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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-06-01 · 6 (1.6.1935) · p. Seite 7

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
6 (1.6.1935)
Date
1935-06-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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immer? Wir wollen ehrlich gegen uns selber sein —: diese Erinnerungen waren verblaßt, und erst unser durch eigenes Erleben wiedererweckter Sinn für unsere Geschichte hat sie wieder erneuert i|nd hat sie zugleich — verändert. Denn Besinnung auf jüdische Katastrophen veranlaßt uns heute nicht mehr zu tatenlosem „Weinen in der Kammer“, sondern die jetzt lebende jüdische Generation hat — als erste in der Kette der jüdischen Geschlechter, und vielleicht überhaupt zum ersten Mal, seitdem die Völker Geschichte treiben — gelernt, aus der Geschickte z u 1 e r n e n. So wird selbst die kürzeste Zeitspanne mit allen ihren großen und kleinen Ereignissen uns bedeutsam; wir lernen, das Geringfügige in seiner Tragweite zu erkennen und zugleich das noch so Gewaltige nicht zu überschätzen. Nur wer dies alles und noch vieles andere von der jüdischem Psyche weiß, nur der versteht, warum das zentrale jüdische Ereignis der letzten Wochen weder die deutschen Juden noch die Juden irgendwelcher anderen Länder in Sieger- und Triumphstimmung versetzt hat. Denn freilich: der Urteilsspruch von Bern war ein Erfolg, die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ sind durch das Urteil eines unzweifelhaft objektiven Gerichts als Fälschung und Plagiat festgestellt; die in dieser Richtung zielenden Expertisen der Gutachter Loosli und Professor Dr. Baumgarten sind vom Urteil vollständig anerkannt, diejenige des Gutachters Fleischhauer dagegen, der sich für die Echtheit der „Protokolle“ einsetzte, ist vom Gericht verworfen worden. Ueber die Ethik des Judentums und auch der Juden ist im Verlauf des Prozesses das Höchste gesagt worden, was gesagt werden kann. Und doch, forscht man nach dem Echo, das dieses Ergebnis bei uns Juden selber in Presse und Oeffentlichkeit fand,— gewiß: es herrscht beruhigte Genugtuung, daß auch einmal das selbstverständliche Ereignis ward, denn für uns Juden ist es eine Selbstverständlichkeit, daß diese „Protokolle“ mit ihren jüdischen Weltherrschafts- und Unisturzplänen Fälschung sind; aber stärker als jede etwa sich regende Siegerstimmung bleibt die Fassungslosigkeit über die Tatsache, daß es Menschen gibt, die diese „Protokolle“ für echt halten. Denn, und das ist’s, was unsere erlebte Geschichte uns lehrt: wie es für Einsichtige nicht erst des Berner Urteils bedurfte, so wird für die andern dies Urteil nichts ändern; und es bleibt die Tatsache, daß wir Juden seit zweitausend Jahren immer wieder uns gegen Anklagen und Verdächtigungen von der Art dieser Protokolle werden verteidigen müssen. Und lehrt denn der Ausgang des Prozesses von Kairo etwas anderes? Dort mußte der Klageanspruch des jüdischen Klägers vom Gericht abgewiesen werden; nur dies hat die große Oeffentlichkeit zur Kenntnis genommen, nicht aber, daß es aus rein formalen Gründen geschah und daß der Generalstaatsanwalt Hugh O. Holmes dabei, erklärt hat, vor dem „einzigen zuständigen Gericht, dem der Geschichte, habe die jüdische Rasse ein günstiges Urteil erhalten, welches nicht berührt werden könne durch das Pamphlet, das zu diesem Prozeß geführt hat... “ — es handelt sich, genau wie in Bern, so auch hier um die „Protokolle“. Eine jüdische Familie in Stavanger hatte elf Frauen von dem verunglückten deutschen Dampfer „Dresden“ aufgenommen, verpflegt und mit Kleidung versorgt. Der deutsche Gesandte in Oslo gab in seinem Schreiben seiner Dankbarkeit Ausdruck und erhielt die Antwort: „Wir sind Juden, und Menschenliebe ist die höchste Pflicht des Judentums.“ Aus diesem Wort spricht die Wahrheit; es kennzeichnet — genau wie die ihr voraufgegangene Tat der Hilfsbereitschaft und genau wie auch das Urteil in Bern — die Wirklichkeit des Judentums, doch gehört auch das Verkanntwerden zu dieser Wirklichkeit des Judentums noch dazu. Ein schweres Schicksal! Das aber seine Schrecken verloren hat für ein Geschlecht, welches das Bewußtsein von seiner Geschichte wiedergefunden und — arbeiten gelernt hat. Diese Arbeit ist nie vergebens, und, entgegen dem eingangs zitierten Dichter und der Grundstimmung seines Werks, müssen wir sagen, daß wir Juden des zwanzigsten Jahrhunderts das Resignieren verlernt haben. Gewiß, unsere Lage ist nicht beneidenswert und alles andere als rosig, aber sie ist auch nicht überall hoffnungslos. Alle Welt neigt sich heute in Ergriffenheit und Trauer vor dem Genius des heimgegangenen Staatsmannes P i 1 s u d s k i. Mit der gesamten polnischen Nation trauern drei Millionen polnischer Juden um den toten Marschall. Sein Hinscheiden verursachte einen Augenblick der inneren Einkehr, des Nachdenkens, und es zeigt sich, daß dieser nationale Heros die Juden nicht missen wollte und auf sie zählen durfte. Unter seiner Führung haben sich zahlreiche Juden, an den Freiheitskämpfen und am polnisch-russischen Krieg von 1920 beteiligt. Und umgekehrt hat Pilsudski seinen Gegnern gegenüber oft betont, daß diese eine Politik der Pogrome führen wollen und sie als eine polnische Politik bezeichnen, während in Wirklichkeit nur eine Zusammenfassung aller Kräfte im &taat den Anspruch erheben könne, als nationale Politik zu gelten. So sind das Erscheinen der Rabbiner im Trauerzuge, die Beteiligung jüdischer Schulkinder an der Spalierbildung, die Trauersitzungen der jüdischen Körperschaften Polens und die vielen jüdischen Trauergottesdienste in den polnischen Synagogen mehr als nur Symbole. — Und mehr als nur Symbol ist auch die Beteiligung der Juden an einem anderen Ereignis, das — ähnlich wie der Heimgang Pilsudskis — zwar nationaler Natur, aber von internationaler Bedeutung ist, nur daß es sich diesmal um etwas Freudiges handelt —: das englische Regierungsjubiläum. Jedermann weiß, wie sehr gerade in-England, diesem Land mit ausgeprägtem Nationalgefühl, .der Grundsatz der Gleichberechtigung'herrscht; der englische NationalbegrifT hat nichts mit Rasse- oder Abstammungslehre zu tun, und erst in diesen Tagen erschien eine äußerst lehrreiche Statistik darüber, in welchem Maße die nach England eingewanderten Fremden dort „anglisiert“ Adele Reifenberg-Rosenbaum: Simchat Thora Photo H. Sonnenfold 7

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