Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 10 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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hohenpriesterlichen Tag mit den fackeltragenden Priestern, die ihm zur Seite schreiten, mit den großen erhabenen Tagen, die ihm vorangegangen sind und mit denen, die ihm nachfolgen im Rahmen der leuchtenden, großen Gedanken des Judentums. Und noch lange, lange werden wir auf ihn zurückblicken . . . Tiefen Sinn hat die Erzählung der Alten. Was sie von Alexander zu künden weiß, hat eine gleichnishafte Bedeutung. Alexander der Große in dieser Geschichte, das ist der Mensch, das bist du selber, ist jeder Mensch, nur in das Groteske und Dämonische, in das Riesenhafte und Uebermenschliche gesteigert und übertragen. In dem großen Alexander soll uns um so deutlicher werden des Menschen Größe und Kleinheit in einem. Wie durch ein Vergrößerungsglas sehen wir uns alle, einen jeden von uns in unserer Sinnengier und doch auch zugleich in unserer stillen Ehrfurcht vor dem Heiligen, vor dem Großen, das in uns glüht, immer wieder von neuem aufglüht, wenn wir es nicht durch unsere Schuld selber verlöschen. So hat offenbar die Agada des Talmud die Gestalt des großen Alexander aufgefaßt und ausgestaltet in einer Reihe sinniger Erzählungen, die aus dem Midrasch ihre Wanderung angetreten haben in die große Weltliteratur und durch mannigfache Kanäle eingeströmt sind in unsere mittelalterliche, deutsche Dichtung. Laßt uns darum an diesem Tage, an dem wir über uns selbst herausgewachsen sind, an dem wir uns über uns selber erheben und in uns hineinsehen, auch noch einige andere Berichte über den großen Sohn Philipps des Mazedoniers betrachten. Einmal, so heißt es im Talmud, war Alexander nach einem fernen Lande gekommen, das nur von Frauen bewohnt war und das er zu erobern gedachte. Aber die kluge Rede der Bewohnerinnen des Landes verstand, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. „Besiegst du uns“, ms Marc Chagall, Paris: »Rabbiner« (Aus dem Kalender der Jüdischen^Künstlerhilfe) so sprachen sie, „dann wird man sagen, der Frauen ist er Herr geworden. Besiegen wir aber dich, dann wird es heißen, den großen Alexander haben wir Frauen besiegt.“ „So tragt mir denn eine Mahlzeit auf“, befahl Alexander. Da wurden auf goldenen Tischen goldene Brote herbeigebrachL „Wie“, rief ergrimmt der allmächtige Feldherr, „essen denn bei euch die Söhne der Erde nicht Brot, bereitet aus dem Ertrage des Bodens?“ „O, du ungebändigter Nimmersatt“, sprachen die Frauen, „bist du darum aus der Ferne herbeigeeilt, deiner selbst vergessend, aller Fährnisse nicht achtend, über dunkle, schwierige Pfade, über die Berge, über das Meer gekommen, nur um Brot zu essen? Warum bist du nicht in deiner Heimat geblieben?“ Da schrieb Alexander der Große an die Tore der Frauenstadt: „Ich, Alexander der Mazedonier, bin mein Lebtag ein Narr gewesen, bis ich nach dem Frauenlandc Afrikas gekommen bin und Weisheit von den Frauen gelernt habe.“ Nicht das redliche Mühen um Geld und Gut geißelt die Erzählung. Den will sie treffen, der die versittlichende Kraft und den Segen der ehrlichen Arbeit nicht kennt, der um nichts anderes weiß als um irdische Güter. Eben die, denen das Prophetenwort heute zuruft: „Wegen deiner sündigen Gewinnsucht zürne ich Dir!“ O, daß wir der Größe des großen Alexander darin teilhaftig würden, daß wir vor aller Welt das Geständnis freimütig ablegten, das dieser Tag uns abgerungen hat, ob wir es wollen oder nicht wollen: „Wir haben gesündigt, gefehlt gegen Gott und gegen uns selber.“ Daß der Gedanke in uns eingehen möchte, der uns in so vielfachen Wendungen in den Schriftworten, in den Gebeten dieses Tages entgegenklingt, und den die Alten zum Ausdruck gebracht haben mit dem Satze: „Kein Mensch sündigt, in den nicht die Narrheit hineingefahren ist.“ Daß wir es wie an die Eingangstore so an die Ausgangstore dieses Tages, an die Pfosten unserer Häuser schrieben, daß wir es hineinriefen in unser ganzes Leben, immer und immer wieder ausriefen auf allen öffentlichen Märkten, in allen Mittelpunkten von Handel und Wandel: Narren und Toren waren wir, die wir uns so oft vergessen, verloren und verzehrt haben in unserem Kampf um die Güter der Erde. Daß dieser Tag in dem schweren wirtschaftlichen Ringen unserer Zeit wegweisend, tröstend und zugleich mahnend uns das Wort nahe brächte: „Warum wäget ihr Geld und Gut, ohne Brot zu finden? Warum rennet und jaget ihr, ohne satt zu werden? Höret auf mich! Genießet des Guten, aber so, daß satt werde in der Fülle eure Seele!“ . . . Die Erzählung fährt fort: Alexander kam, nachdem er das Land der Amazonen verlassen hatte, in eine gar herrliche Landschaft. Auf blumengeschmückter Au ließ er sich nieder und fing sich Fische aus einem lieblichen Bache. Aber so viel erlesene Leckerbissen sein verwöhnter Gaumen sonst auch gekostet hatte, noch nie hatte ihm eine Mahlzeit so gemundet, wie das schlichte Mahl, das er hier sich bereitete. „Diese Fische“, sprach er, „haben einen Duft, eine Würze, wie ich sie noch nie gefunden habe. Gewiß rauschen hier in der Nähe die Ströme des Gartens Eden.“ Was 'die Erzählung uns sagen will: Alexander der zu sich selber gekommen ist, der das Wort wahr gemacht hat, das nach demselben Talmud ihm einst die Weisen des Morgenlandes zugerufen hatten: „Wer ist ein Held? Der sich selber bezwingt", der die Doppelmahnung beherzigt hatte, die dieser Tag uns so ergreifend ans Herz legt und die ihm gleichfalls die Weisen des Morgenlandes gekündet haben sollen-: „Wer lebt? Der, der sich Halt gebietet, sich Schranken auferlegt. Wer tötet sich? Der, der sich auslebt“, hat wieder die Fähigkeit erlangt, zu genießen, seines Genusses froh zu werden. Und alle Ströme des Gartens Eden rauschen ihm entgegen . . . Kennt ihr jene Antwort, die einst Rabbi Josua ben Chananja einem römischen Imperator gab? Der fragte ihn: „Woher kommt der wundersame Duft, der, wie ich höre, euren Sabbatspeisen zu eigen ist?“ „Das will ich dir sagen, mächtiger König“, sprach der Rabbi. „Jedem Gericht mengen wir ein Gewürz bei; Sabbat ist sein Name.