Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 7 (21.6.1935)
- Date
- 1935-06-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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innerhalb des Verbandstages selber mehrten sich die Stimmen, die statt sensationeller Redekämpfe eine Versachlichung der Arbeit als notwendig erkannten. Diese Tendenzen haben schon der letzten Verbandstagung vom Jahre 1932 das gegen früher veränderte Gepräge gegeben, und es ist nicht daran zu zweifeln, daß sie sich endgültig durchgesetzt haben würden, hätten nicht die Ereignisse des Jahres 1933 seither die Einberufung des Verbandstages als unzweckmäßig erscheinen lassen. In denjenigen Körperschaften, die, stärker als der Verbandstag, die eigentlichen Träger der Verbandsarbeit sind, vor allem also im iEngeten Rat, ist schon seit vielen Jahren mit einer 'beispielhaften Einmütigkeit und mit dem Willen zu ^gegenseitigem Verständnis gearbeitet worden, und zwar nicht etwa durch die immer recht zweifelhafte Proklamierung eines Burgfriedens, sondern in der Erkenntnis, dafi der Landesverband nur sachlicher Arbeit zu dienen hat und daB es in der Frage der Aufrcchterhaltung der finanziellen und kulturellen Lebensfähigkeit der Gemeinden Meinungsverschiedenheiten nicht gibt. Diesen Haupttugenden, der Systematik und der Einmütigkeit, ist es ohne Zweifel auch zu danken, daB der Landesverband seine schwerste Krisenzeit überstehen konnte, die ihm ebenso wenig wie irgend einer anderen jüdischen Organisation erspart geblieben ist. die sich aber bei ihm wegen seiner besonders gearteten Stellung schwerer fühlbar machte als überall sonst. Es ist bekannt, daß in früheren Jahren die Zuschüsse, die der preußische Staat dem jüdischen Landesverband ebenso wie den Kirchengemeinschaften der anderen Konfessionen bewilligte, einen nicht unerheblichen Bestandteil derjenigen Mittel bildeten, aus denen der Landesverband seine Aufgaben bestritt. Die Staatszuschüsse wurden als so wesentlich empfunden, daB auf einer der früheren Verbandstagungen von maßgeblicher jüdischer Seite sogar das Wort fiel, mit ihnen stehe und falle die Arbeit des Landesverbandes. Gerade nun zu der Zeit, als sich das Arbeits- und Aufgabengebiet des Landesverbandes so ungeahnt vergrößerte, stellte der Staat die Gewährung seiner Zuschüsse ein. Es wird für immer als ein geschichtliches Verdienst der Leitung des Landesverbandes gelten, daß es gelang, die Arbeit trotzdem weiterzuführen und, wie alle Tätigkeitsberichte der letzten Jahre zeigen, auszubaüen. Wenn man daran denkt, daß eine wirtschaftliche Not bei vielen preußischen Synagogengemeinden schon immer bestanden hat und nur unter Zuhilfenahme der Staatszuschüsse bewältigt werden konnte, weiß man, was es bedeutet, daß die Mittel für die so außerordentlich gesteigerten Aufgaben nunmehr aus eigenen Kräften aufgebracht werden. Es bedarf keiner näheren Ausführung, daß eine Einstellung der Verbandstätigkeit gerade in jener Krisenzeit zu einem Chaos in diesen Gemeinden, ja zu ihrem Untergang geführt haben würde; die Einmütigkeit in der führenden Körperschaft des Landesverbandes hat eine derartige Katastrophe verhindert. Sie hat dazu geführt, daß die sich anbahnende Entwicklung nicht nur vorausgesehen wurde, sondern daß man auch gemeinsam Maßnahmen traf, die ein sonst unausbleibliches Verhängnis abwandten. Allerdings würde es niemals genügt haben, wenn diese Gesinnung allein nur bei der Leitung bestanden hätte, und es soll deshalb dankbar anerkannt werden, daß auch die Gemeinden draußen im Reich in Erkenntnis dieser Schicksalsstunde denjenigen Opfermut aufbrachten, welcher zur Durchführung des ebenso wichtigen wie erweiterten Arbeitsprogrammes nötig war. Während auf der einen Seite Einsparungen auf allen Gebieten vorgenommen wurden, wobei auch gewisse einschneidende Maßnahmen im Interesse des Ganzen nicht vermieden werden konnten, wurden die Mitgliedsgemeinden zu erhöhten Beitragspflichten herangezogen, und es erscheint als die erste Pflicht am heutigen Jubiläumstag, den Gemeinden zu danken, ohne deren entscheidende Mithilfe das Werk des Landesverbandes nicht hätte fortgeführt werden können. Schon jetzt lassen sich manche Früchte der zeitig begonnenen Arbeit erkennen, und es zeigt sich auch, wie kurzsichtig die schon oben erwähnte Auffassung ist, die eine derartig grundlegende und systematische Aufbauarbeit ein wenig von oben herab mit dem Schlagwort „Verwaltungsarbeit'' abtun zu können glaubt. Verwaltet freilich muß werden, aber es geht dabei ja wahrlich nicht nur um wirtschaftliche Dinge, also etwa um den Finanzausgleich zwischen leistungsfähigen und leistungsunfähigen Gemeinden. Dieser Gesichtspunkt kann schon deshalb nicht ausschlaggebend sein, weil das Zugrundegehen einzelner kleiner Gemeinden selbst durch namhaftere Geldbeträge, als sie in Wirklichkeit zur Verfügung stehen, nicht aufgehalten werden kann. Die finanzielle Hilfe für die Gemeinden geschieht aber nach einer bestimmten Richtung hin: zur Aufrechterhaltung des Kultus, des Religionsunterrichts, der seelsorgerischen und sonstigen Betreuung durch Rabbiner und Lehrer, der jüdischen Institutionen, also zusammengefaßt: zur Erhaltung des jüdischen Lebens in der Gemeinde, damit die Gemeinden ihrerseits imstande sind, die _ jüdische Substanz in jedem ihrer Mitglieder zu stärken und zu mehren. Wer es weiß, daß nicht die ein-' reinen Juden, sondern die Gemeinden die lebenbildenden Keimzellen des Judentums sind, der versteht, wie ~~ hier Arbeit nicht nur für die preußische, nicht nur für die deutsche Judenheit und nicht nur für die Judenheit dieser Generation geleistet wird. Hier ist der Punkt, an dem die Arbeit des Landesverbandes ihre Erhebung ins Geistige erfährt. Und im Bewußtsein dieser Tatsache hat -der Landesverband seit zwei Jahren seine Betreuung über das religiöse Gebiet hinaus auf das kulturelle erstreckt, hat durch seine Kulturfahrten, seine Wanderbücherei und sein GemeTndeblatt die Juden der Kleingemeinden aus ihrer geistigen Isolierung befreit und damit die Gemeinden selbst in erhöhtem Maße zur Erfüllung ihrer jüdischen Aufgaben befähigt. So ist der Landesverband Führer, Beschützer und Bildner der kleinen Gemeinden, ihrer leitenden Menschen und ihrer Mitglieder geworden und ist bestrebt, diese seine Wirksamkeit noch weiter zu verstärken. Mit diesem geschichtlichen Amt geht der Landesverband in das zweite Jahrzehnt seiner Tätigkeit hinein, unverändert in der Richtung, die seine Arbeit im Verlaufe des ersten Jahrzehnts genommen hat, aber vermehrt um Arbeitsgebiete in sachlicher und auch in räumlicher Hinsicht, mit schwerer gewordener Verantwortung, aber gerade dadurch auch angespornt durch das Gefühl der erweiterten und vertieften Wirkung. Er ist aus einem organisatorischen zu einem geistigen Gebilde geworden, und wie allem Geistigen ein universalistischer Zug eignet, so ist auch der Landesverband von seinen ursprünglichen geographischen Schranken befreit. Seit dem Jahre 1935 ist er nicht eigentlich ein Preußen verband mehr; der Anschluß der Gemeinden in den Ländern Oldenburg, Thüringen und Braunschweig zeigt nicht nur äußerlich eine neue Entwicklung, sondern er beweist, daß auch sein inneres Wachstum weithin empfunden wird und sich organisch der Gesamtentwicklung innerhalb der deutschen Judenheit einfügt. Die kleineren Landesverbände suchen Schutz 'bei dem größten Verband, 7