Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 8 (1.8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Arbeitsgebiet gemacht habe, indem er gleicherweise für die größtmögliche Sicherstellung wie für die Weiterbildung der Lehrer tätig sei. Deshalb sei es der heiße Wunsch der Lehrer* Schaft, daß der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden auch weiterhin Bestand haben möge. Den Reigen der Begrüßungsreden schloß Rechtsanwalt Dr. M a n a s s e (Altona); er kam als Vertreter der Gemeinden von Hamborg, Bramen, Lübeck und Schleswig-Holstein und sprach zugleich namens der dem Landesverband neuerdings angegliederten außerpreußischen Gemeinden in Oldenburg. Gerade diese Verbände hätten es dankbar empfunden, daß der Preußische Landesverband sich nicht engherzig an die formalen Grenzen halte, sondern über sie und damit über sich selbst hinausgewachsen sei. Er habe damit bewiesen, daB keine Arbeit ihm zu klein und keine Arbeit ihm zu groB sei, und alle Gemeinden seines solcherart vergrößerten Bereiches fühlten sich ermutigt durch die Gewißheit, daß der Landesverband immer das tun werde, was der Augenblick und was die Zukunft erfordern. So waren alle Glückwunschreden zu Dankreden geworden, und dem Präsidium des Landesverbandes lag es nuu ob, zu erwidern, also zu danken — denen, die gedankt hatten. Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, in seiner Eigenschaft als einer der Vizepräsidenten des Rates gleich Herrn Kammergerichtsrat Wolff auch persönlicher Jubilar, tat das, indem er über die Frage sprach: „Was ist eigentlich der Sinn unserer Arbeit?“ lieber den Einzelheiten der Arbeit, so erklärte er, dürfe ihr Sinn nicht vergessen werden. Dr. Baeck habe einmal das Wort von den Juden als den ewigen Ndnkonformisten dieser Welt geprägt. Der Sinn der Arbeit sei: daß wir als ewige Nonkonformisten durch die Welt gehen und unser Eigenes als Höchstes in uns entwickeln. Das gelte aber nur nach außen. .Nach innen seien wir keine Nonkonformisten. So auch in der Stellung des Landesverbandes gegenüber der Reichsvertretung. Von den süddeutschen Verbänden habe der Preußische Verband den Wert der Zusammenfassung gelernt, aber der Preußenverband sei in anderer Form, etwas organisatorischer und fester diesen Weg gegangen. Nun könne die Vereinigung der süddeutschen und norddeutschen Verbände den Ausgleich auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete schaffen, der nötig ist und durch den wir zu einer geeinten, vollständig ineinander gefestigten und organischen Vertretung der Gemeinden im gesamten Reiche kommen werden, wie sie zur Leistung ersprießlicher Arbeit nötig ist — An die Lehrerschaft richtete Dr. Klee den Appell, die Jugend in einem neuen Geiste heranzuerziehen und in ihr die Sehnsucht nach wirklicher Verbundenheit mit dem Lande der Väter zu wecken, um ihre spätere Einwurzelung in diesem Land, von dem eine lebendige Rückwirkung auf die Diaspora zu erhoffen sei, leichter zu machen. Die Lage der leistungsschwachen Gemeinden und der kleinen Verbände, wie sie in den Begrüßungsreden auch heute wieder geschildert worden war, sei, so erklärte Dr. Klee, ihm besonders nahe gegangen, und der Landesverband werde auch weiterhin alles tun, damit in den kleinen Gemeinden nicht nur Juden leben, sondern auch das Judentum selbst dort lebendig sei. „Die einzige Organisation, die im Judentum das lobende Beiwort „heilig" bekommen hat, ist die jüdische Gemeinde, Kehillah kedoschah, „heilige Gemeinde“ — denn das Wirken der Chewrah Kadischah greift ja so unmittelbar in das der Gemeinde.ein, daß sie kaum als besondere Organisation angesehen werden kann. Von dem Geist, den dieser Gedanke in sich birgt, soll die Arbeit des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden auch fernerhin getragen sein: Heilige Arbeit des heiligen Volkes im Dienst des Heiligen Israels!“ Noch einmal erklangen dann die mächtigen Stimmen des Winawerschen Männerchores, dann war die Feier zu Ende. V. Wer alles Gehörte und Gelesene noch einmal an sich \ orüberziehen läßt, der muß es mit uns empfinden: so kurz und schlicht diese Zehnjahresfeier war, so überreich war sie an Inhalten und Bedeutung. Wir haben — im Händedruck unserer Freunde, im Glanz ihrer Augen und aus ihren Reden — uns selbst gefühlt, gesehen, gehört; der Wert unserer Arbeit ist uns bestätigt worden, und das ist Ansporn zu neuer Arbeit. So schreiten wir gekräftigt ins zweite Jahrzehnt; es wird, wie das erste, im Dienste der jüdischen Gesamtheit stehen. Auftrag und Sendung Gedanken zur Arbeitstagung der Bezirksrabbiner am 30. Mai 1935 von Max Birnbaum, Berlin. Dem Judentum ist heute in allen Ländern die Frage der „Organisation“ gestellt als eine Frage, von der Leben und Existenz des Einzelnen und der Gesamtheit abhängen. Die Not der Zeit drängt zur Zusammenfassung aller Kräfte. Zusammenfassung aber bedingt Organisation. Wir befinden uns — nicht nur in Deutschland, sondern überall, wo es jüdische Gemeinschaften gibt, — mitten in diesem Prozeß der Organisierung. Ausgang und Erfolg werden davon bestimmt sein, daß die Basis der Organisation nicht eine geforderte Ein- und Unterordnung ist, sondern eine errungene und täglich neu zu erringende. Zu erringen nicht durch äußere Maßnahmen, durch technisch noch so hervorragend eingerichtete Zentralen, sondern zu erringen nur durch das, was allein im Judentum Disziplin errungen hat: durch die Kraft der geistigen Autorität! Träger solcher Autorität kann nicht eine Organisation als Ganzes sein, sondern nur der führende Mensch. Führend im Judentum aber ist immer nur der Wissende, der Weise, der Lehrer! Wissende, von Wissenden zu Weisen gereifte Menschen, sie sind die notwendigen Träger der Erhaltung des Judentums in dieser Zeit, sind die ersehnten Gestalter einer Erneuerung lebendigen jüdischen Seins: hier — in Erez Israel — in aller Welt! Mensch zwischen Organisationen! Führender, tragender, gestaltender Mensch zu sein, Brennpunkt des entscheidenden inneren Geschehens in der deutschen Judenheit, und zugleich Mittler, Abgesandter, Vertreter der Organisationen, die diese deutsche Judenheit sich geschaffen hat, ihr stärkster Rückhalt, ihr Avantgardist: diese Synthese umreißt Sendung und Auftrag des Bezirksrabbiners. Sie bezeichnet zugleich auch Gefahr und Problematik seines Wirkens. Zwei Sätze aus der Ueberfülle der Diskussion auf der kürzlich vom Landesverband veranstalteten Arbeitstagung der Bezirksrabbiner, gesprochen von den beiden jüngsten Rabbinern, zeigen, daß das Gefühl besonderer. Berufung ebenso wie das Empfinden besonderer Gefährdung gleich wach vorhanden sind: „Die heutige Zeit stellt uns große Aufgaben; aber sie birgt die ungeheure Gefahr, daß der Rabbiner im Ueberbetrieb und in der Ueberbeanspruchung erstarrt.“ Und: „Lag früher die Gefahr nahe, daß der Rabbiner außerhalb des Lebens stand, so ist die Gefahr heute gebannt. Er steht mitten im jüdischen Leben mit seinen Härten und seiner Unerbittlichkeit, aber er empfindet es als Gnade, zu arbeiten und auf den Ertrag der Arbeit hoffen zu dürfen.“ „Mitten im jüdischen Leben“ und doch ohne „Ueberbetrieb“, das schreibt sich leicht hin. Welch ungeheure Schwierigkeiten sich aber hinter diesen einfachen Worten verbergen, vermag nur der zu ermessen, der das Gesicht der deutschen Judenheit von