Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 8 (1.8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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heute kennt, das Gesicht nicht nur in der Großstadt, sondern auch draußen in der Provinz — in den Kleingemeinden: im ostpreußischen Fischerdorf und thüringischen Flecken, in der pommemschen Kleinstadt und bei den hessischen Viehbauern, in den Weindörfern am Rhein und der Mosel und in den Ortschaften Ostfrieslands. Ueberall hier sitzen Juden, vielfach nur ein oder ein paar Dutzend Familien, manchmal noch weniger; mitunter viele Stunden von der nächsten jüdischen Gemeinde entfernt; Juden, die mitgeformt sind von der Landschaft und den Menschen, unter denen sie wohnen; so verschieden wie diese Landschaften und die deutschen Stämme. Alle diese jüdischen Menschen sind seit 1933 herausgerissen aus den Bindungen ihres Lebens, erschüttert in ihrer oft jahrhundertealten Bodenständigkeit, gefährdet in ihrer Existenz und isoliert. Isoliert 1 Wie ein undurchdringlicher, unausweichbarer Nebel hat sich dieses Wort — lähmend und beklemmend — auf die Seelen der Juden draußen im Lande gesenkt. Was noch in mancher mittleren Gemeinde möglich war, was in der Großstadt Trost und Ausweg und, mehr als das, Neubeginn wurde: Ja-Sagen und Zurück zum Judesein, Kampf um die Wiedergewinnung der eigenen jüdischen Werte, es entfiel in den Kleingemeinden. Zehn oder selbst zwanzig und dreißig Familien können — für sich allein — nicht eine eigene jüdische Gemeinschaft aufbauen: eine Gemeinschaft, wohlverstanden, nicht nur im rein-religiösen Bereich (wo sie ja meist vorhanden war), sondern über alle Bezirke menschlichen Lebens. — Die Isolierung schien ausweglos. Auf der anderen Seite in den Großstädten: eine Fülle von Organisationen. Jüdisches Vereinsleben erwachte zu gemeinschaftbildender Kraft. Kulturbünde schufen einen eigenen geistigkulturellen Rahmen. Lehrhäuser zeigten den Weg zu den Quellen des Judentums. — Draußen in der Provinz aber lagen die Hunderte jüdischer Kleingemeinden: unerfaßt, unerreichbar, weltenfern. Auch diese verstreuten Glieder der jüdischen Gemeinschaft aber hatten ihre Gesamtorganisation, die jetzt erneut auf die Probe gestellt wurde: den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden. Seit Jahren hatte er die Kleingemeinden subventioniert und für die Erhaltung von Kultus und Religionsunterricht gesorgt. Das konnte eine Organisation tun, das war Sache von Etatprüfungen, Formularen, Banküberweisungen, wahrlich nichts Geringes, sondern eine Funktion von entscheidender Bedeutung für die Erhaltung der jüdischen Substanz. Jetzt aber galt es, den Nebel der Isolierung zu durchbrechen, zu den Menschen draußen im Lande zu dringen, ihnen zu helfen. Das konnte keine Organisation, auch nicht, wenn sie von Provinzialverbänden unterstützt wurde oder, wie die Zentralwohlfahrtsstelle, Fürsorgerinnen in die Provinzgemeinden entsandte. Das blieb alles Organisation ohne menschliche Verbindung oder Hilfe für Einzelne. Es fehlte der Funke, der überspringt! Es fehlte der Mensch, der geistige, führende Mensch, der Mittler zwischen Großstadt und Kleingemeinde, der Nerv der Organisation, ohne den sie seelenlos und im letzten wirkungslos bleiben mußte. Es gehört zu den historischen Verdiensten des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, daß er die Forderung der Situation erkannte und auf zwei Wegen za erfüllen suchte: durch die von ihm veranstalteten Kulturfahrten und durch Ausbau. seiner Bezirksrabbinate. Beiden gemeinsam: Menschen kamen in die Provinz, geistige, führende Menschen! Arbeit .und Ziel aber sind verschieden und sollen sich ergänzen. Die Kulturfahrten, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, sind Höhepunkte im geistigen Leben der Kleingemeinden geworden: die Großstadt kommt zu ihnen, der Landesverband kommt zu ihnen. Ein symbolhafter, bedeutungsvoller, aufrüttelnder Besuch, der den Gemeinden sagt: „Wir, Großgemeinden und Landesverband, stehen zu euch, wir helfen euch!“, der sie zugleich aber auch immer wieder aufruft: „Nun helft euch auch selbst! Schafft euch in euren eigenen Reihen ein dauerndes jüdisches Kraftzentrum, macht eure Gemeinde zu einer in selbständigem Eigenleben pulsierenden Gemeinschaft!“ Und hier setzt die Aufgabe des Bezirksrabbiners ein. Er kommt nicht zu den Kleingemeinden, er ist da, er ist ihr Rabbiner. Er vermittelt nicht jüdisches Leben der Großstadt, er ist selbst das jüdische Leben der Provinz. Er ist die mensch-gewordene Organisation, die nun plötzlich lebendig da ist, nicht nur im Zentrum, sondern auch an der Peripherie. Er schließt die ihm anvertrauten Gemeinden zu einer neuen Gemeinschaft zusammen, deren Mittelpunkt er ist, die er zu einem kraft- und mutspendenden Faktor für die isolierten Menschen dieser Gemeinden macht. Er schafft neues Wurzelreich für die vom Zeitgeschehen unterspülten Stämme: Wurzelreich im Jüdischen, Geistigen, Ewigen. Er ist viel mehr als nur Theologe, in ihm verkörpert sich die Totalität jüdischen Lebens in dieser Zeit. Er ist Vorbild und Ansporn der Jugend, er zeigt ihr Bestimmung und Ziel — kein Bund kann seine führenden Menschen in diese kleinen Provinzorte schicken. Der Bezirksrabbiner aber wird Führer dieser Jugend über die Grenzen der Bünde hinaus, er wird mehr als das: Bildner der Jungen und Alten, Neu-Bildner, der aus den Quellen schöpft und zurückführt zu dem ewigen Geistesgut des Judentums, nach dem bewußt, oder unbewußt der Wissensdurst jedes jüdischen Menschen heute drängt. So wird er wieder der Lehrer der ganzen Gemeinde: More morenu raw! Eine beglückende, einzigartige Aufgabe! Eine gewaltige, fast erdrückende Verantwortung! Sie kann und soll von den jungen Menschen, die der Landesverband heute als Bezirksrabbiner in das Land hinausschickt, nicht allein getragen werden. Daß der Motor läuft, genügt nicht, auch die Uebersetzung muß funktionieren, wenn der lebendige Kraftstrom Großstadt und Kleingemeinde durchpulsen und zu einer neuen Gemeinschaft zusammenschweißen soll. Das ~ Wirken des Bezirksrabbiners muß ergänzt und ent lastet werden durch die technische Arbeit der Organi sation, deren Mittler und Exponent er ist. Hier liegt eine vielfach noch kaum in Angriff genommene Aufgabe der Provinzialverbände, vielleicht die wichtigste, die sie heute zu erfüllen haben. Nicht eigene Gemeindeorganisation, eigene Gemeindearbeit soll Sinn und Ziel der Provinzialverbände sein, sondern die Herstellung einer ständigen engen Zusammenarbeit mit den Bezirksrabbinem ihrer Provinz als den Trägern des jüdischen Lebens in den kleinen Gemeinden. Wenn auf diese Weise der Provinzialverband dem Bezirksrabbiner den organisatorisch-technischen Rückhalt gibt und ihm die Vermittlung zum Landesverband erleichtert, so wird er den Rabbiner vor dem Ueberbetrieb schützen, der heute gerade dem Begabtesten, Fähigsten am meisten droht, und wird damit auf das wirksamste an der jüdisch-geistigen Renaissance der Provinzgemeinden mitarbeiten, die letztes Ziel der Arbeit des Landesverbandes ist. Die Notwendigkeit dieses Zusammenwirkens zwischen Provinzialverbänden und Bezirksrabbinern hat den Landesverband-veranlaßt, zu der Arbeitstagung < ...... 7 J