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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-08-01 · 8 (1.8.1935) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
8 (1.8.1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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rechte Gesinnung steht. Erfüllung der Form ist sinnlos, wenn die Herzen abgefallen sind. Und sie sind abgefallen, weil das Recht gebrochen wurde. Wer das Recht bricht, wer sich gegen das Gesetz der Gemeinschaft vergeht, der hat gegen Gott gefrevelt. Denn in der Beziehung zu den Menschen, die mit uns leben, hat sich jüdischer Gottesglauben zu bewähren. Nicht die, die nur verzückt nach oben schauen, sind fromm, sondern die, die um sich blicken und ohne Vorbehalt wahrhaft helfen und Recht tun. „Lernt Gutes üben, müht Euch um das Recht, steht den Vergewaltigten bei, seid Anwalt der Waise, nehmt Euch der Witwe an.“ Wenn diese Bedingung erfüllt ist, kann Zion erlöst werden. Denn nicht durch das Schwert wird Zion erlöst, sondern „durch das Recht“. Hier haben wir ein Wort, das heller durch die Weltgeschichte leuchtet als hundert siegreiche Eroberungskriege. Es weist dem Juden aller Zeiten seinen Weg durch die Geschichte, es weist auch uns den Weg. Es sagt uns, daß die Bedingungen der Erlösung von uns selbst erfüllt sein wollen. Daß wir selbst die Entscheidung über unser Schicksal in den Händen tragen, die Entscheidung, ob Judentum Fluch oder Segen bedeuten soll. Jeder ist heute aufgerufen, seine Pflicht der Gesamtheit gegenüber zu erfüllen, Opfer zu bringen bis an die Grenze des Möglichen. Denn Opfer bedeutet uns kein Verdienst und nichts Rühmenswertes, sondern sittlichen Zwang fürjeden wahren Juden, und Lässigkeit des Herzens ist ein Rechtsbruch vor Gott. Der Maßstab, der an jeden Juden gelegt wird, ist streng, und in Zeiten der Not strenger als sonst. Der Weg ist hart, und der Einsatz ist groß. Aber das Ziel ist unvergleichlich: es ist die Erlösung selbst. Die Gewißheit der Erlösung birgt für den bewußten Juden jene gewaltige Kraft des Trostes in sich, die uns aus jeder Zerstörung wieder aufstehen läßt, die auf jede Katastrophe zwangsläufig neuen Aufbau folgen läßt, die Israel unzerstörbar sein läßt. So hören wir, als sich das grausige Schicksal erfüllt hat, als der Tempel in Trümmern liegt, aus der babylonischen Verbannung die herrliche Stimme des Trostes. „Tröstet, tröstet mein Volk. Denn die Zeit seines Leidens ist erfüllt.“ — Was aber ermächtigt den Propheten, so zu sprechen? Was ist für ihn die Quelle des Trostes? Einzig aus der vertrauensvollen Unterwerfung unter den Willen Gottes, die für den anklagenden Jesaja unerbittliche Forderung und Voraussetzung für die Abwendung des Unheils gewesen ist, können wir die Hoffnung auf Erlösung schöpfen. Und nun eine merkwürdige Paradoxie: der Prophet weist nicht wie andere Volkserwecker in der Geschichte auf die Macht und Kraft hin, die aus dem Volk wachsen kann, nein, er tröstet die Verbannten durch den Hinweis auf die Tatsache, daß der Schwache und Ohnmächtige sich behaupten kann, sofern er den Weg des Rechts nicht verläßt Recht muß sich durchsetzen, da es nicht aus dem Menschen stammt, sondern von einem anderen Ort herkommt. Nicht des Volkes Stimme ist Gottes Stimme, es muß auf die Stimme zu hören wissen, die zu ihm dringt Dann ist es sicher auch in der Unsicherheit, dann muß es auch aufbauen können, denn es hegt eine Gesinnung, der die Zerstörung fremd ist. Solcher Trost ist groß und ewig und vermag in der Not wahre Kraft zu geben. Denn er tröstet, nicht mit kleinen Illusionen und schönen Worten, sondern weist uns hin auf die Arbeit, die jeder an seinem Nächsten und an der jüdischen Gesamtheit zu leisten hat. Und wer die Kraft zur Arbeit hat, ist bereits ein getrösteter Mensch, sofern ihm die Arbeit Sache des Herzens und Dienst am Werk Gottes ist So ist uns der Neunte Ab nicht der Tag resignierender Klage um Verlorenes, sondern der tröstende Hinweis, daß der Weg aus der Zerstörung zum Aufbau da ist. Er ist schmal und schwer zu gehen. Aber er wartet auf die, die ihn gehen wollen. Im Spiegel Lin Nachwort zum Jubiläum des Landesverbandes Die Zehnjahresfeier des Landesverbandes ist vorüber. Sie wurde, den Zeitverhäitnissen entsprechend, nur im kleinsten Rahmen begangen; wie Kammergerichtsrat Wolff in seiner Ansprache sagte: gleichsam nur als Familienfeier. Aber es ist gut, daß wenigstens dieser bescheidene Festakt veranstaltet wurde und daß nicht — wofür angesichts der Zeitumstände Neigung bestand — auf •die Begehung des Jubiläums gänzlich verzichtet wurde. Denn dieser Tag hat — zu unserer eigenen freudigen Ueberraschung — gezeigt, daß der Landesverband, obwohl er zu den stillen Arbeitern im Lande gehört, doch nicht so unbekannt geblieben ist, wie manche von uns geglaubt hatten. Man redet nicht viel von ihm; aber vielleicht ist es auch mit den Organisationen so, daß diejenigen die besten sind, von denen man am wenigsten redet — das hat sich gezeigt, als nun anläßlich des Jubiläums dennoch von ihm geredet und geschrieben wurde. Wir selber haben den Wert unserer Arbeit immer gekannt; denn ohne das Bewußtsein von der Bedeutung und Leistung des Landesverbandes hätten wir ja, besonders in den Krisenjahren, gar nicht die Kraft für diese Arbeit aufbringen können. Aber wir müßten keine Menschen sein, wenn nicht auch uns manchmal Stunden der Leere und des Zweifels gekommen wären. Die sind uns nun für immer genommen worden. Denn wer, wie wir, in der Oeffentlichkeit wirkt, der bekommt bald ein feines Ohr und lernt unterscheiden, ob Glückwunsch- und Dankreden nur Phrasen konventioneller Verpflichtung oder augenblicklicher Festbegeisterung enthalten, oder ob sie wirklich — man möchte fast sagen: trotz der festlichen Stunde — eine sachlich fundierte Würdigung des Jubilars und seiner Leistung darstellen. So war dies Jubiläum für uns gewissermaßen ein Blick in den Spiegel'—: wir haben einmal uns selber objektiv gesehen; nicht, wie wir selber uns sehen, sondern wie andere uns sehen. Und das war uns, es sei wiederholt, eine der größten und freudigsten UÜberraschungen, die, auf uns selber als Ansporn wirkend, letztlich wieder der jüdischen Gesamtheit zugutekommen muß. In diesem Sinne kommt dem Jubiläum eine Bedeutung zu, die sich vor seiner Veranstaltung nicht voraussehen ließ. Und der Bericht über dieses Jubiläum wird notgedrungen statt einer Schilderung von Begebenheiten zu einer großen Ueberscbau von Gedanken und Zusammenhängen. I. Zunächst einmal: es ist ans nicht nur von Gemeinden, Gemeindevorstehern, Rabbinern,"Lehrern, Kantoren, Beamten-Hinterbliebenen, Organisationen und Persönlichkeiten des jüdischen Lebens eine geradezu unübersehbare' 2

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