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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-08-01 · 8 (1.8.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
8 (1.8.1935)
Date
1935-08-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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GEMEINDEB1ATT FÜR DIE JÜDISCHEM GEMEINDEK PREUSSENS VH RWA LTÜ N G S B LATT DES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN Alk ZawJuflten rfod m ridilcn an da«Verwahung»-and GtadodebUtt daPrcnfHarhen Landearrrbandra (Odladtcr GcBdndrn, Bln.-CharlottenburgZ, Kantstr. 15S, ILStod Der Bamaaprdi für die Elnadmonaer betritt M Pfeoolf. VerantwortUdier Leiter dee InaeratenteUer Joeeph Jaetrov, Berlin S 42, Rlttentrafle ]6 13. Jahrgang Berlin, den 1. August 1935 Nr. 8 Tröstet, tröstet mein Volk! Von Bezirksrabbiner Karl Richter, Schivelbein Um kein von Menschen erbautes Haus ist so lange und so schmerzlich getrauert worden wie um den Tempel zu Jerusalem. Denn der Churban, die Zerstörung des Tempels, ist nicht nur ein einmaliges Geschehen, sondern jede Katastrophe und jede Not der jüdischen Geschichte wird diesem Einmaligen zugeordnet, erhält von ihm aus eine Bedeutung im großen Sinnzusammenhang des Wegs durch die Jahrhunderte. So wird der Neunte Ab zum Gedenktag für alle Zeiten, so wird das Leid und die Trauer um das Verlorene und Verscherzte ein feststehendes Motiv in der Melodie des jüdischen Jahres. Es ist ja nicht nur der eine Tag, an dem die Klagelieder, die düsteren Kinnoth, zuim Fortissimo des Leids anschwellen. Die drei Wochen -der Trauer gehen ihm voran, die unserer Seele von Heldenmut und Todesnot des jüdischen Volks in fernen Zeiten erzählen, um sie auf den düsteren Tag vorzubereiten, an dem die Stammutter Rahel um ihre zerstreuten Kinder weint, und die Kinder an den vier Ecken der Welt um das verlorene Heiligtum und um jedes Unglück ihrer Geschichte. Denn oftmals war der Neunte Ab nicht nur Gedenktag, sondern er stieg für dieses oder jenes jüdische Geschlecht in schauriger Gegenwärtigkeit empor und schüttete für viele neues Leid und neue Qual mit rachen Händen aus, brachte hier eine Verfolgung, dort eine Austreibung, als müßte er seiner finsteren Bestimmung in allen Zeiten die Treue wahren. Niemals jedoch haben Not und Leid es vermocht, das glühende Leben 4fr jüdischen,Seele und die helle Flamme des jüdischen Geistes endgültig zu ersticken. Niemals haben sich die Ahnen einer hoffnungslosen Ergebenheit in das Schicksal überlassen, nie an ein blindes Fatum geglaubt, ßsgen „da*, jmzukämpfen sinnlos sei, dem iqan kraftlos ausgejiefert sei. Iimner .wieder raffte*sfel£der Gebt des Juden dazu auf, Rechenschaft über das Geschehene abzulegen, die eigene Verantwortung zu erkennen und Schuld einzugestehen, fast immer besaß er die Kraft und den Mut, umzukehren und die Seele zu erneuern. Sinnbild für diese. Kraft der Erneuerung seien uns zwei prophetische Reden, die an den beiden Sabbaten vor und nach dem Neunten Ab als Haftaroth vorgetragen werden, die eine — Chason Jeschajahu — eine flammende Anklage, die Jesaja gegen das selbstvergessene Volk schleudert, die andere — Nachamu — das wunderbar schmerzlindernde und hoffnungsreiche Lied des Trostes. Jesaja vernimmt schon wie ein unterirdisches Grollen den Anmarsch der assyrischen Heere. — Aber das Volk in Jerusalem schlummert, ahnt noch nichts von dem Sturm, der die Bruderstämme im Norden vernichten wird. Da steht er auf und züchtigt die im Gleichmaß ihrer Tage Dahinlebenden mit der harten Geißel seiner Worte: „Höre, Himmel, und merke auf, Erde, denn Gott hat geredet: Kinder habe ich großgezogen und aufwachsen lassen, aber sie haben gefrevelt wider mich. Der Ochs kennt seinen Eigentümer und der Esel die Tenne seines Herrn. Israel aber erkennt nicht. Mein Volk besinnt sich nicht.“ Hier haben wir die prophetische Sinngebung der geschichtlichen Vorgänge. Geschichte ist für' den Propheten nicht der Machtkampf zwischen den Nationen oder der zufällige Wandel des Glückssterns über den Völkern, sondern die Verwirklichung der Pläne Gottes in der Welt. Israel hat einen Auftrag Gottes zu erfüllen, aber es ist abgefallen, und die Völker, die gegen es heraufziehen, sind die Vollstrecker des göttlichen Strafgerichts. Worin aber besteht die Verfehlung Israels? Das Volk begeht'-'Feste, die Priester bringen Opfer dar, aber die Formen sind des Inhalt» entleert, weil hinter ihnen nicht mehr die

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