Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 7 (21.6.1935)
- Date
- 1935-06-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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alle Tugenden des Richters: ein bis ins Kleinste gehendes Abwägen jeder Frage, das fast eher als die Vorteile die Bedenken sieht, die sich einem Vorschlag entgegenstellen;, damit verbunden strengste Objektivität gegenüber Menschen und Dingen, eine Objektivität, die dennoch den nicht leicht erkämpften, nun aber festgehaltenen eigenen jüdischen Standpunkt zu wahren weiß; Neigung und Fähigkeit für Kleinarbeit und ein staunenswerter Fleiß selbst bei der Erledigung der uninteressantesten Dinge in der Verwaltung. Zu allen diesen Eigenschaften gesellt sich im äußeren Auftreten, auch im gesprochenen Wort, eine Schlichtheit und Sachlichkeit, die die eigene Individualität fast zu sehr zurücktreten läßt. In der Zeit großer Kämpfe und Umwälzungen ist das Zurückstellen der eigenen Persönlichkeit, so anerkennenswert und so menschlich liebenswert es ist, sachlich manchmal nicht geboten. Wenn man von der ungeheuren Arbeit, die der Landesverband, sein Rat und nicht zuletzt sein unermüdlicher Präsident leistet, im Lande manchmal zu wenig wußte, so hat Leo Wolffs sachliche, ganz auf die Leistung eingestellte Persönlichkeit daran einen Teil der Schuld, sofern das überhaupt als Schuld zu werten ist. Und doch, wer ihn persönlich kennt, wer ihn bei Arbeiten, bei den oft schweren und verantwortungsvollen Entschlüssen, bei Beratungen und Tagungen beobachten durfte, der weiß, welche bewegliche Geistigkeit, welch aus letztem Optimismus herfließender Humor, welche Güte und Liebenswürdigkeit ihm eignen und ihn bei aller seiner Amtsführung beseelen. Von besonderem Vorteil für die Gestaltung der jüdischen Dinge ist die durch Wolff geschaffene enge Verbindung zwischen dem Landesverband und der Berliner Gemeinde, deren dienslältestes Vorstandsmitglied Wolff ist. Er hat noch die klassischen Zeiten glücklichen Friedens gesehen, hat in stürmischer Uebergangszeit das Steuer der Gemeinde selbst in Händen gehalten und stellt so die beste Tradition dieser ehrwürdigen Körperschaft dar. Auch Alfred Klee kommt aus der Gemeindearbeit, und das hat sein Wesen bestimmt; er stand jahrzehntelang in der Opposition, die dann im jüdischen Leben Deutschlands immer mehr Raum gewann, bis sie nach langem, zähem Kampf, nun seit einem halben Menschenalter in die Gemeindeverwaltungen eingezogen ist. Opposition, die Raum gewinnen will, braucht Männer der „Publicity“, Männer, die zu den Massen zu reden, für ihr Werk vor den Massen einzutreten verstehen. Klee ist einer der wirkungsvollsten Redner, die das deutsche Judentum im letzten Menschenalter hervorgebracht hat, und so ist gerade er es, dein in den letzten Jahren manchmal die Aufgabe zugefallen ist, eine von der Gesamtleitung des Landesverbandes sorgfältig vorbereitete Arbeit zu ihrem letzten Erfolg zu führen. Er hat, getragen von dem ihm innewohnenden Gefühl jüdischer Verbundenheit und jüdischer Verpflichtung, an vielen Stellen in hinreißender Weise für die Notwendigkeit verbindender Gemeindearbeit Zeugnis abgelegt. Wenn sich der Landesverband in der letzten Zeit auf fast ganz Norddeutschland ausgedehnt hat, so kann Klees Anteil hieran nicht vergessen werden. Es gab ja nicht nur die Schwierigkeiten der juristischen und finanziellen Vorarbeiten, sondern es gab auch vielfach die allbekannten Bedenklichkeiten des Partikularismus; in diesen Fällen war es Alfred Klee, der durch den prachtvollen Schwung seiner Beredsamkeit die Hindernisse hinwegfegte, indem er das große Bild eines in sich geschlossenen deutschen Judentums, daä ihn immer begleitet hat, vor den Augen der Widerstre-' benden aufrollte. Bei alledem kam ihm der glückliche Zufall zustatten, daß er in der Innenarbeit des Verbandes gerade diejenigen Dezernate erhielt, die propagandistisch die wirksamsten sind: die Betreuung der Kleingemeinden und, damit verbunden, die Ausgestaltung des jüdischen Brauchtums und der religiösen Feiern zu den großen Ereignissen des jüdischen Jahres. Man sieht also, daß sich die beiden Jubilare des Landesverbandes in glücklichster Weise ergänzen. Et bedarf der großen Ideen und der Außenwerbung, er Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee Foto s Bohrtde bedarf ebenso der zähen, unermüdlichen Tagesarbeit und des Ausgleichs zwischen Ideal und Wirklichkeit, er braucht den Schwung und die Zurückhaltung, er muß in sich schließen die Einseitigkeit einer von seiner Idee ganz erfüllten Natur und das Gegeneinander- Abwägen und den Ausgleich widerstreitender Meinungen. In den beiden Jubilaren ist ihm das Eine und das Andere gegeben, und beide verbindet der unerschütterliche Glaube daran, daß die Gemeinde und ihr Leben der Eckstein des Gebäudes ist, in welchem gerade in den heutigen schwersten Zeiten die deutschen Juden sich aneinanderschließen können., Möge ein gütiges Schicksal beide Männer noch lange; in voller Arbeitskraft dem deutschen Judentum erhalten! Redaktionelle Notiz Wegen des Jubiläums ist das Erscheinen der Juli»Nummer auf den 21. Juni vorverlegt worden. Die nächste Nummer erscheint demgemäß wieder am 1. August. lausch B