Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-06-01 · 6 (1.6.1935) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
6 (1.6.1935)
Date
1935-06-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/10279732-10021717-10021674--188-3980937
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

das ist nicht in deinem Garten gewachsen“, so können wir das mit dem Zusatz akzeptieren, daB Gottes Gesetz überhaupt in keines Volkes, in keinem menschlichen Garten gewachsen ist. Was uns Juden verbleibt, ist nicht etwa ein Stolz, daB gerade wir gewürdigt wurden, dieses Gesetz zu verbreiten, sondern vielmehr die Demut vor dem Mysterium dieser unbez weif eibaren historischen und darum realen Erwählung — mit „ihrer Beglückung und mit ihrer Last“, — wie der jüdische Dichter Beer-Hofmann seinen Jaakob sagen läBt. Denn wahrlich, das kann nicht oft genug wiederholt werden: so wie dies Gesetz uns Menschen will, so sind die Menschen nicht, so sind auch wir Juden keineswegs-aber da wir es sind, denen unter allen Menschen dies Gesetz anvertraut ward, so sindwir ihm doppelt verpflichtet, als Menschen und als Juden, und werden für jeden — doch nur rein menschlichen — Abfall doppelt gestraft. Das ist der tiefe Sinn unserer Sonderstellung unter den Völkern. Dem allgemeinen, für alle Menschen aller Völker und Zeiten gültigen Gesetz „Töte nicht, stiehl nicht, verleumde nicht, sei nicht neidisch“ usw. steht voran: „Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus Aegypten führte.“ So sind wir von allen Menschen und Völkern deutlich abgegrenzt, überall sichtbar wie die Tafeln Gottes in unsern Tempeln; alles, was allen Menschen geboten, uns ist es zweimal befohlen (als Menschen und als Juden) und: „Von allen Geschlechtern der Erde habe ich nur euch erwählt, aber auch nur an euch werde ich heimsuchen all eure Sunden“ — dieses Wort des Propheten Amos enthält die ganze ..Last“ unserer Erwählung, denn, wir dürfen es so abwandeln: werden auch andere Sünder gestraft, so werden wir stets zwiefach gestraft, und als Ganzes, als geschichtlich verpflichtete Gemeinschaft können überhaupt „von allen Geschlechtern der Erde“ nur wir Juden abfallen, nur wir daher auch heimgesucht werden, und jede Sünde des Einzelnen unter uns wird unserer Gesamtheit zur Last gelegt, denn jeder Sünder in Israel ist Beweis, daß es uns nicht gelang, nach dem uns gegebenen Gesetz unsere Menschen zu prägen. Was hilft der Hinweis, daß auch die übrige Menschheit nach diesem Gesetze nicht geprägt ist —: uns ward es zweimal gegeben, als Menschen und als „Priestervolk“; Priestertum beginnt zuhause, möchten wir in Abwandlung des bekannten englischen Sprichworts sagen. Und mit dieser Erkenntnis halten wir den Hebel, der die Last der Erwählung in Beglückung umwandelt. Denn, wie wir schon eingangs sahen, das Gesetz geht auf das Leben, und es bleibt die jederzeit schwerste und deshalb zugleich höchste Aufgabe, daß der Einzelne sein persönliches Lebensrecht mit dem seines Nächsten in Einklang bringe. Daß er sich einordnet und erkennt: erst wenn auch mein Nächster und wenn alle ihr Leben haben, erst das ist das wahre und auch mein wahres Leben. Die Sehnsucht nach solchem Leben schlummert in allen Menschen, aber — so wie Sünde und Abfall in Israel stets doppelt zählten — so war, infolge der besonderen geschichtlichen Verpflichtung und infolge des besonderen Schicksals, auch diese Sehnsucht in Israel stets doppelt rege. Am gleichen Feste, an dem wir das strenge, göttliche Zehnwort vom Sinai lesen und an dem in manchen Gemeinden aus den alten Memorbüchern die Liste der Märtyrer verlesen wird, also die Namen derer, die um Israels verpflichtender Erwählung willen ihr Leben hingaben, am gleichen Fest schmücken wir unsere Häuser mit frischem Grün und duftenden Blumen, halten ein durchaus erdhaft verstandenes Erntefest und lesen das Buch Ruth, „das lieblichste kleine Ganze, das episch und idyllisch überliefert worden“ (Goethe, Westöstlicher Divan). So vermählt sich das Göttliche mit dem Menschlichen und macht es heilig. „Boas kommt auf das Feld zu seinen Schnittern. Das erste ist, er begrüBt sie: Gott mit Euchl und sie antworten: Gott segne Dich! Ich glaube, daB man nicht fehlgehen, wird, wenn man behauptet, niemals wäre es einem römischen Latifundienbesitzer eingefallen, wenn er auf das Feld zu seinen Arbeitern gekommen wäre, sie zu grüßen; auch keinem griechischen Sklavenhalter, jemals einen Gruß an seine Sklaven zu richten.“ Mit diesem Hinweis zeigt kein Geringerer als Moritz Lazarus die Tatsache auf, daß wir Juden dennoch und trotz aller natürlichen Unzulänglichkeit vom Gesetz geprägt sind. Denn das, was in diesen Worten über Boas nur angedeutet wird, lebt unzerstörbar in der jüdischen Gemeinschaft fort. Es ist der gleiche Geist, der die Worte auf die Sinaitafeln schrieb, diese alten Worte auf die immer wieder neuen Tafeln, und der die alte Sehnsucht in jedes der immer wieder neuen Menschenherzen schrieb. Tragen wir Juden zwiefache Schicksalslast: wir brauchen nur zu fragen nach dem, was das Wesen dieser Last ist — und dann freilich nach so gewonnener Erkenntnis unser eigenes Leben zu gestalten — dann wird alle Last uns leicht, dann sehen wir, daß wir — inmitten aller unserer Armut — den Reichtum neuer Aufgaben haben. Das für alle Menschen und Zeiten gegebene Gesetz, es bleibt das bekannteste, das schlechtweg berühmteste aller Worte, aber es will noch mehr werden, es will nicht länger Wort, es will Wirklichkeit werden. In diesem — wiederum verpflichtenden, wiederum uns verpflichtenden — Sinne wendet es sich heute, an seinem eigenen Offenbarungsfest, das aber auch das jüdische Offenbarungsfest ist, wieder an uns. Als die deutlich abgezeichnete Gemeinschaft dieses Gesetzes sind gerade wir das heimgesuchteste von allen Geschlechtern der Erde. Das ist die Last unserer Erwählung. Aber solange es eine Geschichte gibt, kamen alle wahrhaft Berufenen noch stets aus der Armut. Nur müssen sie sich wach machen, den Ruf zu hören, müssen leben, „wie ihr Gesetz es befiehlt“. Dann werden sie durch Erwählung Beglückte. Das Gottesgesetz gilt für alle Völker und Menschen, doch nicht den in Wohlstand und Zivilisation seßhaften Völkern, nicht den damaligen Großmächten Aegypten und Babylon ward es gegeben, sondern einem Volk, das auf Wanderschaft war und in der Wüste. So ist es auch heute —: man kann in der Wüste zugrundegehen, rascher als anderwärts, und man kann gerade dort, deutlicher als sonst überall, das göttliche Gebot empfangen. Die Entscheidung aber ist in unsere eigene Hand gelegt: „Du bist erwählt, nur solang du zu tausend Pflichten selbst dich wählst.“ (Beer- Hofmann, „Der junge David“) Diese Einsicht löst nicht unsere praktischen Nöte, aber sie macht unser Leid sinnvoll, hilft Tragen und weckt neue Hoffnung. Denn nur Leid ohne Sinn führt in Verzweiflung; wer aber weiß, wofür er leidet, der hält in diesem „'Wofür“ bereits die Verheiß\mg der Zukunft. „Kijem sö ma schekatub basö — zu erfüllen, was in der Lehre steht.“ Erfüllen wir’s, so wird es erfüllt; wird es erfüllt, so wird es auch an uns erfüllt. 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.