Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 6 (1.6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Kollektivdiarakter der jüdischen Tradition (Gedanken zum Schawuoth-Fest.) Von Rabbiner Dr. Max NuBbaum Das Wesen einer Religion besteht im Charakter ihrer Ueberzeitlichkeit. Das Ewige einer Religion besteht darin, daB sie trotz dieses ihres überzeitlichen Charakters auf alle zeitlichen Prägen eine Antwort geben kann. Vielleicht war es ein Fehler, daB man in gewissen Epochen der jüdischen Geschichte die Religion vom Leben so distanzierte, daB sie nicht mehr gefragt wurde und infolgedessen auch keine Antworten zu geben vermochte. Sie hinkte in den letzten Jahrzehnten dem Leben nach. Heute, in der Zeit unserer Rückkehr zu allem Jüdischen, gilt es, die Religion erneut zu fragen, und zu erforschen, welchen Beitrag sie zur Problematik unserer Zeit liefern kann. Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, stellen wir die Frage: Was bedeutet uns noch das Schawuoth-Fest? Ist es wirklich nichts mehr als die immer wiederkehrende Pietät einer alten Tradition gegenüber, oder hat uns vielleicht die Religion wieder etwas zu sagen? Bedeutet uns vielleicht das Schawuoth-Fest etwas anderes als das Wiederholen bestimmter von der Religion her diktierter Formeln, oder geben uns heute die Feste der Religion wieder eine Antwort auf gewisse Fragen? Darauf erwidere ich: Das Schawuoth-Fest weist einen sehr exakten Charakter auf. Es ist das Fest der Thora. Es ist das Fest des Buches und das Fest der Idee. In diesem, seinem eindeutigen Charakter, hat es uns auch etwas Eindeutiges zu sagen. Die Literaturentwicklung aller Völker Europas zeigt eine gerade Linie auf. Am Anfang der kulturellen Schöpfung eines Volkes steht der Synkretismus. Das will besagen, daß verschiedene Gebiete der Literatur, nämlich die Epik, die Lyrik und die Dramatik von einander nicht unterschieden und gesondert sind. Die Literatur eines Volkes in diesem ersten Entwicklungsstadium trägt einen absolut kollektiven Charakter. Das Kollektivum, die Masse, drückt Freude und Trauer, Schmerz und Lust, kurz alle seelischen Vorgänge des Lebens in Liedern, Gedichten und Erzählungen aus. Aber die Grenzen der literarischen Gebiete sind noch nicht gezogen. Und keine dieser Schöpfungen trägt einen Einzelnamen als Verfasser. Das Volk in der Gesamtheit schafft sich seine Volksliteratur. Erst später beginnen die einzelnen literarischen Gebiete sich von einander abzuheben. Ein Volksdichter sondert die Gebiete, vereinigt das Gemeinsame und bringt eine gewisse Ordnung in das kulturelle Torso seines .Volkes. Die „Iliade“ und die „Odyssee“ Homers sind z. B. nichts anderes, als die vom Volksdichter Homer gesammelte und bearbeitete Kollektivschöpfung des griechischen Volkes. In diesem zweiten Stadium der Kulturentwicklung gibt es schon Einzelmenschen, individuelle Persönlichkeiten, die die Gebiete bearbeiten. Trotzdem bleibt das geistige Schaffen auch dieser zweiten Entwicklungsstufe anonym, d. h. das Volk in seiner Gesamtheit bleibt immer noch der Autor alles geistigen Lebens. Das Gehirn eines Individiums arbeitet schon dran, aber nicht für sich, sondern für das Volk. Die individuelle Leistung tritt vor dem kollektiven Schöpfertum des Volkes völlig in den Hintergrund. Erst die Reife der Kulturentwicklung hebt das Individium über die Masse hinaus und die Literatur verliert ihren kollektiv-anonymen Charakter. Im Laufe der Zeit entsteht für jedes Volk eine bestimmte Problematik, die die Masse noch nicht begreift, die aber die Persönlichkeit eines Individiums erfaßt, zur Dikussion stellt und zu lösen versucht. Die Literatur tritt in das letzte Stadium ihrer Reife. Sie ist nicht mehr kollektiv, auch nicht mehr anonym, sie erhält ihre persönliche Note. So verlief die kulturelle Entwicklung bei allen Völkern der Erde. Bei uns Juden war sie anders. Es ist dieselbe Verschiedenheit, die auch unsere Geschichte so außerordentlich charakterisiert. Auch bei uns fing die Literatur mit dem ersten Entwicklungsstadium an. Auch bei uns sind die ersten kulturellen Schöpfungen kollektiv und anonym. Aber hier tritt schon das Besondere ein: Auch später, in einer Zeit, in der wir bereits wissenschaftliche Persönlichkeiten ersten Ranges besaßen, verlor unsere Literatur nicht den kollektiven Charakter. , Die Literatur blieb Gemeinscliaftsgut. Sie blieb Volksgut, auch da, wq einzelne Persönlichkeiten ihre Autoren waren. Man kann es an Beispielen illustrieren: Die Bibel ist gewiß ein Kunst-Epos ersten Ranges. Ieh will hier von bibelkritischen Fragen absehen. Aber auf den ersten Blick scheint es doch, daß es die Persönlichkeit einzelner großer Menschen war, die bei der Gestaltung dieses Werkes mitgewirkt haben. Und was wissen wir über die Autorschaft der Bibel? Nichts! Das jüdische Volk, in seinem kollektiven Charakter, hat dieses einmalige Werk geschaffen und nicht irgend eine. Einzelpersönlichkeit dieses Volkes. Man nehme etwa das Buch der „Richter“, die Bücher „Samuel“ lind die Bücher der „Könige“ oder gar die zarte, lyrische Idylle des Buches „Ruth“. Wer hat dieses Geistesprodukt geschaffen? Wir wissen es nicht. Das jüdische Kollektivum zeichnet dafür verantwortlich. Man nehme das schönste Geistesprodukt des antiken Judentums, „Das hohe Lied“, — das doch zweifellos von einer sehr genialen Dichterpersönlichkeit mit einer starken Gestaltungskraft menschlichen Empfindens und menschlicher Liebe geschrieben wurde — und auch dieses Werk weist auf seinem Titelblatt keinen Namen eines Autors auf. Dasselbe gilt vom Buch der „Psalmen“. Dieses Buch zieht das Zarteste und Intimste im Privatleben des Menschen in seinen Behandlungsstoff. Und trotz dieses individuellen Charakters hat nur das jüdische Kollektivum dieses Buch geschaffen. Ja noch mehr. Auch den Autoren der beiden philosophischen Werke „Hiob“ und „Kohelet“, — Werke, die schon ein reifes Produkt der dritten Entwicklungsstufe sind, also bei jedem anderen Volk zur „persönlichen“ Literatur zählen würden, — fiel es nicht ein, uns ihren Namen zu überliefern und die Werke für sich in Anspruch zu nehmen. Das Individuum tritt auch hier noch vor dem Kollektivum zurück. Zwar weisen einige Prophetenbücher individuelle Namen auf. Aber diese Namen fungieren nicht als Autoren, sondern als Titel gesammelter Reden eines von Gott gesandten Menschen, dessen Worte gewöhnlich von Schülern nachgezeichnet und abgeschrieben wurden. Und es kam auch der späteren Tradition nicht mehr darauf an, verschiedene Partien prophetischer Reden unter irgend einen Namen zu vereinigen. (Man denke an die Kompositionen des Buches „Jesajah“ und an die Problematik um Jesajah I. und Jesajah II.). Das Vorherrschen des Kollektivgedankens ging in der Entwicklung unserer Literatur sogar so weit, daß man diesen Gedanken zu einem Postulat erhob. „Gott, die Thora und das jüdische Volk stellen eine Einheit dar“, so lautete ein Wort unserer alten Tradition. Alles, was diesen Dreibund stärkte, wurde kanonisiert. Alles Ändere blieb draußen Und war der Vergangenheit anheim gefallen. Nur so ist es zu verstehen, daß das Buch der „Sprüche“ in den Kanon aufgenommen wurde, während das Werk Ben-Siras, das denselben Charakter trug, jenseits des Kanons blieb, vergessen ward und erst in der neueren Zeit wieder entdeckt wurde. Das größte klassische Beispiel dieser Mächtigkeit des Kollektivgedankens im Judentum bietet aber der Talmud selbst. In dieser Zeit verstand die Masse des Volkes nicht mehr das Hebräische. Nur die oberen Schichten sprachen hebräisch, die Masse dagegen aramäisch.^ Und das jüdische Volk verzichtete diesmal auf die streng nationalen Belange des Hebräischen und schrieb den Talmud — selbst das eklatanteste Beispiel für eine kollektive Schöpfung — in aramäischer Sprache. Gewiß ist das Aramäische eine Schwestersprache des Hebräischen gewesen, sodaß es dann zu einer zweiten nationalen Sprache erhoben wurde, trotzdem »beweist die Tatsache, daß der Talmud zum großen Teil aramäisch geschrieben ist, die ungeheuere Macht des