Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 8 (1.8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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getragen werden konnten, und wir haben sie ohne Gewissenskonflikt zurfickgestellt. Ich bin stolz darauf, sagen zu können, daß, so wenig mancher Außenstehende dies zuweilen geglaubt haben mag, es unter denjenigen, die die Geschäfte des Landesverbandes führen, in diesen Zeiten einen wirklichen Kampf niemals gegeben hat. So sind dabei auch die meist recht umfangreichen Beratungen, zu denen die Berliner Dezernenten alle 1—2 Wochen zusammenzutreten pflegen, niemals durch fruchtlosen Zank, sondern ausnahmslos durch zweckentsprechende und nutzbringende Arbeit ausgefüllt worden. Wenn ich dies feststelle, so wird es begreiflich erscheinen, daß gerade auf den uns neu zugefallenen Gebieten außerordentlich segensreich gearbeitet worden ist. Mit besonderer Freude erfüllt es uns, daß wir in diesen Zeiten das Feld unserer Tätigkeit sogar über den Kreis der preußischen Synagogengemeinden hinaus ausdehnen konnten. In richtiger Erkenntnis der durch die Zeitumstände geschaffenen Lage haben mehrere kleine Landesverbände sich angeschlossen. Wir haben die zu ihnen gehörigen Gemeinden mit offenen Armen aufgenommen und sie völlig den unsrigen gleichgestellt. Dadurch ist erreicht worden, daß wir auch ihnen die Versorgung durch unsere Einrichtungen, sowie nötigenfalls unsere Unterstützung zugute kommen lassen können. Da demnächst weitere Landesverbände sich anschließen werden, so ist die sehr erwünschte Entwicklung zur Zusammenfassung wichtiger, bisher ohne inneren Grund geschiedener Teile der deutschen Judenheit und damit zu einem weiteren Lastenausgleich deutlich erkennbar. Kammergerichtsrat i. R. Leo Wolff spricht Fot. Abraham Ich hätte Ihnen noch einiges über die neuen Gebiete unserer T ätigkeit zu sagen. Da aber die Oeffentlichkeit reichlich Gelegenheit gehabt hat, gerade hierüber näheres zu erfahren, möchte ich mich auf kurze, nur andeutende Angaben beschränken. Sie alle haben gehört von dem starken Ausbau der Bczirksrabbinate und der weit über den früheren Rahmen hinausgehenden Fürsorge für die Erhaltung, Vergrößerung und Neuerrichtung jüdischer Schulen, die von uns gemeinsam mit der Reichsvertretung ausgeübt wird. Im Anschluß hieran möchte ich ganz kurz liinweisen auf die Einrichtung der Kurse zur Ausbildung von Volksschullehrern und der Kurse für die Lehrerfortbildung, auf die in überaus großem Umfang ausgeführte Veranstaltung von Kulturabenden in zahlreichen kleinen und mittleren Gemeinden, auf die Begründung einer Wanderbibliothek, die Schaffung eines monatlich erscheinenden und seinem Inhalte nach starkausgebauten Gemeindeblatts, auf die segensreiche Einrichtung einer Pensionsversicherung für die Beamten der Synagogengemeinden, endlich auf die zuerst vom Landesverband geschaffene Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe und ßerufsumschiehtung. Daneben gibt es noch eine nicht geringe Anzahl anderer in unseren Arbeitsplan aufgenommener Gebiete, deren Aufzählung ich mir versagen kann. Erwähnen möchte ich nur noch die uns besonders am Herzen liegende Betreuung der kleinen Gemeinden. Zur Erleichterung des schweren Loses der in ihnen lebenden Menschen haben wir kein Mittel unversucht gelassen, und cs ist uns eine große Genugtuung, daß es uns in vielen Fällen durch persönliche Berührung mit ihnen, durch ihre Heranziehung und Beteiligung am jüdischen Leben der Allgemeinheit, sowie durch Zuführung jüdischen Geistesgutes gelungen ist, sie von dem Gefühl der Vereinsamung zu befreien, die Bedrückung wenigstens zeitweise von ihrer Seele zu nehmen und ihnen dadurch wieder etwas Lebensmut und Lebensfreude zu bringen. All diese Erfolge konnten nur erreicht werden vermöge der freudigen und hingebenden Arbeit aller zu ihr berufenen Menschen, und ich komme nur einer tief empfundenen Verpflichtung nach, wenn ich hier vor dieser hochgeschätzten Versammlung allen meinen Mitarbeitern im Landesverband, insbesondere den Berliner Dezernenten und unseren treuen und pflichtbewußten Angestellten, aber auch denen, die in den Provinzialverbänden eine umfassende, überaus notwendige und uns in Berlin sehr entlastende Tätigkeit entwickeln, meinen herzlichsten Dank ausspreche. Meme Damen und Herren, was in diesen Jahren in das Buch der jüdischen Geschichte eingetragen wird, das wird noch von unseren spätesten Enkeln mit dem Gefühl tiefster Trauer und wärmster Teilnahme gelesen werden. Es wird Zeugnis ablegen nicht nur für die Leiden, sondern auch für die Ehre der deutschen Juden, denn es wird zeigen, daß wir den Stolz auf unsere Religion und auf unsere Abstammung bewahrt haben und deshalb des Namens Jude wert geblieben sind. Der Preußische Landesverband wird es als seine heilige Aufgabe betrachten, weiter mitzuarbeiten an der Stützung und Erhaltung jüdischer Menschen und jüdischer Wfcrte, aber auch jüdischer Zuversicht, damit niemand unter uns sei, der nicht leuchtenden Auges und erhobenen Hauptes sein Judentum frei bekenne. Das walte Gott! * Die Reihe der Begrüßungen wurde sodann durch den Präsidenten der Reichsvertretung der deutschen Juden, Herrn Rabbiner Dr. Leo B a e c k eröffnet. Von den Jahren gelte das Gleiche, was man von den Stimmen und Meinungen gesagt hat: sie müßten nicht nur gezählt, sondern auch gewogen werden. Daher bedeute die Zeit der Arbeit des Landesverbandes nicht ein Jahrzehnt, sondern eine ganze Generation, eine inhaltvolle und schwere Zeit. Im deutschen Judentum sind Generationen auf _ßenerationen gefolgt. Sie alle leben im deutschen Judentum vdn heute fort und darum sei seine Gestaltung heute nur organisch möglich, alles Mechanische würde zerstören. Nur in der organisch gewordenen Gemeinschaft könne Einheit verwirklicht werden. Die Arbeit sei heute oft schwer: Um so leichter sollte darum die Zusammenarbeit sein. Der LandesverbandTiabe seine Pflicht erfüllt. Mit dem Glückwunsch an ihn verbinde die Reichsvertretung den Dank an seinen Präsidenten, Kammergerichtsrat Wolff, und den Vizepräsidenten Dr.' Klee für die seit der Gründung des Verbandes geleistete Arbeit. Diesen Glückwunsch spreche er zugleich im Namen des Allgemeinen Deutschen Rabbinerverbandes aus. Er wünsche, so schloß Dr. Raeck, „daß in der großen Gemeinschaft als Großer und Starker der Landesverband seiue Aufgaben, die die Seinen sind und die nur er erfüllen kann, Jahr um Jahr — so Gott es will, in guten Tagen — weiter erfüllen und verwirklichen möge zum Segen unseres deutschen Judentums, zum Segen damit auch für unser ganzes jüdisches Volk.“ Oberstlandesgerichtsrat Dr. Alfred Neumeyer überbrachte die Glückwünsche der süddeutschen Gemeindeverbände. Er hob die Bedeutung der Gemeinde als Brennpunkt jüdischen Lebens hervor. Oft im Laufe der jüdischen Geschichte sei von einem Rest eine neue Blüte des Judentums ausgegangen. Es sei zu hoffen, daß dies auch von einem Rest des deutschen Judentums aus geschehen möge. Es gelte, die in den Gemeinden gegebenen lebenstragenden und lebenspendenden Zellen zu pflegen. In dieser Arbeit werde die Arbeitsgemeinschaft der süddeutschen Verbände stets brüderlich mit dem Preußischen Landesverband Zusammenwirken. Namens der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hob das Mitglied des Gemeindevorstandes Adolf Schoyer die enge Verbindung zwischen Gemeinde und Verband von der ersten Zeit an hervor. Die vorbildliche Leitung durch Kammergerichtsrat Wolff habe die harmonische Zusammenarbeit im Verband ermöglicht. Dasselbe gelte auch für den Vizepräsidenten Dr. Alfred Klee. Der Glückwunsch der Gemeinde sei daher auch in erster Reihe diesen beiden Männern zugedacht. Die Berliner Jüdische Gemeinde werde auch iu Zukunft ihre enge Zusammenarbeit mit dem Verband fortsetzen. In bewegten Worten sprach sodann Rechtsanwalt Dr. Ehrlich (Königsberg) den Dank der vom Landesverband betreuten Mittul* und Kl« ingemeinden aus. Er sprach insbesondere über die ostpreußischen Gemeinden, in denen die Notlage ja ganz besonders groß .ist, aber er konnte darauf hinweisen, daß, mit graduellen Unterschieden freilich, die Lage der Provinzgemeinden überall die gleiche ist, und daß sie alle in dieser Zeit nur einen Rückhalt hätten, den Landesverband, auf den sich alle Hoffnungen der Provinzgemeinden richten. Aehnliche Gedanken — aber nicht namens der Gemeinden, sondern im Namen derer, die, nächst den Rabbinern, die Träger des Gemeindelebens sind — sprach der Vorsitzende des Verbandes der Jüdischen Lehrervereiae Deutschlands, Direktor Dr. Heinemann Stern, aus. Die jüdischen Lehrer hätten vor zehn Jahren die Gründung des Landesverbandes mit leidenschaftlichem Sehnen und Hoffen begrüßt, und sie danken es ihm heute, daß er sowohl die materielle als die ideelle Seite jüdischer Gemeinschaftsarbeit zu seinem eigenen