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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-08-01 · 8 (1.8.1935) · p. Seite 3

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
8 (1.8.1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Fülle von Glückwunsch- und Anerkennungsschreiben zugegangen, sondern es sind auch in nahezu sämtlichen Mitgliedsgemeinden öffentliche Gemeindefeiern abgehalten worden. Meist geschah dies in der Form, daß der Gottesdienst am Schabbat Beha'alothcha entweder am Freitag Abend (21. Juni) oder am Sonnabend Vormittag (22. Juni) als Festgottesdienst ausgestaltet war, in der Prediger und Gemeindevorsteher die Bedeutung des Landesverbandes für ihre Gemeinde und für die Gesamtheit gewürdigt haben. In einigen Orten fanden auch Gemeindeversammlungen unabhängig vom Gottesdienst statt. Aus zahlreichen Gemeinden sind uns die Manuskripte dieser Festpredigten und Reden nachträglich eingesandt worden; sie füllen, gemeinsam mit den Glückwunschbriefen, nun einen stattlichen Aktenband, und, wir dürfen es wiederholen, auch ein Blick in alle diese Skripturen ist wie ein Blick in den Spiegel-wir werden nicht oft wieder hineinschauen, aber daß wir einmal hineinschauen konnten, war wertvoll, denn wir hätten diese Fülle von Dankbarkeit und echter Begeisterung nicht für möglich gehalten. Vielleicht werden wir eine dieser Festpredigten in einer der nächsten Nummern dieses Blattes unsern Lesern zur Kenntnis bringen. So verschieden alle diese Ansprachen je nach Persönlichkeit und Temperament der Redner sind, in einem Punkte stimmen sie alle überein: in* der Feststellung der Tatsache, daß ohne den Landesverband ein großer Teil aller Provinzgenieinden längst zugrundegegangen wäre. Und zwar nicht nur in den letzten Jahren nach dem politischen Umschwung, sondern zum Teil auch schon in der yoraufgegangenen Zeit der Wirtschaftskrise. Wenn also in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre der Landesverband gegründet wurde, so war das nicht nur gewissermaßen in zwölfter Stunde, sondern es bewahrheitete sich damit auch, wie die Festprediger zweier weit auseinanderliegender Gemeinden und also offenbar unabhängig voneinander ausgeführt haben, das alte Talmudwort, daß Gott immer das Heilmittel schon vor der Krankheit schafft. II. Das Zweite ist: die überraschend lebhafte Anteilnahme der jüdischen Presse an unserm Jubiläum und das heißt: an unserer Arbeit. Auch für diese freundliche Gesinnungsäußerung sind wir dankbar, sind es besonders deshalb, weil durch manche dieser Presseveröffentlichungen unsere Arbeit eine Deutung erfahren hat, die sie in neuer, bisher nicht gekannter Beleuchtung erscheinen läßt. Auch hier können wir das Bild von Krankheit und Heilmittel beibehalten. Die Krankheit besteht nicht zuletzt auch darin, daß das Judengesetz von 1847 jede Gemeinde auf sich selbst gestellt hat und daß eben heute viele Gemeinden aus sich allein nicht mehr existieren können. Das Heilmittel aber, das der Landesverband anwendet, besteht, wie wir in einem von sachkundiger Seite geschriebenen Jubiläumsartikel lesen, darin, daß er, z. B. durch die Schaffung der Bezirksrabbinate, „an Stelle der lebensunfähig gewordenen Gemeinden ohne formelle Grenzänderungen und ohne staatliche Akte neue, lebensfähigere Gebilde geschaffen“ hat. Der Verfasser setzt hinzu, daß „damit gleichzeitig die Voraussetzung gegeben war für eine stärkere Förderung des Gemeindelebens durch Anregungen und Maßnahmen von der Zentrale her“. Und er schließt mit der Bemerkung: „Was darin 10 Jahre Landesverbandsarbeit geleistet haben, ist von dauernder Bedeutung.“ Diese Darstellung der formalen und organisatorischen Seite unserer Arbeit wird in einem anderen Blatte wertvoll ergänzt durch einen nicht minder bedeutsamen Jubiläumsartikel, in dem der Nachdruck auf das Persönliche und Seelische gelegt wird. Das Leben der Juden von heute wird vielfach als ein Leben ohne Nachbarn empfunden. Dem habe, so wird in dem Aufsatz ausgeführt, der Landesverband abgeholfen, er hat dem Juden der Kleinstadt den Nachbarn wiedergegeben, indem er die Juden der Großstadt zu seinen aktiven Nachbarn gemacht und zur Erfüllung ihrer jüdisch-nachbarlichen Pflicht erzogen hat. „Denn“, so heißt es, „das lehrt diese aus einem zeitgemäßen Anlaß vorgenommene Würdigung der Arbeiten des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden (dem unsere anderen Landesverbände wohl an zahlenmäßiger, gewiß aber nicht an jüdischer Bedeutung nachstehen): der Jude der Provinz, der Jude der kleinen, immer mehr zusammenschrumpfenden Synagogengemeinden in den Städtchen, Flecken und Dörfern des Reiches .lebt nicht ohne „jüdischen Nachbarn“!“ III. Dieses nachbarliche Verhältnis zwischen den Juden der Großgemeinden und Kleingemeinden fand nun seinen symbolhaften Ausdruck in dem Berliner Festakt und auch in den ihm vorangehenden beiden Festgottesdiensten. In der Synagoge Prinzregentenstraße war es am —Freitag Abend (21. ft.) Rabbiner Dr. Julius Galliner, der der zahlreich versammelten Menge Berliner Juden in einer ganz außerordentlich anschaulichen Darstellung die Verhältnisse und Notstände der Kleingemeinden eindringlich vor Augen führte und anschließend schilderte, wie in jede eintretende Lücke der Landesverband mit seiner Arbeit sich einfügt. Der Charakter dieser Arbeit wurde dann am nächsten Morgen in der „Alten Synagoge“ (Heidereutergasse) von Rabbiner Dr. Emil Bernhard Cohn feinsinnig gekennzeichnet: das hebräische Wort für „Arbeit“ — Awodah— bedeute zugleich „Gottesdienst“; indem der Landesverband die jüdischen Religionsgemeinden mit allen ihren Einrichtungen lebensfähig erhält, ist auch seine Arbeit ein wahrer Gottesdienst. Für den Festakt selbst hatte die Berliner Jüdische Gemeinde den schönen und hohen „Kuppelsaal“ in der Oranienburger Straße zur Verfügung gestellt; das ist der Saal, in dem für gewöhnlich die Repräsentantenversammlung tagt und den also eine segenvolle Tradition mit dem Landesverband verbindet, denn ein großer Teil der folgenschweren Beschlüsse, die dem Landesverband zum Leben verhelfen, ist in diesem Saale gefaßt worden. Ist es doch unter allen Großgemeinden, die als finanzielle Träger des Landesverbandes ihrer jüdischen Nachbarpflicht gegenüber den leistungsschwachen Gemeinden nachkommen, gerade die Berliner Gemeinde, welche ihrer Größe und ihren Mitteln entsprechend den stärksten Anteil an diesem nunmehr zehnjährigen Werke jüdischer Solidarität auf sich genommen hat. Man hat in Berlin nie vergessen, daß die außergewöhnliche Stellung der Berliner Gemeinde — in ihr wohnen etwa 46% aller preußischen Juden, aber ihr Anteil am Einkommensteuer-Soll der jüdischen Steuerzahler Preußens beträgt mehr als 66% — diese starke Beteiligung an der Arbeit für die Provinzgemeinden zu einer Ehrenpflicht macht. Aber man hat ebenso wenig vergessen, daß auch die anderen Gemeinden im Rahmen ihrer Mittel und Kräfte an diesem jüdischen Gesamtwerke beteiligt sind, und daß letztlich alle Gemeinden eine große Einheit bilden. Das kam nicht nur in den Reden zum Ausdruck, sondern das ergab sich schon aus dem äußeren Anblick, den der festlich geschmückte Saal bot: aus zahlreichen Gemeinden waren Vertreter erschienen, ebenso hatten Provinzialverbände ihre Delegierten entsandt, Berliner und auswärtige Mitglieder des Rates und des Verbandstages waren gekommen, man sah auch Führer der außerpreußischen jüdischen Landesverbände, die großen weltanschaulichen jüdischen Organisationen hatten durch Entsendung ihrer maßgebenden Persönlichkeiten ihr starkes Interesse an der Gemeindearbeit bekundet, und vor allem waren auch die Träger der jüdischen Gesamtarbeit und Spitzenorganisationen erschienen: Reichsvertretung, Rabbinerverband, Lehrerverband, Kantorenverband und viel andere mehr. So kann man sagen, daß die Gesamtheit des deutschen Judentums sich eingefunden hatte, um dieses Jubiläum zu begehen, das ja im Grunde genommen ein Jubiläum der jüdischen Gesamtheit in Deutschland war — der Landesverband ist nur Treuhänder der jüdischen Gemeindearbeit, die Gemeinden aber sind die Träger des Judentums. IV. Alle diese Gedanken und Empfindungen schwangen und klangen mit, als die Feier durch den machtvollen Gesang des W i n a w e r sehen Männerchores eröffnet wurde. Als die Musik verklang, trat Kammergerichtsrat i. R. LeoWolff, der als Präsident des Rates auch persönlich Zehnjahres-Jubilar war, an das blumengeschmückte Rednerpult und gab nach kurzer Begrüßung aller Erschienenen «•-***— -«-Mi;«v.ifi.i mai■üra'.i 3

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