Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 10 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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net, and von adbet, ohne daß jemand es vorliest, klingen die Worte. Und Gott hält Gericht und fällt den Spruch, der Leben oder Tod, Glück oder Unglück verhängt. Aber Umkehr, Gebet und Gute Werke wenden das böse Verhängnis. Es hieße den Gedanken des Dichters verkleinern und herabzieben, wollten wir seine Worte so deuten,* als könnten wir durch Umkehr, Gebet und gute Werke ein glückliches Los erkaufen. An uns liegt es, wozu wir die Ereignisse, die uns treffen, formen. Dadurch aber verliert der Gedanke des Gottesgerichts das Niederschmetternde und Vernichtende, der Gedanke der T'schuwah das Demütigende, weil er vorwärts weist. Im Talmud sagt R. Jeremia einmal mit Anspielung auf das bekannte biblische Gleichnis des Propheten Ezechiel: „Verdorrtes Gebein sind die Menschen, in denen nicht der Lebenssaft der Pflicht ist.*' Als die Menschen aus paradiesischer Kinderzeit in die rauhe Wirklichkeit des Lebens eintraten, ist ihnen als Lebensgut die Pflicht mitgegeben worden. Das wiederholt sich im Leben jedes einzelnen Menschen. Symbolisch deuten wir es ah, wenn der heranwachsende Knabe als Barmizwah zur Thora tritt, als Verpflichteter, d. h. einer, dessen Leben unter den Gedanken der Pflicht gestellt ist, nicht dieser und jener einzelnen Pflichten, sondern der einen großen Pflicht. An dieser freilich oft schweren Aufgabe lernen wir unsre Kraft kennen und gebrauchen, die sonst verkümmern und verdorren würde. Was immer wir leisten, wir tun nicht mehr als unsre Pflicht. Mit Recht bewertet ein bekanntes talmudisches Wort Pflichterfüllung höher als freiwillige Leistung. Zwei Schriftworte sprechen von dem Segen der Pflichterfüllung: „Wer die Pflicht wahrt, wahrt seine ‘Seele“ und „Wer die Pflicht wahrt, kennt nichts Böses.“ Pflicht bedingt Verantwortung, Pflichtgefühl Verantwortungsbewußtaein. Der Neujahrstag will dies mit dem Schofarton, mit dem Gedanken des Gottesgerichts auch dort wachrufen, wo es im Alltagsleben eingeschlummert ist. R. Jose und R. Nathan sagen wohl mit Recht, daß Gott an jedem Tage und zu jeder Stunde Gericht hält, und der wahrhaft religiöse Mensch ist sich dieser Verantwortung zu Gott zu jeder Zeit bewußt. Denn wo er steht, steht er vor Gott. Und doch bedarf er dessen, daß dieser Gedanke einmal in seiner ganzen Wucht an ihn herangetragen wird. So wird ihm der Neujahrstag als Tag der Erinnerung zum Tage des Gerichts und als Tag des Gerichts zum Tage der Erinerung, an dem er nicht sowohl alle die großen und kleinen Geschehnisse als vielmehr sein eigenes Tun und seine eigene Haltung, die Spannung zwischen seinem Sollen und dessen Verwirklichung überdenkt. Denn* es ist Menschenlos, daß auch der reinste Wille und der festeste Sinn einmal versagt, auch die klarste Erkenntnis in die Irre geht. Die Idee des Gottesgerichts und der Verantwortung des Menschen tritt uns in ihrer ungeheuren Wucht in der Forderung des Talmuds entgegen, daß jeder einzelne sich bewußt sein soll, daß er die Verantwortung für die ganze Welt trägt, daß von seiner sittlichen Haltung der Bestand der Welt abhängt. Der Blick ist nicht so sehr auf die Vergangenheit gerichtet als auf die Zukunft. Das sagt auch der jüdische Begriff der T’schuwah. Die Wiedergabe dieses hebräischen Wortes durch das ausdem Rechtsleben stammende deutsche Wort „Buße“, das im kirchlichen Leben seine besondere Färbung erhalten hat, ist eine Umbiegung des jüdischen Begriffs der T'schuwah. Nicht Bußübung und Selbstdemütigung heischt das Judentum, begnügt sich nicht mit der Erkenntnis der einzelnen Fehler, sondern fordert die Erkenntnis der in unserer Person liegenden Fehlerquellen, aber auch der Kräfte des Guten in uns und daraus Einkehr und Umkehr, den Willen, den Mut und die Festigkeit zur Selbsterziehung. Das Urteil über die Vergangenheit soll Richtung gebend sein für die Zukunft. Unter düsteren Aussichten beginnt das neue Jahr, Sünde wäre es, sich selbst und andere über die Schwere der Zeit hinwegzutäuschen. Wohl nie zuvor mußte es so stark wie jetzt einem jeden von uns eingehen, daß sein persönliches Erleben und Erleiden an das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft gebunden ist, und daß er mitverantwortlich ist für das Schicksal dieser Gemeinschaft. Es gilt alle Kräfte zusammenzuraffen, den Mut zu bewahren allen Gefahren und Leiden gegenüber, die Dinge geschichtlich zu sehen. Das Judentum hat in vergangenen Zeiten Schwerstes überwunden, wir tragen den kommen? den Geschlechtern gegenüber die Verantwortung, daß wir uns durch das Unglück nicht überwinden lassen. _ Die Zukunft decket Schmerzen und Glücke Schrittweis dem Blicke, Doch ungeschrecket Dringen wir vorwärts. - Alexander der Große Predigt zu Nella Von Gemeinderabbiner Dr. Jakob Horovltz, Frankfurt a. M. Vielleicht ist diesem und jenem jene Erzählung des Talmud bekannt, die berichtet, wie einst Alexander der Große, im Begriff, sich Jerusalem durch Waffengewalt untertan zu machen, bei Antipatris auf eine Gesandtschaft stößt, die ihm entgegenzieht. An ihrer Spitze schreitet in priesterlichem Schmucke, bekleidet mit seinen linnenen Gewändern, Simpn der Fromme, dessen ragende Gestalt nach der Auffassung mancher Forscher das Sirachbuch im Auge hat, wenn es in gar farbenprächtigen Bildern zu schildern weiß, wie herrlich der Hohepriester anzuschauen war, wenn er hinter dem heiligen Vorhänge des Tempels henrortrat. Ihm' zur Seite gehen die edelsten Priester Jerusalems. Hell| leuchtende Fackeln tragen sie in ihren Händen. Da geschieht ein Wunderl Der gewaltige Eroberer zweier Welten steigt von seinem Pferde herab und neigt sich demütig, ehrfürchtig vor dem jüdischen Hohepriester. Es ist, als ob in dem Imperator, der auf der Höhe seiner Erfolge sttht, der Schüler des großen Philosophen Aristoteles neu lebendig würde, der er einst in den Tagen seiner Jugend war: die Materie beugt sich vor dem Geist, die Macht vor der Idee, die irdische Majestät vor der inneren Würde des Seelischen. Der Sabbat der Sabbate, der Hohepriester unter den Festen des Judentums ist im Begriff von uns Abschied zu nehmen. War er uns allen nicht wie ein Sendbote Gottes erschienen, so daß wir alle, alle kamen, um vor ihm ehrfürchtig das Haupt zu beugen? Auch wer sonst kaum haltmachte in seinem Jagen nach den Gütern der Erde, heute ist er herabgestiegen von seiner vermeintlichen Höhe, hält einen Augenblick inne, sofern noch ein letzter Funke, ein letztes Gefühl für die Weihe des Erhabenen in ihm geblieben oder doch in ihm wach geworden ist, angesichts des unvergleichlichen Priestertums dieses Tages. Hoch zu Roß saß allerdings wohl ohnehin noch kaum einer von uns deutschen Juden in dieser Zeit. Ja wir schauen ihn und heute mehr denn je, diesen