Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 7 (21.6.1935)
- Date
- 1935-06-21
- Page
- Seite 15 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/10279732-10021717-10021675--213-3980961- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Polen so auch in England, und zwar durch den Innen* minister Sir John Gilmour im Aufträge des Königs selber die Staatstreue der Juden anerkannt und gewürdigt wurde, so wissen wir auch, in welche seelische Zwangslage die Juden überall dort gelangen, wo sie durch die Verhältnisse in eine gewisse Abwehrstellung gedrängt werden. Wer die Dinge in dem kleinen Freistaat Danzig kennt, der weiß, wie schwer es den dortigen Juden geworden ist, bis sie nach langem Zögern sich entschlossen, sich mit einer Eingabe an eine Stelle außerhalb ihres Freistaates zu wenden, so daß jetzt dem Völkerbundsrat eine Petition der Danziger Juden vorliegt, für welche kein Geringerer als Lordsiegelbewahrer Eden in Genf zum Berichterstatter bestellt wurde. Die Danziger Judenschaft hat sicherlich vorher gewußt, daß man ihr diesen Schritt als unpatriotisch verübeln würde, und doch hat sie damit nur das allerletzte Mittel ergriffen, welches ihr die Danziger Verfassung selber bietet. Dieser kurze Rundblick mag zeigen, daß es mit dem Antisemitismus heute nicht anders ist als immer und daß wir unsere Lage im Ganzen nicht als hoffnungslos betrachten dürfen. Zwei Einzelheiten mögen noch erwähnt, werden. Die französische Frontkämpfervereinigung „Croix de Feu“ (Feuerkreuzler), die trotz gegenteiliger Erklärungen häufig als antisemitische Organisation hingestellt wird, hat eine Heldenehrung für die jüdischen Gefallenen des Weltkrieges in Form eines Gedenkgottesdienstes veranstaltet, der in der Pariser großen Synagoge unter Leitung von Rabbiner Kaplan abgehalten wurde. Und im Staate New York ist durch Gesetz das New Yorker Jüdische Lehrerseminar als Hochschule anerkannt und damit zum ersten Male in Amerika einer jüdischen Bildungsanstalt das Recht zur Verleihung akademischer Grade, insbesondere des Doktortitels, erteilt worden; Dozenten und Studierende, die von auswärts an dieses Seminar kommen, fallen nicht unter die Einwanderungsquote. Das alles sind gewiß erfreuliche Tatsachen, die es auch weniger glücklichen Gruppen der Judenheit leichter machen, ihr Schicksal zu ertragen, weil sie erkennen, daß die Zukunft keineswegs hoffnungslos ist. Gewiß gilt es, den Dingen ohne Beschönigung ins Auge zu sehen, und das geschieht auch von allen, die für die Führung des deutschen Judentums verantwortlich sind. Nicht ohne Grund ist in der jüdischen Presse das neue deutsche Wehrgesetz als historischer Gegenpol zu dem Gesetz vom 4. September 1814 bezeichnet worden, in dem es unter ausdrücklicher Aufhebung der „bisher über die Ergänzung der Armee bestehenden älteren Gesetze“ hieß, daß „jeder Eingeborene, sobald er das zwangzigste Jahr vollendet hat, zur Verteidigung des Vaterlandes verpflichtet ist“. Und wie es wirtschaftlich für die Juden in Deutschland aussieht, das ist kürzlich in einem Aufsatz des Frankfurter Israelitischen Gemeindeblattes von l)r. Franz Wolf an Hand der geradezu erschütternden Zahlen der jüdischen Gemeindesteuern in Deutschland nachgewiesen worden. Ueberhaupt bilden die Verhältnisse in den jüdischen Gemeinden heute mehr als früher ein getreues Spiegelbild der jüdischen Gesamtsituation; den Lesern dieses Blattes, die ja die Arbeit des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden laufend verfolgen, ist das bekannt; aber auch eine Tagung, die der Sächsische israelitische Gemeindeverband in Dresden abgehalten hat, zeigte, wie sehr wirtschaftliche und kulturelle Situation der deutschen Juden im Gemeindeleben ihren Niederschlag finden, so daß umgekehrt auch die Gemeinden und Gemeindeverbände immer mehr zum wirklichen Zentrum für jeden einzelnen Juden werden. Es ist ja eine bekannte Tatsache, daß gerade diejenigen Kreise und Menschen in unseren Reihen, die früher vom Judentum nichts wissen wollten, heute von außen her immer wieder auf die Judenfrage gestoßen werden, weil diese in alle Vorgänge des privaten und wirtschaftlichen Lebens eindringt. Die Hamburger jüdischen und nichtarischen Aerzte, insgesamt 92 Juden und 8 Nichtarier, haben ein Schreiben von der örtlichen Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands erhalten, in dem ihnen mitgeteilt wird, daß vom 1. Juli ab die Behandlung von Hilfsbedürftigen der Wohlfahrtsbehörde, den sogenannten Wohlfahrtspatienlen, nur durch arische Aerzte zu erfolgen habe. Vorgänge in Schlesien und in Westfalen haben dazu geführt, daß Reklame jüdischer Firmen auf Reichsbahngebiet (also vor allem wohl auf Bahnhöfen) in Zukunft nicht mehr zugelassen wird. Rechtsgültige Verträge werden zwar nicht vorzeitig aufgehoben, aber es werden auch keine neuen abgeschlossen. Bemerkenswert ist ferner eine einstweilige Verfügung des Hamburger Landgerichts, durch die es einer Firma untersagt wurde, in Werbebriefen auf die Judeneigenschaft einer Konkurrenzfirma hinzuweisen; das Gericht erblickte in dieser Art des Wettbewerbes ein unlauteres Gebaren. Alle Ereignisse aus dem jüdischen Leben im Ausland und im Inland sind, heute wie immer, gewissermaßen ein Barometer, an dem sich das ablesen läßt, was allein das Zusammentragen von Ereignissen wertvoll macht. Alle Ereignisse, alle Geschehnisse sind Aeußerung eines Dcnkprozesses und eines Bewußtseinszustandes, und gerade wir Juden dürften nie vergessen, daß dieses Innerliche allem äußeren Geschehen vorangeht. So ist es ja bei den innerjüdischen Auseinandersetzungen, mit denen die heutige Chronik begonnen wurde, aber so ist es im Leben der Menschen überall. Deshalb wäre es auch falsch, wenn die unruhigen Jahre, die wir durchleben, uns dazu verführen würden, immer nur danach zu fragen,' was sich ereignet hat, und über den äußeren Geschehnissen geistige Regungen zu übersehen. Eine Regung von höchster geistiger Potenz scheint in einer Meinungsäußerung vorzuliegen, die der Volksbildungsreferent der Stadt Wien, Professor Dr. Lugmayer, dieser Tage getan hat; er erklärte, er sehe• im Judentum efne religiöse Gemeinschaft, die wahrschein- ’ lieh ebenso lange existieren werde wie die christlichen, und nicht in der Assimilation liege die Zukunft der Juden, sondern in ihrer religiösen Vertiefung, so daß eine großzügige jüdische Kulturautonomie anzustreben sei, durch die ein wahres geistiges Zusammenleben zwischen Juden und Christen sich ermöglichen lasse. Sehen wir von den besonderen Verhältnissen in Oesterreich ab und versuchen wir, das, was der katholische Schulmann für seinen behördlichen Wirkungsbereich ausgesprochen hat, in eine von uns selbst aufzustellende jüdische Forderung umzüwandeln, so ergibt sich vielleicht wirklich eine Grundlage, auf der alle zum Teil gegeneinander stehenden jüdischen Richtungen sich in Einigkeit treffen könnten. Einsichtige werden begreifen, was an solcher uralten Forderung dennoch neu ist —: jüdisches Programm in den Ländern der Diaspora schien bisher: „Wir sind Juden und möchten . leben“; die Zeichen mehren sich, daß es in Zukunft zu lauten hat: „Wir leben und möchten Joden sein.“ Wenn der katholische Wiener Schulmann sagt, die Grundlage für das Zusammenleben von Juden und Christen müsse auch den Christen erst klargemacht werden,, so haben wir Juden gewiß keinen Grund zum Widersprechen; aber für uns selber wird es besser sein, wenn wir den Teil seiner Mahnung beherzigen, der sich an uns selber wendet und viele von uns vor neue Aufgaben stellt. * * * Vier Ereignisse persönlichen Charakters sind noch nachzutragen. Der Professor der Mathematik an der Universität Leeds, der bekannte politische Dezernent der Exekutive der Jewish Agency, Professor Dr. Selig B rode t s k y , ist von dem Verband der Hochschullehrer Englands, einer über 1600 Professoren, Dozenten und Lektoren aller Universitäten von England und Wales umfassenden Organisation, zum Vorsitzenden gewählt worden. — Der Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden, Rabbiner Dr. Leo Baeck, wurde vom Hebrew Union College in Cincinnati zunt Ehrendoktor ernannt. — In Berlin starb Franz von Mendelssohn, der Seniorchef des Bankhauses Mendelssohn & Co.; obwohl dieser Zweig der Familie Mendelssohn schon seit Generationen einer der christlichen Konfessionen angehört, war der Verstorbene doch seit jeher durch persönliche Interessen und vor allem durch die Tradition seiner Familie sowohl jüdisch-kulturellen als auch jüdisch-sozialen Werken immer verbunden. — In tiefste Trauer ist die gesamte Judenheit versetzt worden durch das Ableben von Shmarjahu Levin, der als einer der ältesten Führer der zionistischen Bewegung, vor allen Dingen aber kraft seiner Persönlichkeit, als Publizist und Politiker einen Weltruf genoß. Er starb in Haifa, 68 Jahre alt, — viel zu jung also für einen Menschen seiner Kraft und Wirkung, und die Lücke, die er hinterläßt, wird sich so bald nicht schließen.