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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-09-01 · 9 (1.9.1935) · p. Seite 9

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
9 (1.9.1935)
Date
1935-09-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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bfinde in engster Zusammenarbeit mit den Behörden erfolgt. Der Geschäftsführer der Reichskulturkammer, Staatskommissar Hans Hinkel, ist von Reichsminister Dr. Goebbels zum Sonderbeauftragten für die Ueberwachung und Beaufsichtigung der Betätigung aller im deutschen Reichsgebiet lebenden nichtarischen Staatsangehörigen auf künstlerischem und geistigen Gebiet berufen worden. Eine der Maßnahmen zur Durchführung dieser Ueberwachung besteht darin, daß allen künstlerisch und kulturell tätigen jüdischen Vereinigungen die Auflage gemacht worden ist, sich dem Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde anzuschließen; nur solche Vereine, die dem Reichsverband angeschlossen sind, dürfen sich künstlerisch und kulturell betätigen; ausgenommen von dieser Bestimmung sind lediglich jüdische Schulen und die Kultusgemeinden. Welche Auswirkungen diese Maßnahmen haben , werden, ist zurzeit, solange noch keine Durchführungsbestimmungen ergangen sind, noch, schwer übersehbar, insbesondere wird abzuwarten sein, ob das jüdisch-kulturelle Leben durch eine straffere Organisation einen Auftrieb wird erfahren können. Und hier nun ist der Punkt, an dem, wie wir einleitend schrieben, eine schicksalhafte Ironie das jüdische Leben zu überschatten beginnt. Schon vor Monaten wurde in diesen Blättern der alte jüdische Spruch zitiert: Im ei> Kemach en Thoruh, „wo kein Brot ist, da ist auch keine Lehre“. Lehre, Kultur — das ist das Hauptanliegen der jüdischen Religion und seines „Am Sefer“, seines „Volks des Buches“. Aber dieser letzte und oberste Zweck kann nur erreicht werden, wenn eine gesunde wirtschaftliche Grundlage vorhanden ist. Das ist ein allgemein anerkanntes Naturgesetz; auch die alten Lateiner kannten das Wort vom „primum wivere“, daß man „zunächst leben“, existieren müsse, bevor man kulturelle Werte schaffen kann. Lind was dies anbetrifft, so wird das Leben für uns Juden immer schwieriger. Wir sprechen hier absichtlich nicht von der seelischen Reaktion der Juden auf alle Vorgänge, denn wir sind der Ansicht, daß wir Juden heute alle Selbstbekenntnisse stolz diesseits der Lippen und der Schreibfedern zurückzuhalten haben. Was aber das Materielle anbetrifft, so spricht der gerade jetzt veröffentlichte Haushaltsplan der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt a. M. eine überdeutliche Sprache. Es ist da mit Recht von einem „sprunghaften Anwachsen der Ausgaben für soziale Fürsorge“ dje Rede; im Jahre 1933 betrugen sie 38 575 RM., im Voranschlag für 1934 ist bereits die Summe von 92 182 RM. verzeichnet, und im nun veröffentlichten Voranschlag für das laufende Rechnungsjahr wird mehr als der dreifache Betrag, nämlich 296 162 - RM angefordert! Und ähnlich wie in Frankfurt a. M. liegen die Dinge überall. Die Bewegung, die den nichtjüdischen Kunden vom jüdischen Kaufmann zurückhält, nimmt immer mehr zu und hat sich neuerdings sogar so weit verstärkt, daß auch das Gegenteil schon eingetreten ist: in einigen Städten haben die Geschäftsinhaber plakatiert, daß ihnen jüdische Kunden unerwünscht sind. Es ist klar, daß dadurch die Lage der Juden weiterhin schwieriger geworden ist An einigen Orten bestehen jetzt auch Verbote des Grundstücksverkaufs an Juden sowie Zuzugsverbote für Juden. Daß ferner die zahlreichen Badeverbote, besonders in Kurorten, uns und unserer Jugend die in so schwerer Zeit besonders notwendige Erholungsmöglichkeit fühlbar beeinträchtigen, soll nur nebenbei erwähnt werden. Die Aufgabe, der unsere jüdisch-wirtschaftlichen und sonstigen jüdischen Zentralstellen sich gegenüber sehen, kann ajgo dahin formuliert werden, daß es notwendig ist, die jetzt bestehende Diskrepanz zwischen dem kulturellen Oberbau und dem materiellen Fundament der jüdischen Gemeinschaft zu überbrücken, damit die kulturellen Werte nicht verloren gehen and wir in unsem eigenen Augen als das „Volk des Buches“ bestehen. Diese Aufgabe zu meistern wird nicht leicht sein; aber doch schöpfen wir neue Hoffnung, wenn wir an das Wort eines jüdischen Dichters denken, das lautet: „Nur selten war der Jude seines Glückes Schmied; aber immer war er seines Unglücks Meister.“ Was das allgemeine jüdische Leben anlangt, so steht es zur Zeit unter dem Zeichen des Zionisten-Kongresses in Luzern. Wir werden über ihn erst nach Abschluß, d. h. in der am 25. September erscheinenden nächsten Nummer unseres Blattes berichten können. Für heute mag die Feststellung genügen, daß auf Grund der in Deutschland gezahlen 100 863 Schekalim 34 Delegierte aus Deutschland an dem Kongreß teilnehmen. Die palästinensischen Wirtschaftsprobleme, die auf dem Kongreß zur Erörterung gelangen werden, sind für uns deutschen Juden von besonderer Wichtigkeit geworden, nachdem die Auswanderung deutscher Juden nach Palästina so sehr zugenommen hat. Die Palästina- Regierung hat kürzlich einen Bericht veröffentlicht, der außerordentlich günstig ist. Die Einnahmen der Palästina- Regierung waren für 1934/35 mit 3 482 000 Pfund vorveranschlagt worden, sie haben aber tatsächlich 5 452 663 Pfund betragen, und der Reservefonds ist jetzt infolge dieses Budget-Ueberschusses größer geworden als der gesamte "Geldumlauf. Die Regierung plant daher einige Steuersenkungen. Anderseits liegen aber auch Nachrichten über eine ungünstigen Stand der Industrie vor, die unter dem japanischen Dumping stark leidet. Wir möchten wünschen, daß diese Schwierigkeiten überwunden werden. Kajender der Jüdischen Künstlerhilfe Der erste Kalender der Jüdischen Künstlerhilfe ist vielen Familien im ganzen Reich ein freundlicher Begleiter durch ein schweres Jahr geworden. < Jetzt ist der Paula Neufeld, Berlin: »Dies ist die Lehre« (1934) (Aus dem Kalender der jüdischen KünstlerhiNel zweite erschienen*) und zeigt in verstärktem Maße, weshalb dieser Kunstkalender als willkommene Ergänzung der •) Dr. Herbert Loewenstein Kunstverlag, Berlin SO 16, Rungestraße 16. 63 Bilder und Gedichte, mit sämtlichen religiösen Daten, RM. 2,60. 9

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