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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-06-21 · 7 (21.6.1935) · p. Seite 9

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
7 (21.6.1935)
Date
1935-06-21
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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in offenen Gegensatz zum Vorhandenen, das sie leicht geneigt ist, als bürgerlich abzutun. Demgegenüber ist es die Pflicht aller historisch Denkenden und aller ernsthaft Wollenden, mit aller Energie auf das Vorhandene, geschichtlich Gewordene und damit uns als Aufgabe Zugeteilte hinzuweisen. Die Gemeinde lebt, sie muß leben, und selbst wenn sie scheintot wäre, müßte man sie zu neuem Leben erwecken. Das alte Minjan ist trotz aller spöttelnd betrachteten Minjanmänner eine gewaltige Einrichtung, aus der Gemeinschaft der Betenden erwächst die Gemeinschaft der Handelnden und der klare Wille, das zu erhalten, was durch Jahrtausende Halt und Hort des Judentums in allen Ländern der Welt gewesen ist. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden ist einmal aus klugem Munde „die Gemeinde der Gemeinden“ genannt worden. Das ist ein hohes Lob—und vielleicht eines, das ihm etwas Vorschußlorbeeren zugebilligt hat. In dieser Bezeichnung liegt eine Wegweisung ohnegleichen: Organisation in allen Ehren, aber sie muß auch lebendig sein und als kulturelle Kraft bis in die kleinsten Teile wirken, die Einzelgemeinde stützen, aber auch* ermutigen, und jüdischen Geist, religiösen und sozialen, bis in die fernsten Kanäle der Landesgemeinden fließen lassen. Wünschen wir dem Landesverband, daß sein segensreiches Wirken weitere Früchte trage, den Gemeinden zu Nutz, den Arbeitern und Führern zur Genugtuung, dem Judentum zum Segen. Von den Aufgaben jüdischer Bildungsarbeit Von Dr. Ludwig Landau. „Lernen“ in jüdischem Sinne zielt nicht auf Mehrung der Kenntnisse, sondern der Erkenntnis. Unsere Alten, die „Väter“, lernten nicht um zu wissen, sondern um weise zu leiten. Jude-Sein bedeutete ihnen Verpflichtung zu menschlicher Bewährung. In allen tragischen Epochen jüdischen Schicksals wurde immer wieder die Frage nach dem Sinn dieses Jude-Seins gestellt. Dessen äußere Gestaltung mußte immer wieder durch die Kraft und das Feuer inneren Erlebens überwunden werden. Die innere Unabhängigkeit, die Verwurzelung in einem von allem Zeitbedingten nicht beeinflußten Menschentum, das Gefühl des „Rühens im Schatten des Allmächtigen“ mußte immer wieder neu erarbeitet, neu erlernt werden. Wer nicht leidend verzagt oder vor der Wirklichkeit träge ausweicht, muß eine Antwort auf jene ewige Frage geben, und zwar als Jude, der vor seinem besonderen Menschentum sich nicht versteckt, sondern gerade in ihm Selbstbejahung und Selbstvollendung finden will. Dieses Suchen nach Einheit und Einklang in uns führt in die religiöse Sphäre. Wir wandern zu den Quellen zurück, wo Ursprung der jüdischen Seele sichtbar wird, wo wir erfahren, wie Juden vor uns gelitten und überwunden haben, wie sie Zwiesprache mit dem Schicksal hielten, wie sie Religion erlebten. Ein ergreifendes Wort des Propheten Arnos wird in der Wende unseres Schicksals wieder Wirklichkeit: „Wohlan, Tage kommen, da sende ich ein Hungern ins Land, nicht ein Hungern nach Brot und nicht ein Dursten nach Wasser, sondern meine Reden zu hören!“ Wir erinnern uns an das Bekenntnis eines sich mühenden und bemühenden Jugendlichen: Religion sei ihm leider eine Vokabel, die er nicht übersetzen könne; aber man müsse auch dies lernen können. Dieses „Lernen“ steht als ungeheures Problem vor dem deutschen Judentum. Die Zielsetzungen geistiger Arbeit, die Bildungsrichtung sind andere geworden. Immer waren der deutsche Jude und die deutsche Jüdin vom Bildungsstreben erfüllt. Wo man in jüdischen Häusern vor den Bücherschrank tritt, fast immer finden sich Lessing, Goethe, Schiller, Heine, Hebbel, neben Keller, Storni, Fontane und neueren deutschen Autoren. Nunmehr hält das jüdische Buch Einzug in die Bücherei. Nicht um das Schöngeistige allein geht es, sondern um jüdisches Geistesgut in jeder Hinsicht. Die Besinnung auf die von der eigenen Gemeinschaft und ihren Söhnen geschaffenen Werke bringt in Wirklichkeit eine Erweiterung und Vervollständigung der inneren Erlebniswelt, eine vertieftere Erfassung der ganzen geistigen Wirklichkeit mit sich. Jüdische Geschichte und Soziologie, religiöses und religionsphilosophisches Buch, biblisches Schrifttum verdrängen die „schöne Literatur“. Der unsichtbare innere Lebensraum weitet seine Grenzen, das jüdische Bildungsverlangen ändeft seine Richtung. ' Angesichts der grundsätzlichen Problematik, des verzweigten Stoffgebietes, der schwierigen Methodik, des Mangels an Lehrern und Bildnern, der besonderen örtlichen Verschiedenheiten und Bedingtheiten, des Fehlens zulänglicher Lehrmittel, der Aus- und Binnenwanderung der jüdischen Bevölkerung, der Zersplitterung und mangelnden Zusammenarbeit der Einrichtungen und Organisationen ist die jüdische Bildungsarbeit mit derartigen Schwierigkeiten beladen, daß man an sie nur mit großer Sorge um die Erhaltung des bisherigen Bildungsniveaus und die notwendige Förderung des neuen Bildungsziels herantreten kann. Diese Schwierigkeiten seien hier an einer Ei'nzelfrage angedeutet, an der Schichtung des Menschenmaterials in ihrer Bedeutung für die Bildungspflege. Großstadt-, Mittel- und Kleingemeinde stehen sich in ihrer verschiedenartigen Menschenstruktur gegenüber. Keine Großgemeinde, von Berlin schon ganz abgesehen, weist . einen einheitlichen jüdischen Typ auf. Auch jede Landschaft kennt ihren besonderen Menschentypus. Ostpreußischer und rheinischer oder westfälischer Jude sind schon in ihrem Temperament keine mathematisch gleichen Größen. Diese allgemein menschliche Gliederung wird durch die Generationenfrage kompliziert. Schulkind, Schulentlassener, Jugendlicher, Erwachsener und alte Generation mit ihren von einander abweichenden Erfahrungsgehalten, Erlebenskreisen und seelischen Tendenzen setzen der Bildungsarbeit in stofflicher und methodischer Hinsicht jeweils besondere Aufgaben. Eine weitere Erschwerung bringt die Verteilung der Geschlechter mit sich. Die jüdische Frau der Gegenwart, deren Arbeit und Leistung uns mit Trost und Freude erfüllen, deren schweigender Heroismus den Generationen nach uns Vorbild sei, erlebt als Mutter jüdisches Schicksal eindringlicher als der von der Berufsarbeit stärker gebundene Mann; sie erlebt es von der eigenen Persönlichkeit und vom Kinde her. Darum wird sie stärker von der neuen Formung unseres Daseins berührt. Gewaltig sind auch die Schwierigkeiten, die Berufsgliederung und Berufsentscheidung dieser Menschen der jüdischen Erziehungsarbeit entgegensetzen. Berufstätigkeit und Arbeitsmilieu geben ihnen besondere seelische Färbung und bestimmen die Richtung ihres Bildungsstrebens. Erinnert man noch daran, daß wirtschaftliche Situation, religiöse Einstellung, jüdische Familien- und Gemeindetradition, örtliche innerjüdische Parteienbildung das zu bildende Menschenmaterial aufgeschlossener oder gleichgültiger, bereiter oder stumpfer machen, dann zeigt sich (Fortsetzung Seite 12) 9

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