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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-06-21 · 7 (21.6.1935) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
7 (21.6.1935)
Date
1935-06-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Die Wendung ins Geistige Zum Beginn des zweiten Jahrzehnts unserer Arbeit Von Dr. Hermann Schildberger, Syndikus des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Vertiefung und Vermehrung sind die Kennzeichen der jüdischen Arbeit in dieser neuen Zeit. Aber nicht als zwei nebeneinander auftretende Erscheinungen, sondern das eine als Funktion des anderen —: die Vermehrung soll die äußere Folge der Vertiefung, die Vertiefung die innere Folge der Vermehrung sein. Es ist doch klar und konnte auch gar nicht ausbleiben, daß die erhöhte Aktivität hin und wieder auf diesem oder jenem Teilgebiet zu allzu rühriger Betriebsamkeit führen mußte, die, obschon so viel echte Begeisterung der zur- Selbstbesinnung zurückgeführten Menschen vorhanden war, in Fällen der hier gemeinten Art keine echten Werte zu schaffen vermochte. So ist unter dem Ansturm der neuen Zeit — man erinnert sich daran aus der jüdischen Presse und aus den Vorträgen — neuerdings die Kleingemeinde für die jüdische Oeffentlichkeit „entdeckt“ und der Betreuung empfohlen worden, und das zu einer Zeit, in der der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden ebenso wie die anderen jüdischen Landesverbände im Reiche schon viele Jahre auf diesem ihm als Hauptgebiet zugewiesenen Arbeitsfeld erfolgreich tätig war. Vergegenwärtigt man sich, wie schwach in früheren Jahren das Interesse an jüdischen Dingen und gar an der so geringschätzig angesehenen „Verwallungsarbeit“ war, so ist es nicht verwunderlich, daß diese Unkenntnis nun an dem Beispiel der Kleingemeindearbeit so handgreiflich zutage tritt; aber gerade an diesem Beispiel ist es auch ersichtlich, daß die wirklich Kundigen und die an verantwortlicher Stelle Tätigen diejenigen Probleme gekannt haben, von denen die jüdische Oeffentlichkeit sonst wenig wußte. So darf gesagt werden: das Problem der Provinzgemeinde besteht nicht erst seit dem Jahre 1933, und die Arbeit für die Provinzgemeinde — das soll gerade anläßlich des Jubiläums des Landesverbandes ausgesprochen werden — wird nicht einmal erst seit 1925 geleistet, sondern umgekehrt war es die schon vorher aus der Kenntnis des Kleingemeinde- Problems und im Dienste der Kleingemeinde geleistete Arbeit, die vor mehr als einem Jahrzehnt zu der Gründung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden geführt hat. Und wie wenig selbst damals das jüdische Publikum an den bedeutendsten Problemen und Arbeiten der deutschen Judenheit interessiert war, ist daraus ersichtlich, daß die Gründung — obwohl zur Gründungstagung am 25. Juni 1922 sogar Vertreter der staatlichen Behörden erschienen waren — sich fast unter Ausschluß der jüdischen Oeffentlichkeit vollzog. Und doch hatte die damals neu geschaffene Institution es sich zur Aufgabe gemacht, die preußische Judenheit, und damit den weitaus größten Teil der deutschen Juden, nach außen zu vertreten und nach innen die lebenswichtigste Aufbauarbeit zu leisten. Der weitere Verlauf der Dinge zeigt, daß der Landesverband nicht nur nach der Absicht seiner Gründer sich diese Aufgabe gestellt hat, sondern daß ihm die gleiche Mission auch noch von einer weit höheren Instanz zugewiesen war: von der geschichtlichen Entwicklung. Das Beispiel der angeblich erst jetzt erfolgten Entdeckung der Kleingemeinde beweist aber, daß die Kenntnis vom Preußischen Landesverband und seiner Arbeit auch heute noch nicht genügend verbreitet ist. Dabei hat gerade der Landesverband einen ganz besonderen Anspruch auf die allgemeine Aufmerksamkeit —: nicht nur wegen des Umfanges seiner Leistung auf dem Gebiete der Erhaltung und Betreuung der Gemeinden; nicht nur weil ihm sowohl in räumlich-geographischer wie auch in sachlicher Beziehung eine Fülle neuer Aufgabengebiete zugefallen ist, .sondern vor allem auch deshalb, weil er zwei gerade heute besonders fühlbare Erfordernisse für jede jüdische Arbeit erfüllt: Systematik und Neutralität. Gerade die Fülle der heutigen jüdischen Aufgaben macht es ja so schwer, alle nötige Arbeit nach einem einheitlichen Plan auszuführen; der Aufbau des Landesverbandes ist seit jeher derart gewesen, daß seine Arbeit stets eine systematische war. Die gesamtjüdische Situation erfordert gemeinsame Arbeit aller inner jüdischen Richtungen; die dem Landesverband gesetzte Hauptaufgabe — Erhaltung der Gemeinden — hat alle Richtungen des deutschen Judentums seit jeher zu gemeinsamer Arbeit verbunden. Systematik bedeutet es, wenn man aller ideellen Arbeit eine äußere Grundlage gibt, die jederzeit jeden gewünschten Ueberblick über den Erfolg und den möglichen Ausbau der Arbeit gewährt. Um dies zu erreichen, ist die Verwaltung des Landesverbandes in einer Form aufgebaut worden, die sich die Arbeitsweise eines Ministeriums zum Vorbild nahm. Das mag manchem als Bürokratie scheinen; es ist dennoch Bürokratie im guten Sinne, und dieser behördeftähnliche Charakter, den sich der Landesverband gab, hat ihm auch auf seinen einzelnen Arbeitsgebieten zur Systematik befähigt. War es doch sein Ziel, das ganze Land mit dem Netz seiner Arbeit zu erfassen, keinen einzigen Juden, gleichgültig ob in Großstadt, Kleinstadt oder auf dem Lande, außerhalb der jüdischen Betreuung zu belassen. Der immer weiter fortschreitende Ausbau der Bezirksrabbinate ist eines der vielen Beispiele dafür, wie die Maschen dieses Netzes immer enger gezogen werden, so daß bald auch der in entlegenster Gegend wohnende Jude noch einen für ihn zuständigen Rabbiner haben wird. Nicht minder bedeutungsvoll ist — heute mehr denn je — die Neutralität des Landesverbandes, die nichts mit Kompromißlerei zu tun hat, sondern höchst positiver Art ist. Mögen auch die Menschen im Rat und im Verbandstag aus verschiedenen jüdischen Lagern gewählt sein, so muß doch festgestellt werden, daß sie alle in dem Augenblick, in dem sie ihre Arbeit im Landesverband aufnehmen, sich auf ein gewissermaßen neutrales Gebiet begeben. Diese Tatsache ist im Laufe der nunmehr zehnjährigen Verbandsarbeit immer deutlicher geworden. Die Anfangszeit des Landesverbandes fiel noch zusammen mit der Zeit der beginnenden Auswüchse im allgemeinen Parlamentsleben; damals hat auch das erste jüdische Parlament in Preußen, der Verbandstag des Landesverbandes, seine innerjüdischen Kämpfe in Formen ausgetragen, die ihm den Vorwurf der Parlamentsspielerei eintrugen. Aber nicht nur von Außenstehenden,

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