Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-08-01 · 8 (1.8.1935) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
8 (1.8.1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/10279732-10021717-10021677--223-3980970
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

einen großangelegten Ueberblick über die Entstehungsgeschichte, das Wirken und die Bedeutung des Landesverbandes. Er betonte, daß der Landesverband sich als treues Glied in dem festgefügten Kreise der großen jüdischen Gemeinschaften fühle und bestrebt sei, in enger Zusammenarbeit die Beziehungen zu den anderen jüdischen Körperschaften möglichst freundschaftlich zu gestalten. „Da wir sicher sind, daß überall das gleiche Bestreben besteht, so darf ich auf ein ungestörtes und herzliches Verhältnis für alle Zukunft mit Bestimmtheit rechnen.“ Sodann gedachte der Redner mit einigen Worten der Wehmut all der Männer, die gemeinsam mit ihm dem Landesverband zum Werden verholfen und in den ersten Jahren führend mitgearbeitet hatten, nun aber durch den Tod aus unserer Mitte abberufen sind. Er erinnerte dann daran, daß im t Jahre 1922 die Vertreter aller preußischen Synagogengemeinden einmütig die Gründung des Landesverbandes beschlossen hatten und daß seine Geschäfte in den ersten drei Jahren im Aufträge des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde von Dr. Ismar Freund, der die Gründung vorbereitet hatte, geführt wurden, bis im Juni 1925 die verfassungsmäßigen Organe, Rat und Verbandstag, gebildet werden konnten, wodurch der Landesverband erst das ihm zugedachte Eigenleben erhielt. Der Hauptteil der hochbedeutsamen Rede des Herrn Kammergerichtsrat Wolff mag nun hier im Wortlaut folgen: Es ist altes echt jüdisches Gedankengut, das zur Begründung des Landesverbandes führte. Nichts anderes als der herrliche Grundsatz der Arewus, der Bürgschaft eines jeden Juden für den anderen, ist es, der das Fundament des Landesverbandes bildet. Der Bruder soll nicht beiseite stehen, wenn der Bruder schwach wird und fällt. Er soll sich bewußt sein, daß er vor der Vorsehung Bürge für ihn ist und daß, wenn dessen Kräfte nicht mehr ausreichen, er sie durch seine eigenen ergänzen und ersetzen muß. Was für den einzelnen Menschen gilt, das gilt in gleicher Weise für die jüdischen Gemeinden, die in Israel stets als die Erhalter jüdischer Religion und jüdischer Substanz angesehen wurden. Diese Gemeinden, die Kehillaus, waren früher auf sich allein angewiesen; kein gemeinsames Band umschlang sie; die eine wußte nichts oder nicht viel von der anderen, und der Weg, um die Not und die Bedrängnis der einen Gemeinde den übrigen nahezubringen, war schwer und weit. Die neuzeitliche Entwicklung, mit der alle Verhältnisse sich vergrößerten, aber auch viel von ihrer früheren Sicherheit einbüßten, verlangten gebieterisch eine Organisation, durch die die Gewähr dafür geschaffen würde, daß der Gedanke der Arewus auch in die Tat umgesetzt werden konnte. Manches, was hätte geschehen sollen und können, ist früher infolge Fehlens einer solchen Organisation unterblieben, und so kann man sagen und an einer großen Reihe von Beispielen belegen, daß durch den Landesverband vieles geschaffen worden ist, was ohne ihn nicht hätte ins Leben gerufen werden können. Nach seiner Verfassung bezweckt er die Pflege aller Interessen der preußischen Synagogengemeinden. Dort wird auch hervorgehoben, was „insbesondere“ hierunter fällt. Aber neben diesen ihm ausdrücklich übertragenen Aufgaben hat der Landesverband sich selbst weitere gesetzt, so daß schließlich kein Gebiet des jüdischen Gemeinschaftslebens sich seiner Fürsorge entzogen hat. Es ist in diesen Tagen an den verschiedensten Stellen in Aufsätzen und sonstigen Darstellungen über die Tätigkeit des Landesverbandes und den Kreis seiner Wirkung vielgesagt worden, und ich darf annehmen, daß manches davon Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sein wird. Auch haben die meisten von Ihnen Ihr freundliches Interesse in so großem Maße dem Landesverband zugewendet, daß ich Ihnen eine trockene Aufzählung dessen, was im Laufe der Zeit geleistet worden ist, ersparen kann. Was ich aber für den Landesverband in Anspruch nehmen und deshalb auch aussprechen möchte, ist, daß er sich immer der Verpflichtung bewußt war, wirklich praktische Arbeit zu leisten, denn nur mit solcher kann den Interessen des deutschen Judentums gedient werden. Es war nicht seine Art, sich mit theoretischen Erwägungen zu begnügen. Wenn er etwas geprüft und für richtig befunden hat, ging er alsbald daran, einen praktischen Versuch zu machen, und schreckte nicht davor zurück, daß in der ersten Zeit zuweilen Kinderkrankheiten auftreten und zu überwinden sein würden, auch nicht davor, daß einmal ein Mißerfolg zu buchen sein könnte. So ist es regelmäßig niemals bei büromäßiger Arbeit geblieben, sondern wir haben stets das Bestreben gehabt, persönlich Fühlung zu nehmen, von Mensch zu Mensch zu verhandeln, in Berührung mit den Dingen selbst zu kommen, weil sich anders ein richtiges Urteil nicht gewinnen läßt Der Landesverband konnte bei Beginn seiner Arbeiten an keine Tradition anknüpfen, denn eine entsprechende Einrichtung hatte nicht bestanden. Er fand völlig neue Verhältnisse vor, und es galt, Schwierigkeiten in der Organisation, Schwierigkeiten in der Führung der Geschäfte, Schwierigkeiten im Verkehr mit den Gemeinden zu beseitigen. Das konnte nur gelingen, wenn der Landesverband, ohne nach rechts oder links zu schauen, unverrückbar sein Ziel im Auge hatte, die Erhaltung der Gemeinden, besonders der mittleren und kleinen, mit ihrem jüdischen Leben und die Vertretung des preußischen Judentums nach außen und nach innen. Dazu bedurfte er der Unterstützung von allen Seiten, sowohl der moralischen als auch der materiellen. Und so sehr ich anerkennen will, daß es an der ersteren niemals gefehlt, so kann doch nicht verschwiegen werden, daß die Beschaffung der materiellen Grundlagen für unsere Arbeit nicht immer zu den leichten Aufgaben gezählt hat. Diese Grundlagen wurden, wie Sie wissen, früher zum Teil vom Staat gewährt. Er ließ uns für die Besoldung der Rabbiner und für den Religionsunterricht in den leistungsschwachen Gemeinden Geldmittel in einem Betrage zufließen, daß mit ihnen immerhin ein großer Teil unserer Ausgaben bestritten werden konnte. Nachdem diese staatlichen Beihilfen weggefallen sind, ist der Landesverband auf seine eigene Kraft angewiesen, d. h. auf diejenigen Beträge, die ihm von den leistungsfähigen Gemeinden zur Verfügung gestellt werden. Unter diesen Gemeinden gibt es keine einzige, bei der nicht die Erschütterung der Lebens- und Erwerbsverhältnisse ihrer Mitglieder eine ungeheure Verschlechterung ihrer eigenen Lage mit sich gebracht hätte. Die vielfach ausgesprochene Befürchtung, daß die Gemeinden in kurzer Zeit weder ihre eigenen Bedürfnisse, noch die des Landesverbandes würden decken können, war durchaus berechtigt. Wenn diese Befürchtung sich bisher nicht erfüllt hat und wenn es gelungen ist, den Landesverband aufrechtzuerhalten und den Kreis seiner Aufgaben sogar noch zu erweitern und neue Arbeitsgebiete hinzuzunehmen, so betrachte ich das als einen besonderen Ruhmestitel derjenigen Gemeinden, die den Landesverband unter Aufbietung aller ihrer Kräfte weiter gestützt und lebensfähig erhalten haben. Es ist mir ein herzliches und tiefgefühltes Bedürfnis, diesen Gemeinden und ihrer verständnisvollen und opferbereiten Leitung an dieser Stelle den Dank des Landesverbandes auszusprechen. Er stattet ihn ab im Namen aller jener Gemeinden, die selbst gewiß gern sich an dem segensreichen Hilfswerk beteiligt hätten, die aber schwach geworden sind und dem Untergang geweiht gewesen wären, wenn man ihnen nicht hätte Unterstützung gewähren können. Er stattet den Dank aber auch ab im Namen der wackeren jüdischen Beamten und früheren Beamten, die nur durch das Eingreifen des Landesverbandes mit ihren Familien vor schlimmstem Elend und seelischer Not bewahrt werden konnten. Das deutsche Judentum, dem so oft Vergreisung, Entartung und hilflose Schwäche nachgesagt worden ist, hat damit bewiesen, daß seine Lebenskraft und sein Lebenswille durch die Schwere seines Schicksals nicht berührt und nicht zerbrochen werden, sondern, daß es sich gerade jetzt zu innerer Größe und stolzem Selbstl>ewußtsein aufraffen konnte. Und so ist es denn dem Landesverband möglich gewesen, mit der Hilfe Gottes bis in die jüngste Zeit segensreich zu wirken. Wenn es ihm gelungen ist, auch heute noch in einem sehr beträchtlichen Umfange zweckdienliche Arbeit zu leisten, so ist das zu einem Teil Ergebnis einer historischen, zielstrebigen und zuweilen zwangsläufigen Entwicklung. Abgesehen hiervon sind aber in den letzten 2% Jahren neue Aufgaben an ihn herangetreten, von denen man früher nichts ahnte, die plötzlich vor ihm standen und gebieterisch nach ihrer Lösung drängten. Nur von diesen letzteren möchte ich jetzt noch zu Ihnen sprechen, denn ich habe keinen Zweifel, daß die frühere Tätigkeit des Landesverbandes Ihnen allen, die Sie ja ein Kreis von jüdisch interessierten Menschen sind, auch in gewissen Einzelheiten nicht unbekannt geblieben ist, hatten sich doch die Methoden der Arbeit allmählich eingespielt, so daß ihr Gang ein ruhiger war, und sie sich im allgemeinen ohne Schwierigkeiten und Reibungen vollzog. Die neue Betätigung des Landesverbandes unterscheidet sich in den Grundlagen keineswegs von der bisherigen. Sie beruht auf den gleichen Gedanken und hat die gleichen Ziele, wohl aber mußte sie den neuen Gegebenheiten und Notwendigkeiten angepaßt werden. Diese waren trotz der stürmischen Entwicklung und dem fortwährenden Wechsel der Ereignisse für den aufmerksamen Beobachter leicht erkennbar. Es bedurfte bloß der festen Entschlossenheit und der inneren Einigkeit, um unsere Arbeit und die uns zur Verfügung stehenden Mittel überall da einzusetzen, wo es sich als erforderlich zeigte. Es gab niemanden im Landesverband, der unter diesen Umständen nicht seine ganze Kraft aufgeboten hätte, um alles zu vermeiden, was den Erfolg der Arbeit gefährden, und alles zu tun, was ihn sichern konnte. Verschiedenheiten in den grundsätzlichen Anschauungen, wie sie nun einmal im deutschen Judentum bestehen, spielten keine Rolle. Wir waren uns bewußt, daß sie in unserem Kreise nicht aus- 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.