Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-09-01 · 9 (1.9.1935) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
9 (1.9.1935)
Date
1935-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/10279732-10021717-10021678--234-3980980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

nahm, sie zu nutzen, darüber gibt sich der Mensch im Erfolg nur selten Rechenschaft und schließt niemals von seiner „Begabung“ auf — den Geber! Ergeht es ihm aber schlecht, dann natürlich ist alles Schickung von außen her, dann heißt es: „Ich habe Pech gehabt“ und: „Die Verhältnisse waren stärker als ich; ich bin eben auch ein Opfer der Zeit.“ Die Religion, das Judentum geht den umgekehrten Weg. Auch er könnte zunächst als „unlogisch“ er- <• scheinen, denn entweder kommen Erfolg und Unglück beide als Schickungen von außen, oder sie sind beide auf des Menschen eigenes Tun zurückzuführen. Doch dieser Einwand bleibt an der Oberfläche haften, und es ließe sich leicht zeigen, daß solch ein Widerspruch in Wirklichkeit gar nicht besteht. Wichtiger jedoch < als eine derartige Untersuchung ist die Beantwortung der Frage, wras unsere Religion eigentlich damit von uns will, daß sie uns lehrt, die Ursache des Unglücks in der eigenen Brust zu suchen, als Urheber alles Gelingens aber Gott anzusehen. Denn das ist in der Tat die Auffassung, zu der das Judentum uns erziehen will. Wir hörten das am Neunten Ab und wir werden es an den Hohen Festen abermals hören. „Hast du dir dies alles nicht selbst angetan, als du den Ewigen verließest?!“ — das ist der Ruf des Jeremia an einem der Sabbathe in den Trauerwochen vor Tischa b’Ab; aber an einem der auf ihn folgenden Sabbathe, die uns die Trostreden des Jesaja bringen, lasen wir aus der Thora: ..Es könnte kommen, daß, wenn du issest und dich sättigst, schöne Häuser bauest und bewohnst,... wenn du viel Gold und Silber besäßest und alles, was dein ist, gediehe, daß sich dann dein Herz erhöbe, ... und du sprächest: »M eine Kraft und die Stärke meiner Hand haben mir all dies Vermögen erworben.« So gedenke des Ewigen, deines Gottes, daß e r es ist, der dir die Kraft verleiht. Vermögen zu erwerben.“ — Nicht anders klingt es an den Hohen Festen. Das „Owinu Malkenu“, jenes Gebet, das der Bußestimmung den stärksten Ausdruck verleiht, beginnt mit dem Geständnis: „Unser Vater, unser König, wir haben gesündigt“, aber es schließt mit der Bitte, daß Gott uns um seiner Liebe und Gnade willen helfen möge, „Ki en bonu mn’aßim“, da wir selbst ohne Verdienste sind. Umgekehrt also als die Weise der Welt ist die unserer Religion: die Ursache für Mißerfolg und Unglück wird im eigenen Innern oder im eigenen Lebenswandel (und in dem der jüdischen Gemeinschaft) gesucht; Glück und Erfolg aber sind Gaben, die von außen kommen: Gottes Gnade ist es, die sie gewährt. Wir fragen: was bezweckt das Judentum, wenn es zu solcher Betrachtungsweise die Menschen zu erziehen sucht? Worin liegt das erzieherisch Richtige und Großartige solcher Denkweise? Scheint sie nicht wiederum oberflächlich betrachtet — ebenso unpsychologisch, wie sie vorhin unlogisch erschien? Denn der Unglückliche liebt es nicht — auch das muß einmal ausgesprochen werden — sich in seinem Leid auch noch sagen lassen zu müssen, er sei „selber schuld“. Unsern Predigern und Lehrern erwächst hier eine verantwortungsvolle Aufgabe, die viel Takt erfordert. Es darf nicht Vorkommen, daß einer der Zuhörer. der vielleicht alles verloren hat und obendrein seine Kinder in die Ferne geben mußte, den Eindruck erhält, die Religion, bei der er Trost suchte, habe ihm sagen wollen, er habe sein schweres Geschick „verdient“. Das darf nicht Vorkommen und das braucht nicht vorzukommen, denn so ist es mit der Buße wahrlich nicht gemeint — recht verstandene Buße ist immer zugleich auch Trost und erhebt den Menschen über alles noch so schwere Leid. Ja: solch eine Zauberin ist die Religion, daß sie nicht nur alle scheinbaren Widersprüche des Denkens löst, sondern auch das von seinen widerstreitenden Gefühlen gequälte, zerrissene Menschenherz über sich selbst erhebt, es aufrichtet und erlöst. Und nun stellen wir die zweite Frage; sie lautet: Was ist das für eine wundergewaltige, heilige Lehre, die solches vermag?, die d a s in den Menschenherzen ausrichtet, daß sie Unglück in Trost wandelt und Schuldbewußtsein in Hoffnung und Kraft? — Wenn uns der Elul-Monat diese Frage beantwortet, so hat er uns in der Tat das Tiefste des Judentums enthüllt. Die jüdische Geschichte kennt im Grunde genommen nur ein einziges Thema: Abfall und Heimsuchung. Abfall — das ist die Schuld, die wir als die unsrige erkennen müssen; sie hat nichts zu schaffen mit alledem, was uns Juden sonst vorgeworfen werden mag von den Menschen. Was hier zu uns sprechen will, das ist nicht menschliche Stimme, sondern es ist die Offenbarung Gottes aus den Dingen, aus der Welt, aus Geschehen und Geschichte. Weil wir Goltes Walten in derGeschichte erkennen, darum ist es stets jüdische Art gewesen, zu jeder Zeit jede unserer Heimsuchungen auf Abfall zurückzuführen. Abfall und Heimsuchung — das klang schon auf in den Strafreden des Mose (z. B. Mose 26; 5. B. Mose 28), es durchbraust die Reden aller Propheten. Es blieb das Thema in allen jüdischen Notzeiten. Denn jeder „Konflikt“ Israels mit seiner Umwelt wurde in der Geschichte zurückgeführt auf einen inneren Konflikt Israels mit Gott. Abfall führte zum Untergang des Zehnstämmereiches Israel. Abfall brachte dem Süd-, reich Juda Zerstörung und Verbannung. Abfall des wiedererstandenen Judäa war die Ursache der Unterjochung durch Antiochus, der endgültigen Vernichtung durch Rom; so blieb es in allen Nöten der Diaspora, so wurde insbesondere die spanische Tragödie von 1492 gedeutet: Abfall und Heimsuchung — ein schweres Schicksal. Und doch das einzige, das wir haben möchten, weil nur dieses Schicksal unserer jahrtausendealten Not einen Sinn verleiht und weil Tröstung, ja Hoffnung an seinem Ende steht! Denn wenn jedes Unglück Heimsuchung für begangenen Abfall ist, so zeigt sich darin, daß kein Geschehen sinnlos ist, sondern daß im Ablauf aller Dinge eine Gesetzmäßigkeit waltet. Und diese Gesetzmäßigkeit — von wem anders käme sie als von Gott? Wir Juden von heute haben durch unser selbsterlebtes Schicksal gelernt, an diese Gesetzmäßigkeit wieder zu glauben; wrir fühlen uns als lebendige Zeugen Gottes und seines Waltens. Es lebt eine immanente Vernunft in allen Dingen; an ihr erkennen wir die Einheit von Gott und Welt, zwischen der Welt und dem, was mehr ist als Welt, weil es die Welt über sich selbst erhebt. So wie der Prophet Jesaja im kriegsbedrohten Jerusalem — und man muß sich einmal konkret vor- ' stellen, wie es in einer belagerten Stadt aussieht — ruft: „Zion wird durch Gerechtigkeit erlöst werden“, so könnte nach der Meinung der jüdischen Religion jegliches Zion durch Gerechtigkeit erlöst werden. Denn der Mensch, der sich bessert, der bessert auch die Verhältnisse des menschlichen Zusammenlebens. Und wir Juden: indem wir die Ursachen unserer Heimsuchung in unserem eigenen Abfall suchen und uns bessern, schaffen wir die Vorbedingungen für eine bessere Zukunft. Diese Gewißheit ist der Trost, der in der Buße liegt. Sie beflügelt und kräftigt uns in aller unserer praktischen Arbeit für Alt und Jung, für die Einzelnen und für die Gemeinden. Sie soll auch unsern Menschen wieder Mut einflößen. Es war im undurchsichtigsten Unglücksdunkel, daß Jesaja (50, 2) Gott sprechen ließ: „Ist meine Hand zu kurz, um zu erlösen; ist keine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.