Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 10 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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verbänden —es ist, durch die „Hunger und Durst gestillt und auch der Geist zum Wiederaufleben gebracht“ wird —: Arbeitsvermittlung, berufliche Einordnung, Kredithilfe, Wohlfahrtsunterstützung, organisierte Auswandererhilfe, alle diese sozialen Hilfseinrichtungen sind bei der Gemeinde oder im engsten Anschluß an sie gebildet, und wo ist der Jude, der sagen könnte, daß er für sich oder ihm Nahestehende nicht eine dieser Einrichtungen in Anspruch nähme! Und würde selbst ein solcher Jude gefunden —: wer könnte ihm den Sinn seiner Existenz, seines jüdischen Schicksals deuten, wenn nicht wiederum die Gemeinde? Gottesdienst, Predigt, Religionsunterricht, Gemeindeabende. Kulturveranstaltungen, Wanderbücherei — mit alledem erst erfahren wir, warum wir leben, als Juden leben wollen, alle mit einander und alle für die Verwirklichung des göttlichen Gebotes. Alle miteinander. Je mehr Arme in einer Gemeinde sind, desto stärker belastet und gefährdet sind die wenigen Wohlhabenden. Je mehr folglich der Einzelne — sei es direkt, sei es durch Stärkung der Gemeindeeinrichtungen — die Hilfsbedürftigen wieder in Erwerb zu setzen strebt, desto gefestigter steht er selber da. Je mehr leistungsschwache Gemeinden in einem Bezirk sind, desto stärker belastet sind die wenigen größeren Gemeinden; je stärker diese an dem Lastenausgleichswerk der Landesverbände sich beteiligen, desto gesicherter ist ihre eigene Lage. Und alle für die Verwirklichung des göttlichen Gebotes. Denn was ist es eigentlich, das uns allen die nie erlahmende Kraft und die niemals wankende Sicherheit gibt? Wir Juden sind ein altes Volk; warum kommt uns niemals der Gedanke, wir könnten nun sterben müssen? Wir Juden waren zu allen Zeiten von.schwersten Gefahren umlagert; warum überfiel uns nie die Furcht, wir könnten erliegen? — Weil wir wissen: unser Lebenswille ist nicht nur der rein geschöpfliche — jedes Lebewesen, jede Lebensgruppe will leben und muß zum Schluß doch sterben — unser Lebenswille dient zu mehr, als nur zur Erhaltung unserer Existenz. Als Israel geschaffen wurde, hat es eine Aufgabe zuerteilt bekommen von seinem Vater im Himmel. Und diese Aufgabe ist noch nicht gelöst. Das werden wir gerade an den kommenden Festen besonders stark empfinden, wenn die alten, heiligen Texte unserer Festgebete uns Israels Aufgabe und das Ziel, dem es verpflichtet ist. aufs neue in Erinnerung rufen: „O lege Furcht vor Dir auf alle Deine Werke und fromme Scheu vor Dir auf alle Deine Geschöpfe. Auf daß alles Erschaffene Dich ehrfürchte, alle Wesen sich vor Dir beugen und alle in Einem Bunde sich zusammenschließen, um Deinen Willen mit ungeteiltem Herzen zu vollführen; so wie wir wissen, Ewiger, unser Gott, daß die Herrschaft bei Dir ist, die Macht in Deiner Hand, die Kraft in Deiner Rechten und Dein Name erhaben über alles, was Du erschaffen, hast. ... Mögen die Gerechten es schauen und die Frommen in Jubel ausbrechen, wenn die Gewalt verstummt, die Bosheit ganz wie Rauch verweht, wenn Du die Herrschaft des Frevels schwinden lassest von der Erde!“ Niemand kann behaupten, daß dieses Ziel erreicht sei; niemand wird behaupten, die Herrschaft des Frevels sei von der Erde gebannt und Gott der allgemein anerkannte König aller. Der Herrschaft seines Wortes, seines Geistes leben wir, heilig überzeugt, daß nur in einer vom Gottesgeist geordneten Zukunft der Menschen Heil und damit dann auch unser eigenes Heil ruht. Mögen andere Völker der Erde im Laufe ihrer Geschichte Zeiten des Friedens erleben, Israel findet nicht früher Frieden, als bis das Leben der Menschen ganz nach dem Geiste der Gotteslehre gestaltet ist. In dieser Tatsache liegt die Schwere unseres Schicksals, aber auch die Garantie unserer Zukunft. Nur wer das nicht erkennt und sein Leben nicht danach einrichtet, nur der wird untergehen; denn wer in Selbstüberschätzung von seiner Gemeinschaft sich trennt, der wird erfahren, daß Angst und Schwäche die Folgen des Alleinseins sind. Und es soll nur ja keiner glauben, dieser Appell an die eigene Kraft, an die jüdische Tat, an das Zusammenstehen Aller, sei fruchtloses Wortemachen. Im Gegenteil — es wurde eingangs schon gesagt: sich die Welt anders wünschen — das ist fruchtlos. Die Welt wird nicht anders durch Wünschen, und ohne Tat kommt das Glück auch im neuen Jahr nicht. Die Tat aber, die wir alle tun können, an der wir durch nichts gehindert werden, ist die: uns selbst zu ändern, denn dann ändert sich auch die Welt. Das ist — allen Skeptikern zum Trotz — die Wahrheit, die von der Geschichte verbürgte Wahrheit, und die Geschichte ist doch wohl keine geringere Realität als die Gegenwart? Sie, die Realität der Geschichte, lehrt uns den Grundsatz, auf den wir im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden stets alle unsere Arbeit gestellt hatten, nach dem wir auch im kommenden Jahre handeln werden und dem alle Gemeinden und alle Glaubensgenossen in Stadt und Land folgen sollten, wenn sie sich wirklich die Kraft der Neujahrstage zur glück- , haften Gestaltung der Zukunft dienstbar machen wollen. Denn alle „Erinnerung“ und „Mahnung“ dieser heiligen Tage klingt zusammen in einer geschichtlichen Erkenntnis, die wir, in Abwandlung eines bekannten Wortes, so aussprechen dürfen: Nicht auf der einen Wanderung nur fanden wir Manna, und nicht der eine Felsen in der Wüste nur spendete uns Wasser, sondern zu allen Zeiten und in allen Ländern geschah das Wunder unsererSelbsterhaltung; die für sich allein sich retten wollten, mußten ertrinken, denen aber, die beim Heerbann Israels verblieben, sandte Gott Wachteln und Manna, sie stillten Hunger und auch ihr Geist lebte wieder auf. Rosdi-Haschanah Von Rabbiner Dr. Hermann Vogelstein, Breslau In harter Bedrängnis begehen wir deutschen Juden das Neujahrsfest, sorgenvoll blicken wir in die kommende Zeit. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Nur das können und sollen wir wissen, was und wie wir sind und werden und sein sollen. Und wir wissen, daß, wie immer unser Schicksal sein mag, seine Auswirkung entscheidend davon abhängt, wie wir es erfassen und gestalten. So stellen wir unser Geschick zuversichtlich in Gottes Hand, die Sorge um die Zukunft wird zur Sorge um uns selbst, um unsere Aufgabe und unsere Verantwortung. Das ist der Sinn der Neujahrsfeier, wie er in unseren Gebeten zum Ausdruck kommt; am ergreifendsten in der gewaltigen Dichtung Un' sänne tokef. Der Tag des Gerichts, an dem vor Gott das Buch der Erinnerung aufgeschlagen ist. Von jedes Menschen eigener Hand ist all sein Tun und Lassen, sein Reden und Denken aufgezeich- 2