Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 9 (1.9.1935)
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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haben sollten, sich selbst zu bedecken, so habe ich zur Sicherheit noch einen dritten Hut mitgebracht!“ Im allgemeinen haben die Marranen untereinander geheiratet und sich auch dadurch erhalten. Sie wohnen heute in der Gegend von Oporto und Braganza und in jenen bereits genannten Gebirgsdörfern nahe der nördlichen Grenzen. Tr&ger der alten jüdischen Ueberüeferungen sind hauptsächlich die Frauen. Sie haben portugiesische Gebetbücher, «untermischt mit Brocken hebräischer Gebetssprache, und sie hingen, wie wir bereits erzählten, mit Treue an den Festen, vor allem am Sabbath, dem Peßach- Feste und dem Versöhnungstage. Sie sind vor allem in den letzten Jahren in den Vordergrund des jüdischen Interesses durch den erstaunlichen Vorgang ihrer Rückkehr zum Judentum gerückt. Die Revolution in Portugal (1920), die die Freiheit des Religionsbekenntnisses verbürgte, gab zunächst die Möglichkeit der Rückkehr, die sich allmählich vergrößernde Gemeinde neuer jüdischer Einwanderer in Lissabon brachte sie dem Judentum näher, vor allem fand sich ein Mann voll Energie und Tatkraft, der das Schicksal der Marranen in die Hand nahm: der junge Kapitän de Barros Basto trat zum Judentum über und lebt seitdem nur dem einzigen Ziele, seinen marranischen Brüdern den gleichen Weg zu ermöglichen. In London gründete sich ein Promarrano-Komitee, das mit bedeutenden Geldern ausgestattet wurde, junge Marranen nach London kommen ließ, sie als Lehrer ausbildete und dann ins Land zurückschickte. In Oporto wurde zuerst ein „ Marranenzentrum gegründet und sodann eine schöne und stattliche Synagoge gebaut. Kapitän de Barros Basto gründete die Zeitschrift „Halapid“, d. h. „Die Fackel“, die in alle marranischen Häuser kommt und die Lehre des Judentum verbreiten hilft. In den Zeiten, die wir jetzt erleben, ist es nicht nur ein Zeichen für die Lebenskraft unseres Volkes, sondern auch für die gewaltige Werbekraft der jüdischen Idee, daß die Marranen heute auf den Ruf Israels hören. Nach mehr als vierhundert Jahren Christentums kehren die verlorenen Söhne in den Schoß des Judentums zurück. Das ist nicht bloß ein Trost, sondern eine Ermutigung. Vierhundert Jahre namenloser Aengste und Leiden konnten das nahezu verglimmende Licht im Herzen der Verbannten nicht verlöschen. Wenn die Geschichte eine Lehrmeisterin ist, so wollen wir deutschen Juden in der schweren Zeit, die unser Schicksal wurde, .uns zu Füßen dieser Lehrmeisterin setzen und ihren heiligen Worten lauschen. Kurse mit Kindern Ein geglüdtter und nachahmenswerter Versuch Die eigenartige und ungleichmäßige Verteilung der jüdischen Bevölkerung hat eine große Anzahl unserer Kinder in eine besonders schwierige Lage gebracht. Wir meinen die Kinder in den ganz kleinen Orten mit. nur wenigen jüdischen Familien. Dort wirkt sich neben der anormalen Wohnverteilung die Ueberalterung der deutschen Juden aus, eine Erscheinung, über die ja auch schon viel geschrieben worden ist. Wenn z. B. an einem Orte 38 Juden leben, von denen die meisten über 55 Jahre alt sind — ihre Kinder und Enkel haben die kleine Stadt längst verlassen — nur zwei jüngere Ehepaare sind noch da, die im ganzen 3 schulpflichtige Kinder haben, so kann man sich leicht denken, daß es diesen Kindern an allem fehlen muß, was ihnen ihre Kindheit verschönt und sie zu gesunden Menschern und Juden heranbildet. Der jüdische Unterricht in den kleinen Orten ist besonders schwierig. Von der Anstellung eines Lehrers kann bei der geringen Anzahl keine Rede sein (es gibt Orte mit weit weniger als 38 jüdischen Seelen); der Bezirkslehrer hat manchmal einen vollen Tag zu fahren, um verkehrsungünstig gelegene Orte zu erreichen, und wenn auch der Religionsunterricht voll durchgeführt wird, so fehlt es doch an alledem, was in der größeren Stadt über das rein Unterrichtsmäßige hinaus der Jugend geboten werden kann. Oft kennen die Kinder kein jüdisches Milieu, manchmal fehlen auch das jüdische Haus und die häusliche Sabbathfeier; ein jüdischer Jugendverein ist ihnen völlig unbekannt, jüdische Freunde haben sie nicht. So fehlt die Gelegenheit, das im Unterricht wissensmäßig Erlernte in gefühlsmäßig Erlebtes umzuwandeln, und die hohen Werte des Judentums wurzeln nicht im Gefühl dieser Kinder. Und doch wird ihnen durch die Umwelt täglich zum Bewußtsein gebracht, daß sie Juden sind. Diese Tatsachen haben schon wiederholt unsere verantwortlichen Menschen beschäftigt, und man hat darauf gesonnen, wie man den solcherart isolierten Kindern das Leben der Gemeinschaft vermitteln könne. Vor einigen Monaten schon hatte unser Bezirksrabbiner Dr. Auerbach in Recklinghausen mit einer zu diesem Zweck zusammen - gestellten Gruppe von Jugendlichen auf einige Tage das vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten eingerichtete „Haus Bertha“ bei Dorsten i. Westfalen aufgesucht. Es war ein voller Erfolg. Aehnliche Erwägungen sind es gewesen, die einen unserer tüchtigsten Provinzialverbände dazu veranlaßten, einen Ver- Besiditigung der »Bornplatzs-Synogoge in Hamburg Fot Ernst Maynr such zu machen, der, wie die uns vorliegenden Berichte zeigen, auf das schönste gelungen ist. Auf einer Tagung des Großen Ausschusses des Verbandes jüdischer Gemeinden Schleswig-Holsteins und der Hansestädte E. V. machte _ 5