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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-08-01 · 8 (1.8.1935) · p. Seite 9

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
8 (1.8.1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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mehr oder minder großer Vollständigkeit hie und da schon gelungen, und es wird darüber demnächst noch mehr zu berichten sein. Der schönste Erfolg bisher ist der in Hohenschönhausen, wo es gelungen ist’, eine eigene Synagoge zu schaffen. Dieser Erfolg konnte nur erzielt werden, weil die Hohenschönhausener Glaubensgenosssen in vorbildlicher Opferfreudigkeit an diesem Werke mitarbeiteten. Denn wenn auch im Zusammenwirken zwischen der Berliner Jüdischen Gemeinde und dem Landesverband gewisse Mittel zur Verfügung gestellt werden konnten, so ist doch diese Synagoge im wesentlichen dadurch entstanden, daß die Vorstandsmitglieder der „Jüdischen Gemeinschaft Hohenschönhausen“ mit ihrer Hände Arbeit diese Räume hergerichtet haben, den Betraura und den Versammlungsraum. Beide Räumlichkeiten haben früher profanen Zwecken gedient, sie liegen in einem barackenähnlichen Hause, das auf einem Hof steht und im Erdgeschoß u. a. eine Tischlereiwerkstatt enthält. Aber oben haben die Vorstandsmitglieder wochenlang die Wände und die Decke verputzt, gemalt und verkleidet, sie haben eine künstlerisch wertvolle Innenausstattung geschaffen, das von der Gemeinde gelieferte Gestühl und die Kultuseinrichtung (Heilige Lade, Kanzel, Vorbeterpult) aufgestelllt und neu hergerichtet, die Kandelaber hergestellt, und die Frauen haben die Vorhänge gefertigt, wobei u. a. eine Dame ihr früheres Brautkleid gestiftet und selbst umgearbeitet hat. So haben die Glaubensgenossen in Hohenschönhausen diese Synagoge — wenn man von den Außenwänden des Gebäudes absieht — tatsächlich selbst gebaut, und sie ist damit, mehr als es sonst der Full zu sein pflegt, „ihre“ Synagoge. Das gleiche gilt für den Versammhings- und Gemeinschaftsraum, in dem ebenfalls alle Handwerkerarbeiten von den dortigen Mitgliedern selbst ausgeführt worden sind. Der Betraum ist schon zu Anfang dieses Jahres feierlich eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben worden. Erst jetzt aber hat er das Aussehen erhalten, das notwendig war, und erst jetzt auch konnte der Versammlungs- und Gemeinschaftsraum eingeweiht werden. Bei dieser Einweihung konnte daher der Syndikus des Landesverbandes, Dr. Schildberger, erklären, der Landesverband sei stolz darauf, daß er gemeinsam mit der Berliner Jüdischen Gemeinde dieses Werk vorbildlichen, opferbereiten Gemeinschaftsgeistes fördern durfte, denn, so hob Herr Dr. Schildberger hervor, in dieser Zeit höre man leider weit mehr von Gemeinden, die eingehen oder einzugehen drohen, als von solchen, die neu erstehen. Auch Rabbinatskandidat Z i m e t rühmte in seiner Einweihungspredigt den Gemeinsinn der Schöpfer dieses Raumes, der nun im doppelten Sinne ein „Gemeinschafts“-Zentrum ist. Herr Weinstock, der Vorsitzende und ehrenamtliche Kantor der Hohenschönhausener Gemeinschaft, Herr Michelsohn, der „Erbauer“ und oberste „Spiritus rector“ der kleinen Synagoge, und Herr Lange als Schriftführer und Mitarbeiter am Bau konnten die Glückwünsche und den Dankdes Landesverbandes, der Gemeindekörperschaften, sowie der vollzählig erschienenen Gemeindemitglieder von Hohenschönhausen entgegennehmen. Unsere Glaubensgenossen — in Stadt und Land aber mögen an diesem Beispiel sehen, daß ernsthafter Wille und Beharrlichkeit aller Schwierigkeiten Herr werden und ganz neue Wege zu gehen wissen, wenn es zum Preise Gottes und zur geistigen und praktischen Hilfe für unsere Menschen erforderlich wird. Chronik des jüdischen Lebens Das sichtbarste Ereignis der vergangenen Wochen dürfte für uns Juden der Tod des französischen Oberstleutnants Alfred Dreyfus sein. Sichtbar nicht im Sinne irgendwelcher praktischen Folgen —: Alfred Dreyfus lebte seit langen Jahren völlig zurückgezogen, und falls nicht noch die von ihm hinterlassenen und von ihm ausdrücklich zur Veröffentlichung nach seinem Tode bestimmten Memoiren Ueberraschungen bringen, ist nicht damit zu rechnen, daß das Hinscheiden des fast Sechsundsiebzigjährigen praktische Ereignisse nach sich ziehen wird. Um so stärker aber ist die ideelle Bedeutung des Ereignisses, denn mit dem Namen Dreyfus ist eine ganze Epoche verknüpft. In den großen deutschen Tageszeitungen ist daran erinnert worden, welche Bedeutung die Dreyfns-Affäre für die innere Entwicklung Frankreichs gehabt hat, in der englischen und französischen Presse ist der gesamte Dreyfus-Prozeß noch einmal ausführlich dargestellt worden, und wir Juden erinnern uns bei seinem Hinscheiden an die ungeheuren Folgen, die sein Schicksal für uns gehabt hat. Sie waren doppelter Art, wirkten sich aus nach innen und nach außen. Nach innen: denn Theodor Herzl hat den Gerichtsverhandlungen als Berichterstatter beigewohnt, und er, der bis dahin jüdischen Dingen fernstand, schrieb unter dem Eindruck des Dreyfus-Prozesses im Jahre 1895 den „Judenstaat“, das Buch, das den Anstoß zur zionistischen Bewegung gab. Und nach außen: denn die Rehabilitierung von Dreyus bedeutete eine Rehabilitierung der gesamten Judenheit in ihrem Verhältnis zu ihren Heimatländern, insbesondere in Bezug auf nationale Zuverlässigkeit und soldatische Tugenden. Jedenfalls wurde sie damals so empfunden, und vielleicht darf man es eine seltsame Ironie des Schicksals nennen, daß wenige Tage vor dem Tode von Dreyfus in den Mauern seiner Stadt Paris eine Konferenz um die gleichen hohen Güter sich mühte, die manche Juden bereits durch den Dreyfus-Prozeß errungen glaubten: die Weltkonferenz jüdischer Frontkämpfer. Sie wurde von dem früheren französischen Kriegsminister Maurin eröffnet, ein Teil der mit ihr verbundenen Feierlichkeiten stand unter dem direkten Protektorat des Präsidenten Lebrun, und im Riesensaal der Sorbonne fand ein Empfang statt, bei dem der französische Kriegsminister sich die Kongreßdelegierten durch den Oberstleutnant Alfred Dreyfus vorstellen ließ — es war das letzte Mal, das dieser öffentlich hervortrat. Auf dem Kongreß waren 450 000 jüdische Frontkämpfer aus fast allen der am Weltkriege beteiligt gewesenen Länder durch Delegierte vertreten, einer der Hauptredner war Edmond Fleg, und der Vorsitzende Varnikoff gab als Ziel der Konferenz an, „der Welt in Erinnerung zu bringen, daß Juden überall und mit allen zugleich ihre Pflicht als Soldaten erfüllt haben, und daß die jüdischen Frontkämpfer zum Kampf um ihre Rechte und die Rechte ihrer bedrohten jüdischen Brüder, wo immer sie leben, bereit sind; darüber hinaus solle diese Konferenz von Juden, die ihr Leben für ihre Vaterländer eingesetzt haben, eine Manifestation für Weltfrieden und Völkerverbrüderung sein“. Der deutsche „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ ist auf diesem Kongreß nicht vertreten gewesen, und er hat zur gleichen Zeit, aber aus einem andern Anlaß (es handelte sich um den Besuch englischer Frontkämpfer in Deutschland) öffentlich darauf hingewiesen, daß es sein Grundsatz sei — von dem er in allen Jahren seines Bestehens auch nur in zwei ganz besonders gelagerten Ausnahmefällen abgegangen ist — seine Tätigkeit ausschließlich auf die in Deutschland lebenden Juden zu beschränken. — Es liegt nahe, bei allen diesen Dingen an die neuen Verhältnisse in Deutschland, insbesondere an die Auswirkungen des Türkisch 8 9

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