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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-06-21 · 7 (21.6.1935) · p. Seite 16

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
7 (21.6.1935)
Date
1935-06-21
Page
Seite 16 (sequence 15)
Language
German
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Simson in neuer biblischer Dichtung Von Rr. Lutz Weltmann. Drei deutsche Dichter haben in unserem Jahrhundert das Schicksal Simsons dramatisch zu gestalten versucht: Herbert E u 1 e n b e r g , der am dramatischen Bau scheitert, Frank Wedekind, der den biblischen Helden zum Sprecher seiner eigenen Lebensbeichte wählt, und Hermann Hurte, der das Thema auf Wedekindsche Art anpackt: Simson zwischen Gott und Erdgeist! Zwei jüdische Dichter aber haben den epischen Charakter des Sinison-Stoffes erkannt und biblische Epik zu moderner Romankunst umgeformt. Was den drei Dramatikern nicht gelang: den Mythos vom biblischen Herakles für unsere Zeit neu zu erwecken und zu gestalten, hat Felix Salten in seinem Roman erreicht. Die Gestalten seines ,.S i in s o n“ (Paul Zsolnay, Wien) sind, den Geschöpfen seines Palästina-Buches gleich, ..neue Menschen auf alter Erde“. Felix Saltens Buch beginnt wie eine Dorfgeschichte, der Don Juan Simson abenteuert mit den Schönen der feindlichen Philisterstadt Gaza, genießt bei den Seinen ob seiner physischen Kräfte patriarchalisches Ansehen, übt naturburschenhaft sein Richleramt aus. Sein Gott hat nicht archaische, alttestamentarische Strenge, Simsons Gott gleicht mehr der Naturgottheit eines Pantheisten. Salten steigert das Geschehen so, daß die Geschichte Simsons wahrhaft zu einem Mythos erwählten Menschentums wird. Das Schicksal Simsons vollendet sich. von außen gesehen, aus jenem Weh und Ach. das nach Mephisto aus einem Punkte zu kurieren ist: die Frau des Philisterfürsten tritt in Liebesstreik. weil sich der Herr Gemahl vor dem hebräischen Helden so erbärmlich gezeigt hat. Fürst Zemeha seinerseits giert nach Delilas Schwester Kadita, die alles daransetzt, neben Frau Ganna Fürstin des Philisterlandes zu werden. Sie ist es, die Simson die Haare schert und ihn den Feinden ausliefert, während der Dichter Delila entlastet — im Gegensatz zu seinem unbekannten Vorgänger, der in der Bibel mit einer Namensgebung von selten erreichter Klangmalerei das Schlangenhafte dieser Frau gekennzeichnet hat. Delila drängt Simson zur Preisgabe des Geheimnisses seiner Kraft nicht, um es den ihr fremd gewordenen Ihren zu verraten, sondern als Prüfstein für sein Vertrauen zu ihrer Liebe. In der Liebe zu Delila erlebt Simson die Konflikte des Gottesmannes. Salten wäre nicht der Verfasser der entzückenden Tiergeschichte Bambi, wenn er dem leidenden Simson nicht einen treuen Hund als Tröster in seinem Unglück beigesellt hätte. Für des Autors Art, großes Geschehen unheroisch wiederzugeben, ist der Schluß bezeichnend: nach dem Zusammensturz des Dagon-Tempels sehen wir noch einmal Simsons Eltern auf dem Wege zum Feste, wohin sie von den Philistern gefesselt geführt werden; der Vater betrübt, den Sohn nicht wiederzusehen, die Mutter ihrem Gottesglauben wiedergegeben, weil ihr Gebet erfüllt wurde, den Sohn nicht in seiner Erniedrigung schauen zu müssen. In Wladimir Jabotinskis, des bekannten Revisionistenführers Roman „Philister über dir, Sims o n" (Verlag Erich Lichtenstein, Weimar), ist nichts von jüdischer Religiosität. Seine Juden sind nicht das Volk der Bibel, sondern ein semitischer Stamm, und die Stämme werden noch — historisch richtig — in die Stämme Dan, Benjamin, Ephraim und Juda unterschieden, die untereinander uneins sind. Die Philister, die das Land beherrschen, siegen durch die Einigkeit des Willens, dem sie sich unterwerfen, und sind den Landsleuten Simsons an zivilisierten Manieren überlegen. Sie sind ein rassebewußtes Volk, das die kretisch-ägeische Kultur nach Kanaan verpflanzt hat, und das auf die Urbevölkerung herabsieht, den Mischrassigen besondere Stadtviertel anweist. Simson fühlt sich zu den Philistern und nicht minder zu den Schönen Philistäas hingezogen, bewundert ihre Staatskunst und ihr Rassegefühl. Simson, der Nasiräer, der Richter Israels, gibt sich bei den Philistern als Narr, führt den Spitznamen „Tajisch“ (Bock) und ist bei ihnen sehr beliebt. Die Entfernung des Stadttors von Gaza und die Geschichte mit dem Eselskinnbacken oder den dreißig Mänteln heben sich von seinen übrigen Streichen nur dadurch ab, daß sie weniger harmlos ausfielen als andere. Dennoch gilt so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, ihn laufen zu lassen, wenn der Befehl erteilt wird, ihn gefangen zu nehmen. Simson, der jüdische Herkules, der Don Juan und Eulenspiegel der Antike — und Jabotinsky unterstreicht die Aehnlichkeit zwischen den beiden mythologischen Helden noch durch Hinzufügen von Zügen (z. B. daß Simson bei seiner Philisterbraut an der Kunkel sitzt wie Herakles bei Omphale) — weiß nichts mehr von Moses, nur von Josua, der dem Naturburschen mächtig imponiert. Sein Gott ist das Volk, wie er es sich wünscht: frei und wie ein Volk unter anderen Völkern. Sein Nasiräertum ist dein „Geweihten Gottes“ eine Verpflichtung der Pietät, die er in Zorn und in Gegenwart seiner Eltern hält, in Timnata und unter der zechenden und spielenden Philisterjugend nicht, und er findet das in der Ordnung. Daß es Gottes Ratschluß ist, daß er seine Braut unter den Philistern wählt, daß ihm Gott hilft, die Philister unter den einstürzenden Säulen zu begraben, was die Bibel betont, davon finden wir bei Jabotinsky kein Wort. Es ist bezeichnend, daß bei Jabotinsky, der jeden Fingerzeig der kargen biblischen Quelle nutzt, das Bekenntnis Simsons fehlt, daß in seinen Haaren seine Kraft liege, Dalila schert und verrät ihn aus Haßliebe und zur Schmach. Jabotinsky ist Rationalist. Simsons Mutter Hazlelponi erfindet die Verkündigung des Engels, um ihrem Gatten Manoa, von dessen Same ihr Schoß keine Frucht trug, ihren Ehebruch zu verbergen. Ein Schreiber Hazlelponis, ein windiger Levit, Vertreter des landlosen Volks unter den Stämmen Israels, ist der Verfasser der Simson-Legende — ihn führt der Autor charakteristischerweise ein, ehe der Leser Simson kennenlernt, und läßt ihn zu Simson sagen, er werde so in der Geschichte fortleben, wie er sein Leben darstelle. Dieser Levit Machbonai ben Schuni hatte, bevor er die Schreiberstelle bei Simsons Mutter bekam, bei einem Verwandten eine Stellung gesucht, der ihm aber erwiderte, er werde den Fehler nicht nachmachen, den Joseph in Aegypten beging, als er seine Verwandten nachkommen ließ. Nichts ist Jabotinsky heilig: die Bewohner von Jebus, dem späteren Jerusalem, stinken so vor Schmutz, daß ihre Frauen sie mit Ziegenmist einreiben, damit sie den unangenehmen Geruch von Sauberkeit loswerden, den sie durch ein unfreiwilliges Bad, das Simson ihnen angedeihen ließ, bekommen hatten. Das wird mit der Wasserknappheit des Landes motiviert und mag ein treuer kulturgeschichtlicher Zug sein, aber — der Deutsche und der Christ Thomas Mann weiß in seinem Joseph- Roman, welche Grenzen der neuen Darstellung eines Stoffes der heiligen Geschichte gesetzt sind, auch wenn man dem tatsächlichen Geschehen nachgeht, das dem biblischen Mythos zugrunde liegt, während Jabotinsky in die Kerbe derjenigen Juden schlägt, die in Ahraham einen schachernden Beduinenscheich sehen und sich zu diesem Bilde bekennen. Und doch: Jabotinskys Roman „Philister über dir, Simson!“ ist ein dichterisches Buch — außerhalb des Jüdischen. Jabotinskys Dalila ist die Schwester von Simsons Braut Semadar, liebt ihn und fühlt sich verschmäht. Unerkannt kehrt sie — nach einem Aufenthalt in Aegypten als Dirne ins Philisterland zurück und rettet Simson vor den philistäischen Verfolgern. Aber als sich Simson in einer Liebesnacht an ihre Schwester erinnert, die Simsons tiefes Frauenerlebnis war, empört sie sich wegen dieser Erniedrigung und rächt sich an dem Mann ihrer Liebe. Und Simson stürzt am Schluß die Säulen des Tempels um, als sich Dalila dem Geblendeten als Elinoar zu erkennen 16

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