigstens eine Gabe!" Da bringen ihm Engel eine Wagschale, auf deren linker Seite ein Schädel ruht. Sie stellen sie auf die Erde und heißen ihn auf die rechte Seite alles Gold und Silber legen, das er bei sich führt. Doch der Schädel bleibt auf der Erde ruhen. Alles Gold und Gut vermag ihn nicht in die Höhe zu bringen. „Das bist du selber, du Unersättlicher“, sprachen die Engel, „die ganze Welt ist dir nicht genug; aber streue nur ein wenig Erde, und im nächsten Augenblick schnellt er empor.“ Was die Erzählung uns sagen will: Alle Tore mag der goldene Schlüssel öffnen, nur nicht «las Tor Gottes, das himmlische Tor der Gnade. So viel du auch errungen und errafft hast in deinem Leben: deckt dich der kühle Rasen, dann bist du ein Nichts, vom Staube bist du, und zum Staube kehrst du zurück, und jedes Stü<& Gold, über das du zu verfügen glaubtest, ist mehr als du. . . . Laßt mich schließen mit jener Erzählung, mit der ich begonnen habe. Ich habe am Anfang nur von ihrem Anfang gesprochen. Nun sei am Ende ihr Ende berichtet: Die Umgebung Alexanders konnte ihr Erstaunen nicht meistern, daß der Stolze, der noch vor keinem sonst das Knie gebeugt hatte, sich so demütig verneigte vor dem jüdischen Hohepriester. Alexamler aber spracht Da ich Simons ansichtig wurde, wurde ich dessen eingedenk, daß mir eine Erscheinung, die ihm glich, den Weg weisend, Glück verheißend voranging in dem Hause meines Kampfes, vor jeder wichtigen Entscheidung meines Lebens, vor jeder großen Schlacht.“ . Ein Beth milchomo, ein Haus des Kampfes ist die Welt geworden für uns alle, für jeden einzelnen. Schwer, bitter hart ist der Kampf des Lebens für alle und zumal für uns deutsche Juden. Heute durften wir es sagen und singen: „vom Abend bis zum Abend bin ich Sieger geblieben“. Dieser friedlichste Tag unseres Lebens nimmt nun Abschied von uns. Wir werden ihn nicht mehr schauen. O möchte die Erinnerung an ihn uns segnend begleiten! Er selber zieht von dannen. Aber die .edlen Priester Jerusalems bleiben bei uns. Hell leuchtende Fackeln tragen sie in den Händen. O, daß wir sie grüßen möchten von Sabbat zu Sabbat, die stillen Sabbatlichter, die Lichter der Weihe und des Glaubens, die großen leuchtenden Gedanken, die heiligen Gesetze des Judentums. Dann Ludwig Meidner-, Betende Juden F°». Sonne*feid müßte, dann würde auch uns der Ruf erklingen: „In diesem Zeichen wirst du siegen.“ Ja, „ein Licht ist das Gebet und eine Leuchte die Lehre.“ So öffne dich denn du heiliger Schrein! Die Stunde ist gekommen, da dieses Tages Tor sich schließt. Der Tag ist zur Neige gegangen. Oeffnet euch, ihr heiligen Tore! Wir wollen durch sie einziehen, Gott bekennen. Des Himmels Ruf ertönt: kommt, kommt, ihr alle, dies ist Gottes Tor; ein ganzes Volk, das seinen Gott gefunden, zieht durch es ein. Wir aber rufen es siebenfach hinaus in unser ganzes Leben, dieses Tages Wort. Was auch kommen mag: Adaunoj, hu ho-Elauhim, der Gott dieses Tages, der Gott der Versöhnung ist, sei und bleibe der Gott unseres Lebens! Schma Jißroel: Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einziger Gott! Sein Name sei gepriesen in Ewigkeit! Amen. Der Monat Tischri Von Leo Hirsch Der Tischri ist gegen die andern Monate des jüdischen Jahres in einer Vormachtstellung ohnegleichen; er hat die größten Fest-, Fast- und Freudentage magnetisch in sich hineingezogen, er eröffnet das jüdische Jahr. Seine religiöse Bedeutung ist so gewaltig, daß -er auch noch den vorhergehenden Monat in seinen Kreis hineinholt, den Elul, der vom ersten bis zum letzten Tage die Teschuwa, die Um- und Einkehr, steigernd bereitet und so zum Rüstmonat des Tischri wird. Es heißt, daß unser Lehrer Mosche, nach seiner Empörung und Verzweiflung über die Anbetung des goldenen Kalbes am ersten Elul wieder auf den Sinai gestiegen und am zehnten Tischri, am Versöhnungstag, mit neuen Tafeln zurückgekehrt ist. Vierzig Tage war er auf dem Berge, vierzig Tage tat das Volk unten Buße, und nun sind diese vierzig Tage immer die. Zeit der Buße, der Umkehr, deren Leidenschaftlichkeit in den morgendlichen Gebeten, unter dem aufrüttelnden Rufe des Scbofars ständig wächst, bis, als ein erster Höhepunkt, die beiden Rosch haschana-Tage da sind. Rosch haschana, Haupt des Jahres, unser Neujahrsfest, ist schon in dieser Mischung von Festlichkeit und Buße, von Umkehr und Heimkehr eigentümlich und erhaben: ein Monat Zerknirschung und dann diese Tage der Selbstbesinnnung und Feierlichkeit. An Leib und Seele 5