Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 9 (1.9.1935)
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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dere Rolle spielten. Es dauerte nicht lange, so gingen die Neuchristen bei Hofe ein und aus, sie kamen zu Reichtum, sie kamen sogar zu Macht, und trotzdem bewahrten sie in ihrem Innern die Anhänglichkeit an ihr Judentum. Was ihnen aber besonders zum Verhängnis wurde, war nicht nur die Tatsache, daß sie, wie das Volk sagt, heimlich „judaisierten“, sondern gerade ihr schneller Aufstieg war es, der den Neid und die Scheelsucht der Massen, unter ihnen vor allem der verarmten adligen Hidalgos, auf sie richtete. Es dauerte nicht lange, da waren die Marranen in Spanien verhaßter als die richtigen Juden. Man traute Marranenhaus in Braganza (Nachdruck verboten} ihnen nicht über den Weg, sie waren Wölfe im Schafspelz, und was von jüdischer Seite als ergreifende Tragik einer unmöglichen seelischen Situation angesehen wurde, galt dem kirchlichen Volke naturgemäß als Tücke und Heuchelei. An diesem Punkte beginnt die Geschichte der spanischen Inquisition. Nicht etwa, daß die Inquisition an den Marranen erst erfunden wurde. Eine Inquisition gab es als Glaubensgericht und Ueberprüfungstribunal schon lange vorher in der katholischen Welt, aber erst die Einführung der spanischen Inquisition (1481) als Ketzergericht über Marranen mit all den Zutaten der Folter und der langwierigen Prozesse eröffnete jene tragische Entwicklung, die sich an diesen verhängnisvollen Namen damals knüpfte. Die Marranen gaben das Spiel nicht verloren. Obgleich zahllose Opfer in den elf Jahren bis zur Vertreibung des Jahres 1492 in den Kerkerkammem der Inquisition verschwanden, setzten sie sich heftig zur Wehr. Der erste Großinquisitor Pedro Arbuezfiel einem ihrer Attentate zum Opfer. Ihm folgte der berüchtigte Großinquisitor Thomas de Torquemada, von dem es heißt, daß er ein Judenstämmling gewesen sei. Er verfolgte mit infernalischem Haß die Marranen wie die Juden, und da er des Marranenproblems nicht Herr werden konnte, richtete sich sein Zorn gegen die Juden, denen er die Schuld zuschob, daß die Marranen bis auf den Tag noch nicht voll christianisiert werden konnten. Er glaubte fest daran, und im Grunde genommen hat dieser Glaube ihm auch recht gegegeben, daß in dem Augenblicke, wo das Judentum aus Spanien verschwunden sei, auch das Marranenproblem sich von selber lösen und in sich selber auflösen würde. Während die Scheiterhaufen der Auto da Fös, d. h. der sogenannten Glaubensschauspiele rauchten, betrieb er als Beichtvater der Königin Isabella und Ratgeber des Königs Ferdinand die Vertreibung der Juden. Als Granada 1492 fiel, war das Schicksal der Juden besiegelt: am 9. Aw dieses Jahres verließen etwa 400 000 Juden das heimatliche Spanien. Die Geschichtsschreiber können sich nicht genug tun, die herzzerreißenden Szenen zu schildern, die dieses einschneidende Ereignis begleiteten. In Spanien gibt es beute keine Marranen mehr, sie sind restlos im spanischen Volkskörper untergegangen. Dagegen in Portugal, das anfangs die flüchtenden spanischen Juden aufnahm, haben die Marranen sich bis heute erhalten. Diese Erscheinung ist merkwürdig, aber doch leicht erklärbar: Zwischen der Einführung der Inquisition und der Vertreibung der Juden lag in Spanien nur die kurze Spanne von elf Jahren. Jetzt waren die Juden vertrieben und damit die Marranen ihres Haltes beraubt. Auch das war entscheidend: In Spanien kam erst die Inquisition und dann die Vertreibung der Juden, in Portugal kam erst die Vertreibung (1497) und erst vierzig Jahre später die Bulle des Papstes, die die Einführung der Inquisition dort im Jahre 1536 erlaubte. Wenn also in Portugal auch durch dip Vertreibung der Juden die Marranen ebenfalls ihres Haltes beraubt waren, standen sie doch danach viele Jahre noch nicht unter dem Damoklesschwert der Inquisition. Im Gegenteil, der König Manuel suchte sie durch besondere Vergünstigungen für die Kirche zu gewinnen und erließ ein Gesetz, daß man sie für zwanzig Jahre ungestört und unbehelligt zu lassen habe. Aber gerade diese Jahre der vollkommenen Freiheit von aller Beobachtung, allen Verdächtigungen und allen Ketzergerichten benutzten die portugiesischen Marranen, sich zu konsolidieren. Um unbeachtet leben und den Bräuchen der Väter folgen zu können, zogen sie sich in Massen in die nördlichen Gebirgsdörfer nahe der Grenze, den sogenannten Tras os montes zurück, wo sie noch heute in kompakten Siedlungen leben. Als 1536 die Inquisition kam, war das Werk schon vollendet. Die Scheiterhaufen fingen natürlich jetzt auch an zu rauchen und rauchten bis ins 18. Jahrhundert hinein. Lessing lebte schon, als in Portugal der letzte Marrane verbrannt wurde. Aber sie hatten sich gewissermaßen im Lande unsichtbar gemacht und jene Mischform von Katholizität und rudimentären Resten jüdischer Art angenommen, die sie sich bis heute bewahrt haben. Sie gingen mit dem ostensiblen Kreuz auf der Brust in die Kirche, hielten aber auf ihre Art am Sabbath und an den Festtagen fest, nur daß sie diese Tage, um eben nicht bemerkt zu werden, auf andere Daten verlegten. Im allgemeinen ist man der Meinung, daß das Marranenproblem ein rein religiöses Problem gewesen sei. Die Feststellung ist gerade im Vergleich zur heutigen Zeit nicht uninteressant, daß auch damals ein nationales Rasseproblem Hand in Hand mit dem religiösen Problem ging. Die Klagen, daß in Portugal das Volk, und vor allem der Marranenhaus in Braganza -■n , Mit Genehmigung des Vertage* werden die drei Bilder dieses Artikels aus dem 4. Jahrgang des JOdisdien Jugend Kalenders, herausgegeben von Emil Bernhard Cohn (Jüdischer Verlag,Berlin W50) veröffentlicht Nochdrudt verboten. Adel, durch die Marranen verjudet sei, hörten nicht auf. Es gibt eine hübsche Anekdote, daß in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der König Josä den Befehl gegeben habe, jeder Marrane habe zu seiner Erkennbarkeit einen gelben Hut zu tragen. Eines Tages erschien sein Premierminister Pombal mit drei gelben Hüten unter dem Arm, und als der König ihn fragte, was dies Gehaben solle, antwortete er: „Den ersten Hut, Majestät, möchte ich mir einmal persönlich aufsetzen, da ich doch sicher jüdisches Blut in meinen Adern habe. Der zweite ist für den Herrn Großinquisitor. Falls aber Eure Majestät den Wunsch 4