Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 6 (1.6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/10279732-10021717-10021674--192-3980941- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Denkmäler einer nationalen Jurisprudenz. Es ist gewiß nicht das älteste, und es hat sich auch nicht gescheut, zweckmäßige Rechtseinrichtungen anderer Völker zu übernehmen. Erzählt uns doch die Bibel selbst, daß Mose die Vorschläge seines Schwiegervaters aus Midian für eine Organisierung der Verwaltung befolgte. Es hat aber die fremden Ideen, denen sich das Judentum, niemals verschlossen hat, in seinen Kultur- und Ideenkreis eingearbeitet und sie dadurch erst zu einer fruchtbaren Einheit mit den eigenen gestaltet. Das jüdische Recht ist alt, aber nicht veraltet. Es wird auch heute noch vielfach angewandt. Für uns hat es zwar einen großen Teil seiner praktischen Bedeutung verloren, dennoch behält es auch für uns einen dauernden Wert als Erkenntnisquelle für den von ihm verkörperten Lebensgeist und die Lebensformen des jüdischen Volkes. Frühjahrsausstellung jüdisdier Künstler in Berlin Die von der Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin veranstaltete Frühjahrsausstellung ist ein Ereignis, das weit über den Rahmen der Berliner Judenschaft hinaus bedeutsam und vorbildlich ist. Denn nicht nur auf dem Gebiete des Theaters, sondern auf jedem Kunstgebiet besteht die Pflicht, das Werk jüdischer Künstler zu zeigen und sich zeigen zu lassen. Die heutige Zeit hat Menschen aus Gemeinschaften ausgeschlossen, die wir für unlösbar hielten, aber sie hat auch Menschen neu zueinander geführt. Der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde und die Leitung -der „Künstlerhilfe“ dürfen stolz darauf sein, daß sie die neu sich' regenden Bindungen rechtzeitig erkannt, tatkräftig gefördert und so auch die Schaffensfreude erhöht haben. Die 1933 ins Leben gerufene „Künstlerhilfe“ hat ihr Ziel von Anfang an vor Augen gehabt. doch hat sie sich ihre Wege erst suchen müssen. Ein Beweis für ihr erfolgreiches Arbeiten ist die in Berlin unter Beteiligung weiter Kreise der jüdischen Oeffentlichkeit veranstaltete Frühlingsausstellung, die schon seit langem ge- Julie Wolfthorni Besinnung Photo H. Sonnenf«!^ Ottilie Wollmonn: Mutter und Kind Photo H. Sonnenfaid plant gewesen und für deren Zustandekommen sich auch Max Liebermann kurz vor seinem Tode warm eingesetzt hatte. Diese Ausstellung soll, wie der Vorsitzende der Gemeinde, Direktor Heinrich Stahl, in seiner Eröffnungsansprache betonte, jüdische Künstler und jüdisches Publikum noch fester zusammenschmieden als bisher. Bei der Eröffnung der Ausstellung wurde auch noch der Arbeit auf anderen Kunstgebieten gedacht. Dr. Hermann Schildberger, der Leiter der Künstlerhilfe, gab das Ergebnis eines im vergangenen Winter von der Künstlerhilfe veranstalteten Preisausschreibens über das Gegenwartserlebnis der jüdischen Frau bekannt. Mit diesem Preisausschreiben hat die Künstlerhilfe den jüdischen Künstlerinnen Gelegenheit gegeben, zeitgenössisches Erleben zu gestalten. Den ersten Preis erhielt die vielfach mit ihren Dichtungen in der Oeffentlichkeit hervorgetretene junge Schriftstellerin Hilde Marx für eine Dichtung „Chor der jüdischen Frau in Deutschland“. Auf dem Gebiet der bildenden Kunst wurde ein erster Preis nicht verteilt. Vier zweite Preise erhielten Else Meidner (für eine Zeichnung „Diaspora“), Adele Reifenberg-Rosenbaum, Ottilie Wollmann (für eine Plastik, die unsere Leser in diesem Blatte abgebildet linden) und Julie Wolfthorn (deren preisgekröntes Bild wir ebenfalls hier veröffentlichen). Nochmals: wir wünschen dieser 'Ausstellung viele Nachfolger — in Berlin und anderwärts.’ Chronik des jüdischen Lebens Seltsamer Kontrast: alle Welt begrüßt den Mai als den lebenbringenden Frühlingsmonat, uns Juden aber ist die zur Hauptsache in den Mai fallende „Sephirah-Zeit“ zwischen Peßach und Schabuoth eine Trauerzeit. „Es leuchten die Berge, es duften die Wiesen, Frisch weht der Lenzwihd mit frohem Gesaus. Was schert’s dich, Jude? Du hast doch Sephirah, Du sitz’ in der Kammer und wein’ dich dort aus!“ — so sang vor einem Menschenalter Morris Rosenfeld und beschwört in einem anderen seiner „Ghetto-Lieder“ — „der jüdische Mai“ überschreibt er es geradezu — die Erinnerung an jene geschichtlichen Vorgänge herauf, die zweimal — in den Tagen des römischen Kaisers Hadrian und zur Zeit der Kreuzzüge — für immer uns Juden den Wonnemond zum Trauermonat gemacht haben. Für 6