Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 9 (1.9.1935)
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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1 Kraft in mir, nt retten?“ Und dies Wort darf auch heute geglaubt werden — gerade von denen, die erkennen, daß — solange es eine jüdische Geschichte gibt — jedes Unglück eine Heimsuchung, jede Heimsuchung aber eine Heimführung war. Darum horchen wir auf, wenn in diesen Elul-Tagen die Thora den , Ruf an uns ergehen läßt, des „ganzen Weges zu ' gedenken, den Gott uns führte.“ Ja, es ist Gottes Gesetz, das in der Geschichte wirksam ist, darum wurde uns für unsern Abfall Heimsuchung geschickt; und wenn wir uns heimführen lassen, so wird es dieses selbe Gesetz sein, das uns alle Wüsteund Fährnis überstehen läßt, denn — so geht die Mahnung, des „ganzen“ Weges zu gedenken, weiter —: „Er hat dich durch diese große und furchtbare Wüste geführt, wo giftige Schlangen sind und wasserlose Dürre herrscht, er hat dir aus granitenem Felsen Wasser hervorgebracht und dich mit Manna gespeist . . . 11m dich durch Widrigkeiten zu prüfen, l’hetiwcho ba’acharißecho, und um amEndedirwohlzutu n!“ (5. B. Mose 8, 15 f.). Die Marranen Von Rabbiner Dr. Emil Die ernste Zeit, die wir durchleben, hat jeden einzelnen von uns auf eine sehr deutliche und starke Weise mit dem Problem seines Judeseins konfrontiert. Diese Konfrontation traf in gleicher Weise den Frommen wie den Unfrommen, den Zionisten wie den Centralvereinler, jeder erlebte die Erschütterung der Zeit zwar auf seine Weise, erlebt aber hat sie jeder. Dabei aber ist festzustellen, daß die Erschütterung der jüdischen Menschen um so größer wur, je mehr sie sich in ihren früheren Zeiten vom Juden turne entfernt hatten. Dem Frommen ist eigentlich nichts Neues geschehen: er kannte die jüdische Geschichte, er erlebte sie im religiösen Ablauf der Feste und Gedenktage alljährlich immer aufs neue, er kannte auch seine jüdische Bestimmung und war sich von Anfang an bewußt, daß es für ihn in dieser Situation nur eines gab, nämlich das zu bewähren, was er von jeher als sein religiöses Ideal in sich getragen hatte. Der Randjude aber war aus allen Himmeln seiner alten Ueberzeugungen gerissen, und alle seine bisherigen Illusionen waren über den Haufen geworfen. Die gewaltigste Erschütterung und Umwandlung ihres Wesens müssen aber die getauften Juden erlebt haben, die, familiär noch im Judentum verwurzelt, im Christentum noch lange nicht eingewurzelt, jetzt auf einmal mit den alten längst vergessenen Grundtatsachen ihres jüdischen Blutes und Glaubens sich auseinanderzusetzenhatten. Man fragt sich heute manchmal, wie es wohl im Herzen dieser Nichtmehrjuden und Nochnichtchristen augenblicklich aussehen mag. Aber auch diese Frage ist nicht neu, die jüdische Geschichte hat huch das schon erlebt, und zwar in der ergreifendsten Erscheinung, die sie vielleicht aufzuweisen hat, dem sogenannten Marranentum. Wer waren die Marranen? — Marranos ist ein spanisches Schimpfwort und heißt so viel wie Schweinekerle. Dieses Schimpfwort bekamen in Spanien und Portugal die Zwangschristen oder, wie man sie auch nannte, die Conversos, Christianos novos. Das waren die zwangsweise zum Christentum bekehrten Juden des 15. Jahrhunderts, die ihr Leben lang vor der Welt ein Scheinchristentum zur Schau trugen, im Herzen aber und im stillen Heim des eigenen Hauses oder gar Kellers den alten Bräuchen ihrer Väter ergeben waten. Ein solches Scheinchristentum hat Bernhard Cohn. es bereits im gotischen Spanien gegeben, auch der Islam des 11. und 12. Jahrhunderts kannte derartige Erscheinungen, wie uns ja auch die Jugendgeschichte des berühmten Maimonides berichtet. Diese früheren Erscheinungen aber waren doch im großen Ganzen.auf Einzelpersonen oder kleine Gruppen beschränkt. Zur Massenerscheinung wurde das Marranentum aber erst am Ende des 14. Jahrhunderts, als im Jahre 1391 jener furchtbare Judensturm zu Sevilla ausbrach, der mit einem Schlage diese Gemeinde vernichtete, Tausende von Toten auf dem Platze ließ und sich im Sturme über ganz Spanien verbreitete. Hinter diese akute Judenverfolgung, der man sich damals nur durch die sofortige Taufe retten konnte, setzte die Kirche, die in keinem Lande so glänzend organisiert war wie gerade in Spanien, eine Bewegung, die der jüdische Historiker Dubnow treffend als „Missionsterror“ bezeichnet hat. Innerhalb diesem Terrors waren es zwei Dinge, die die Kirche mit höchster Energie betrieb: die Zwangsdisputation und die Zwangspredigt. Berühmte jüdische Gelehrte wurden gezwungen, ihren Glauben öffentlich gegen die Argumente der Mönche und sonstigen kirchlichen Gelehrten zu verteidigen. Die berühmteste dieser Disputationen war die von Tortosa im Jahre 1413, die über ein Jahr währte und nahezu siebzig Sitzungen erlebte. Man erhoffte sich von ihr mit einem Schlage die Bekehrung der gesamten spanischen Judenheit, die den großen Rabbinen, die die Sache des Judentums damals verteidigten, folgen mußte, falls diese in ihrem Glauben wankend wurden. Wenn diese Disputation auch wie alle anderen erfolglos verlief, und wenn auch der weitere Zwang für die Juden, alljährlich in der Karwoche die Bekehrungspredigten der Mönche in der Kirche anzuhören, eine Verwendung von vielerKraf t am letzthin doch untauglichen Objekt bedeutete, so ging doch Hand in Hand mit diesem geistigen Terror eine seelische Depression, die schwächeren Charakteren auf die Dauer untragbar werden mußte. Dazu kam, daß den Bekehrten zunächst einmal alle Wege in Staat und Gesellschaft offen standen und sie als die jüngsten Lieblingskinder der Kirche geradezu verhätschelt wurden. Diese Neuchristen erlebten einen schnellen Aufstieg, der ihnen um so leichter wurde, als sie zumeist den begüterten Kreisen angehörten, bei denen der Ehrgeiz und das Geltungsbedürfnis eine beson- Synagoge der Marranen in Oporto iNadidrudc varbotan) 3 i