Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 7 (21.6.1935)
- Date
- 1935-06-21
- Page
- Seite 13 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach der Verfassung des Landesverbandes obliegt die Geschäftsführung dem Engeren Rat; mit der Führung von Dezernaten werden nur seine in Berlin wohnenden Mitglieder betraut, die gemeinsam das in regelmäßigen Abständen zusammentretende Dezernentenkollegium bilden. An der Spitze des Landesverbandes steht der Präsident des Rates, Herr Kaminergerichtsrat i. R. Leo Wolff, gleich dem Landesverband heute Jubilar, dessen Persönlichkeit und Verdienste an anderer Stelle gewürdigt werden. Er führt die gesamten Präsidialgeschäfte, vertritt den Landesverband nach außen, d. h. sowohl gegenüber dem Staat als auch allen behördlichen, privaten, jüdischen und nichtjüdischen Stellen und Persönlichkeiten, die Vorbereitung und die Leitung der Ratsitzungen und mancher anderer Tagungen ist seine Aufgabe, und auch alles, was als ,.Unverteiltes“ in kein bestimmtes Dezernat fällt, hat er zu erledigen. Dr. Alfred Klee, der als Jubilar ebenfalls heute gefeiert wird, hat als Dezernent die gesamten Beihilfen an die Gemeinden und an die Beamten zu verwalten, also einen der an Bedeutung wie an rein äußerlichem Geschäftsumfang wichtigsten Teile der Verbandsarbeit. Landgerichtsrat i. R. Dr. Arthur Lilienthal verwaltet das Rechtsdezernat, dessen Bedeutung in der heutigen Zeit nicht näher ausgeführt zu werden braucht. Herrn Adolf Schoyer sind alle rituellen und das Kaschruthwesen betreffenden Angelegenheiten unterstellt. Rabbiner Dr. G a 11 i n e r hat das Kultusdezernat, das Unterrichtsdezernat, Lehrerbildung, Lehrerfortbildung und vor allem die heute so wichtig gewordenen Bezirksrabbinate. Dipl.- Ing. Bruno Woyda ist der Schatzmeister des Landesverbandes; die Aufstellung und Innehaltung des Gesamtetats, vor allem die mühevolle Aufbringung der Gelder ist seine Aufgabe; außerdem untersteht ihm das Wirtschaftsdezernat und die vor einem Jahr geschaffene Pensionsversicherung der jüdischen Beamten und Angestellten. Direktor Dr. Walter Alexander ist der Mittelsmann zwischen Landsverband und Reichsvertretung in allen Schul- und Unterrichtsfragen. Rechtsanwalt Dr. Sulzherger, erst seit wenigen Wochen Mitglied des Rates, ist anstelle des nach Palästina übergesiedelten Dr. Sandler zum stellvertretenden Schatzmeister ausersehen. Das in den letzten zwei Jahren aüfgebaute Kulturwerk des Landesverbandes, die Kulturfahrten, die Wanderbibliothek und das Gemeindeblatt werden als Dezernate von Herrn Dr. Hermann Schildberger geführt, der als Syndikus des Landesverbandes außerdem für die gesamte technische Durchführung des Bürobetriebes verantwortlich ist und überdies auch die Sachbearbeitung einiger anderer Dezernate zu erledigen hat. Mit dem Worte „Sachbearbeiter“ sind wir da angclangt, wo wir eigentlich den Gang durch die Abteilungen zu beginnen haben; denn wenn auch jeder der Dezernenten die Verantwortung für die ihm unterstellten Arbeitsgebiete trägt, so muß doch diese Arbeit selbst, nach Abteilungen gegliedert, im Büro ausgeführt werden.- Glaubt man aber, eine den hier aufgeführten mannigfachen Dezernaten entsprechende Zahl von Abteilungen, d. h. von Büros mit Sachbearbeitern, Sekretärinnen und sonstigem Personal vorzufinden, so sieht man sich gründlich — und das heißt in diesem Falle zum Guten — getäuscht. Mag sein, daß es einmal eine Zeit gegeben hat, in der die Organisationsfreudigkeit so weit ging, daß man den Aufbau eines komplizierten Büroapparates für eine Art Selbstzweck hielt; der Landesverband kann für sich in Anspruch nehmen, daß er an dieser jetzt wohl schon allgemein überwundenen Zeitkrankheit nie gelitten, sondern immer Wert darauf gelegt hat, mit seinem zum Teil aus Steuergeldern der Aermsten aufgebrachten Mitteln die größtmögliche produktive Arbeit zu leisten. Seine „Abteilungen“ bestehen denn auch größtenteils darin, daß die jeweiligen Briefeingänge und -Ausgänge einer sachlich gegliederten Aktenführung unterworfen werden; die Akten selber aber aus diesen zahlreichen Dezernaten laufen bei einigen ganz wenigen Menschen alle wieder zusammen,- und auswärtige Besucher haben oft ihrem Erstaunen darüber Ausdruck gegeben, wie wenig Zimmer und wie wenig Angestellte man bei uns antrifft. Ueber zehntausend Briefe gehen im Laufe des Jahres beim Landesverband ein, entsprechend groß, oder vielmehr größer ist die Zahl der Ausgänge, denn um einen Brief zu erledigen, muß man ja oft mehrere Briefe schreiben. Diese gesamte Schreibarbeit wird von nur drei Sekretärinnen (Rosenthal, Bukofzer, Gerson) geleistet, von denen jede außerdem noch andere Arbeiten zu erledigen hat. Die Posteingänge gelangen sämtlich zunächst an Herrn Dr. Schildberger. Soweit dieser als Sachbearbeiter fungiert (Präsidialgeschäfte, Unverteiltes, Rechtsdezernat), verbleiben alle eingelaufenen Briefe und Schriftstücke bei ihm zur persönlichen Bearbeitung; für die von ihm geleiteten Dezernate sind ihm eine Anzahl von Kräften beigegeben, und zwar für die Kulturfahrten Fräulein Bukofzer (die außerdem für Angelegenheiten des Kaschruthwesens tätig ist), für die Wanderbibliothek Dr. G u 11 - mann und zum Teil auch Dr. D a v i d s o.h n , sowie für das Gemeindeblatt dessen verantwortlicher Hauptschriftleiter George Goetz. — Das umfangreichste Arbeitsgebiet ist das des Herrn Birnbaum, dem für einen Teil seines Geschäftsbereichs mehrere Herren beigegeben sind. Er bearbeitet: Beihilfen an Gemeinden und Beamte, gemeinsam mit den Herren Cohn und Isaac, aus dem Rechtsdezernat die Schulrechtsfragen; die Angelegenheiten des Unterrichtsdezernats, der Lehrerbildung und des Dezernats Bezirksrabbinate sowie, gemeinsam mit Herrn Ansbach, Wirtschaftsdezernat und Pensionsversicherung. — Sachbearbeiter für alle. Finanz- und Etatsangelegenheiten ist Dr. J u 11 k e , dem außerdem die schwierige und äußerst minutiöse Buchhaltung unterstellt ist. Dieser Gang durch die Abteilungen gibt selbstverständlich nur ein äußeres und darum sehr oberflächliches Bild. Er bestätigt, was eingangs behauptet wurde, daß die nach Umfang und Vielfalt ganz ungeheure Arbeit sich auf eine verhältnismäßig äußerst geringe Anzahl von Personen verteilt, und es läßt sich daher von einem Außenstehenden auch nur ahnen, welche Arbeitslast auf jedem Einzelnen dieser Menschen ruht. Sie kann nur bewältigt werden, weil kein einziger der Beamten und Angestellten sich als bloßen Arbeitnehmer im rein wirtschaftlichen Sinne betrachtet, sondern weil vom höchsten Beamten bis zum Botenmeister, Registrator und Telephonisten — als solche sind die Herren Grünberg, Joseph, Sommerfeld tätig — jeder Einzelne durchdrungen ist von dem allgemeinen jüdischen Verpflichtungsgefühl und von der besonderen Kulturaufgabe des Landesverbandes. Ein inneres Bild von allen diesen Arbeiten gewinnt nur der, der das kennengelernt hat, was in den hier aufgezählten Abteilungen an sachlicher Arbeit geleistet wird. Der vor der letzten Ratstagung erstattete Tätigkeitsbericht gibt hier den besten Einblick. Es kann nicht die Aufgabe dieses kleinen Rundblicks sein, die Angaben jenes sehr ausführlichen Tätigkeitsberichtes zu wiederholen, aber dpeh wollen wir daran erinnern, daß die annähernd 400 000 Mark, die als Beihilfen an Gemeinden und Beamte, zum Teil auch ßeamtenhinterbliebene, ausgeschüttet werden, sich auf 800 Gemeinden und eine .entsprechend große Anzahl von- Gemeindefunktionären (Rabbiner, Kantoren, Lehrer usw.) verteilen. Es kann auch nicht unterlassen werden, gerade aus denjenigen Arbeitsgebieten, die seit dem Umbruch neu hinzugekommen sind oder einen neuen Aufschwung genommen haben, einige Einzelangaben zu machen. „Kulturfahrten“ — das schreibt sich leicht hin, und es hat sich auch bereits herumgesprochen, daß der Landesverband mit dieser Neuschöpfung ungezählten Menschen Impulse und neuen Lebensmut gegeben hat. Woran aber nicht so schnell gedacht wird, das ist das Maß an Kleinarbeit, Geduld und Nerven, die dazu nötig waren^T uni die allein im ersten Jahre dieser Neueinrichtung veranstalteten 200 verschiedenen Kulturabende in den Gemeinden der weit auseinander gelegenen Landesteile zu organisieren, vorzubereiten und durchzuführen. Aehnlich ist es mit der Wanderbibliothek. Von dem Hunger nach geistiger Bildung, der unter den Menschen der Provinzgemeinden herrscht, von dem Hunger nach Büchern und der aus wirtschaftlichen und anderen Gründen bestehenden Schwierigkeit, sie zu beschaffen, ist oft gesprochen und geschrieben worden, und man hat demgemäß die Schaffung der Wanderbibliothek der Idee und der segensreichen Wirkung nach anerkannt. Aber auch hierbei muß einmal daran gedacht werden, was es heißt, eine aus vielen Tausenden von Bänden bestehende 13