Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 7 (21.6.1935)
- Date
- 1935-06-21
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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der allein ihnen Hilfe zu leisten vermag, und sie treten damit zugleich auch in einen geistigen Verband, in den eine bisher vielleicht nur gefühlsmäßig bewußte Entwicklung sie gestellt hat. Niemand vermag die kommende Entwicklung vorauszusagen, und es ist auch nicht möglich, heute i. r. schon die Aufgaben zu erkennen, die für unseren Landesverband vielleicht noch entstehen werden. Eins aber ist gewiß: wie auch die Zukunft sich gestalten mag, unser Landesverband wird weiterhin der Hauptträger der Gemeinden und damit des eigentlichen jüdischen Lebens sein. Und weil die Gemeinden es sind, die die inneren jüdischen Werte schaffen, so kann — auch wenn die Wanderung von der Kleinstadt in die Großstadt anhält, und selbst wenn die fortschreitende Auswanderung einzelne Gemeinden zur Auflösung bringt — dennoch innerhalb der deutschen Judenheit und in aller Zukunft die Arbeit des Landesverbandes niemals verloren gehen. Die Gemeinde Von Rabbiner Einil Bernhard Cohn. Ich glaube, den zehnjährigen Jahrestag des Bestehens des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden nicht besser feiern zu können als mit einigen Worten über Wesen. Bedeutung und geschichtliche Entwicklung der jüdischen Gemeinde. Unsere Tradition nimmt an, daß die Gemeinde bereits eine Errungenschaft des mosaischen Judentums gewesen sei. und sie hat auch rein sprachlich ein gutes Recht dazu, indem nämlich dje Thora-nicht bloß den traditionellen Begriff der Kehilla, sondern auch den viel schöneren und höheren Begriff der Eda, d. h. der Zeugenschaft, geschaffen hat. also jene wunderbare Art von religiöser Eidgenossenschaft, die für die Sinai- Gemeinde der ältesten Tage so kennzeichnend ist. Wenn aber auch die Gemeinde im weiteren Sinne nicht ohne Grund in die Moseszeit verlegt werden darf. Gemeinde im engeren Sinne, in unserem Sinne, ist erst eine Errungenschaft der babylonischen Gefangenschaft. Als Nebukadnezar 586 den Tempel zerstörte und das Volk an die Ströme Babels führte, war den Verbannten in jenem historischen Augenblicke buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. und zwar nicht nur der nationale, sondern auch der religiöse Boden. Sie lebten an den Strömen Babels in einem religiösen Leerraum, und damals war es, daß sie sich in der Synagoge, dem Versammlungshause, eine Stätte neuen nationalen und religiösen Lebens schufen. Nicht in die damals neu entstehende Gemeinschaft wurde die Synagoge hineingesetzt, sondern um die neu gegründete und erbaute Synagoge bildete sich die neue Gemeinschaft der jüdischen Gemeinde, deren geistige Erben wir heute sind. Diese Gemeinde — Kohol. Kehillo, auch K’neßet oder Zibbur genannt — ist durch die Jahrtausende hindurch in guten und bösen Zeiten der Hort des Judentums gewesen. Das mittelalterliche Leben im GhettoVider der Judengasse, der spanischen Juderias usw. brachte ein Gemeinschaftsleben von einer Enge und Festigkeit der Bindungen auf, dfe vielleicht in der ganzen Geschichte nicht wieder vorgekommen ist. Vor allem waren das Nationale und Religiöse in dieser Gemeinschaft bis zur L'ntrennbarkeit verschmolzen. Träger dieser Gemeinschaft war das Minjan, d. h. die Zehnzahl der Betenden, mit der allein der öffentliche Gottesdienst mit Vorbeter begonnen werden durfte. Ihre seelische Kraft erhielt sie von der Familie her. Ihre innere Organisation paßte sich der Umwelt an, die Archisynagogen und Synagogenväter des Mittelalters entsprachen durchaus den kirchlichen Verhältnissen. Wesentliches Element der Gemeinde war aber die eigene Gerichtsbarkeit, ausgeübt durch den Dreimännergerichtshof des sogenannten Bes din, des Gerichtshauses. Es gab übrigens bereits im Mittelalter auch Gemeindeverbände, z. B. bildeten die Gemeinden Altona-Hamburg- Wandsbeck und Speyer-Worins-Mainz für sich Einheiten mit eigenen Verbandsstatuten. Bekannt ist auch die Dreiländersynode, die im 17. Jahrhundert zeitweise in Polen eine große Macht entfaltete. Durch den'T'intritt der Juden in das europäische Wirtschafts- und Gesellschaftsleben am Ende des 18. Jahrhunderts, das mit der Auflösung des Ghettos Hand in Hand ging, mußte selbstverständlich zunächst einmal eine Schwächung des jüdischen Gemeindelebens eintreten. Das Interesse an der Gemeinde und das Leben des jetzt modern gewordenen Juden in und mit der Gemeinde sank und wäre vielleicht allmählich gänzlich dahingeschwunden, hätten nicht die Staaten selbst auf Anregung und unter Mitarbeit der jüdischen Kreise die Organisation der jüdischen Dinge in den verschiedenen Ländern in die Hand genommen. So wurde hier in Preußen durch das Judengesetz von 1847 in das bereits stark geschwächte jüdische Gemeindeleben Ordnung gebracht. Durch dieses Gesetz bekamen die jüdischen Gemeinden zum ersten Mal das Recht der Besteuerung und damit überhaupt erst die materielle Grundlage, auf der kulturelle Arbeit geleistet werden konnte. Allerdings gab es auch einen Haken dabei, nämlich die sogenannte Autonomie der Einzelgemeinde, die, gleich ob sie groß oder klein war, künftig ganz auf sich selbst gestellt war und Einspruchsrechte von irgendeiner anderen Gemeinde her oder zu einer anderen Gemeinde hin weder anbringen durfte noch anzunehmen brauchte. Durch den Zug der Juden vom Lande in die Stadt und ihr natürliches Streben, die größeren jüdischen Zentren aufzusuchen, entvölkerten sich die Kleingemeinden und wurden notleidend; und entsprechend wuchsen die Großgemeinden zu starker Machtentfaltung heran. Diese Entwicklung wäre verhängnisvoll geworden, wenn nicht rechtzeitig die Privatinitiative eingesetzt hätte,- die, gepaart mit starkem Verantwortungsgefühl, vor bald 70 Jahren zur Gründung des deutschisraelitischen Gemeindebundes geführt hat. Das war ein Privatverein, dem sich allmählich sämtliche Gemeinden des Reiches mit zum Teil sehr erheblichen Beiträgen anschlossen. Aus ihnen wurden die leistungsschwachen Gemeinden gestützt und außerdem kulturelle Institute gegründet und subventioniert. Aber erst die Erkenntnis des deutschen Judentums, und besonders des preußischen, daß man doch zu einer Gesamtorganisation kommen müsse, schuf von zehn Jahren den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, dem etwas gelang, was dem Deutsch-israelitischen Gemeindebund folgerichtigerweise noch nicht gelingen konnte: eine bis ins Kleinste gehende Hilfsaktion für die bedrohten Kleingemeinden, die nicht bloß materiell, sondern auch geistig-kulturell sich betätigte und zum ersten Male das ganze preußische Judentum äußerlich durchzuorganisieren und innerlich zu durchwalten verstand. Die Tätigkeit des Landesverbandes ist besonders hoch zu veranschlagen, weil sie bisher in eine Zeit fiel, in der alte Schäden und Desorganisationen sich auswirkten und eine eigentliche Gemeindefreudigkeit, ein Leben des Einzelnen mit und in der Gemeinde kaum noch vorhanden war. Und doch ist in der ernsten Zeit, die wir jetzt durchleben, nichts notwendiger, als die gegebenen Gemeinschaftsformen lebendig zu erhalten und immer wieder zu erneuern. Der Umsturz der Dinge, in dem wir uns augenblicklich befinden, hat die alten Werte strittig werden lassen, vor allem die jüdische Jugend ruft nach neuer Gemeinschaft und setzt die Kameradschaft ihrer Bünde manchmal sogar 8