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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-05-01 · 5 (1.5.1935) · p. Seite 7

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
5 (1.5.1935)
Date
1935-05-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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bürokratischen Apparates, der allmählich zu einer enormen Belastung der jüdischen Gesamtheit führt. Die Aufgaben, denen die Gemeinden heute gegenüberstehen, wie: Wirtschaftshilfe, Rechtsschutz, Berufungsberatung und -ausbildung, Arbeitsbeschaffung erfordern eine völlige Umgestaltung der Etats der Gemeinden und eine Verlagerung auf jene Gebiete, die lebenswichtig sind. Noch ist es Zeit, sehr vorsichtig zu beginnen, weil die finanzielle Bewegungsfreiheit der Gemeinden, namentlich in den Großstädten einen allmählichen Umbau der Etats ermöglicht. Wenn aber erst die finanziellen Verhältnisse derart sein werden, daß sie Einschränkungen erzwingen, wird es für eine planmäßige und vorsichtige Umstellung der Etats zu spät sein. Dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und den jüdischen Landesverbänden in den übrigen deutschen Ländern erwächst hier die vielleicht wichtigste und verantwortungsvollste Aufgabe, denn die Umgestaltung der Etats kann nicht nur eine äußere Veränderung der Zahlen sein, sie muß von dem inneren Willen der gesamten Judenheit getragen werden, und das kann nur auf dem Wege einer erzieherischen Beeinflussung erreicht worden. * Diese Bemerkungen erschöpfen die Probleme unserer Wirtschaftssituation keineswegs; sie sollten nur beispielhaft einige Wege zeigen, die gegangen werden müssen, wenn die jüdischen Gemeinden in Deutschland trotz der offensichtlichen Verarmung erhalten werden sollen. Nicht pessimistische Schwarzseherei, noch weniger aber noch so gut gemeinter Optimismus können uns in dieser Zeit helfen. Nutzen kann nur die klare > Erkenntnis der Situation, in der wir uns befinden, und die ernsthafte Umstellung auf die viel schwierigeren Verhältnisse, unter denen wir in der Zukunft werden leben müssen. Chronik des jüdischen Lebens Macht man den Versuch, den nun hinter lins liegenden Monat nach einem einheitlichen Kennzeichen zu benennen, so wird inan sagen müssen, daß es ein Monat der Erinnerungen gewesen ist. Der Eiinnerungen, nicht der „Jubiläen“, denn so wie auch unser soeben verklungenes Peßachfest und wie überhaupt jede jüdische Gebetstunde secher l'zlath Mizrajim, „zum Andenken an den Auszug aus Aegypten“ begangen wird, so feiern wir Juden auch Jubiläen wahrhaftig nicht aus irgend einer unzeitgemäßen Vergnügungslust, sondern weil sie uns durch ihre Beziehung auf die Geistesgeschichte des Judentums und der Menschheit Erhebung und Aufrichtung bringen. Man kann gew-iß seine Glossen darüber machen, daß die Maimo- .nides-Feier in Cordoba mit einem Stierkampf abschloß; aber das ist nun einmal spanische Nationalsitte, und es muß uns Juden doch wie eine Rechtfertigung vor der Geschichte erscheinen, daß in dem Lande Ferdinands und Isabellas das Andenken an Rabbi Mose ben Maimon als das eines der erlauchtesten Geister der Menschheit in offizieller Staats- und Nationalfeier begangen wurde! Die Ereignisse von 1492 sind durch den Mann von 1135 überwunden worden, und dieser Mann war ein Geislesheld im Dienste unseres Gottes! Die zahllosen wissenschaftlichen Arbeiten, die aus Anlaß der in allen Ländern und Erdteilen, insbesondere auch von den Universitäten veranstalteten Maimonides-Feiem veröffentlicht worden sind, haben aufs neue dargetan, wieviel dieser eine Mann für die Entwicklung ganzer Jahrhunderte beigetragen hat, zeigt sich doch nicht nur die jüdische Geisteswelt, sondern auch die des Islam und die Religionsphilosophie des Christentums durch das Werk des Maimonides tief beeinflußt. Wir sind darauf nicht stolz, denn wir wissen genau, daß die Verdienste unserer Großen nicht unsere eigenen Verdienste sind; aber wir fühlen uns dennoch gerechtfertigt, wenn es, ebenso wie an unserer jüdischen Bibel, auch an den Werken unserer nachbiblischen Männer sichtbar wird, daß der Geist des Judentums seinen Wert für die ganze Menschheit hat. So ergibt sich für das nur zufällige und darum äußerli cdi e Zusammentreffen zweier Jubiläen ganz von selbst ein innerer Zusammenhang —: wie das Schaffen des Maimonides für die ganze Menschheit segenvoll gewesen ist, so wird auch die Forscher- und Bildungsarbeit an der Universität Jerusalem nicht nutzlos sein, und so war der Tag ihres zehnjährigen Bestehens ein Ereignis, an dem niemand vorübergehen durfte. Die Judenheit in allen Ländern, aber keineswegs nur die Judenheit, hat dieses Ereignis gefeiert, handelt es sich doch um ein Kulturwerk von symbolhafter Bedeutung und — wie jetzt schon feststeht, wie wir aber für die Zukunft noch weiterhin erhoffen — von weithin sichtbarer Wirkung. — Aber es gab noch ein weiteres Jubiläum, das allgemeine Beachtung verdient und gefunden hat. Die „Jüdische Reformgemein de“ in Berlin beging den Tag ihres neunzigjährigen Bestehens. Längst sind die Zeiten, vorbei, in denen man geglaubt hat, die Reformbewegung sei „unjüdisch“ und führe aus dem Judentum heraus. Wie die „Gesetzestreuen“ durch Bewahrung aller Formen das Judentum erhalten wollen, so will es die Reformbewegung dadurch, daß sie die ewigen Gedanken des Judentums in den jeweils zeitgemäßen Formen darstellt, und das ist ihr auch gelungen. Die Berliner Großgemeinde, Landesverband, Reichsvertretung und viele jüdische Körperschaften haben an dem Festgottesdienst teilgenoinmen und dadurch ihr Verständnis für die Tatsache bekundet, daß die Berliner Reformgemeinde, als Muttergemeinde zahlreicher Reformgemeinden besonders in Amerika und Australien, viele Tausende von Menschen und damit ganze Generationen beim Judentum gehalten..hat, die ohne die Reformbewegung uns längst verloren wären. — Kein Jubiläum, kein Erinnerungsfest, aber doch auch ein Fest war ein weiteres Ereignis der jüngstvergangenen Wochen: die zweite Makkabiahin Tel Aviv. Sie brachte hervorragende sportliche Ergebnisse, an denen auch eine Anzahl von Teilnehmern aus Deutschland beteiligt war. Allgemeine Beachtung fand die feierliche Verpflichtung der deutschen Makkabiah-Teilnehmer, die vom Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde, Herrn Direktor Stahl, vorgenommen wurde und bei der zum Ausdruck kam, daß im Gegensatz, zur Olympiade, die einen internationalen Wettbewerb darstellt, die Makkabiah eine rein jüdische Kundgebung ist, an der die Hand in Hand mit der geistigen Erneuerung gehende körperliche Ertüchtigung der Juden erkennbar wird. Handelt es sieh bei allein Vorgenannten um Dinge, die das jüdische Geistesleben betreffen, so soll doch auch in einer kurzen Ueberschau der materiellen Lage der Juden gedacht werden. Allerdings: wie die Geisteserrungenschaften in die Wirklichkeit eingreifen, so ist umgekehrt die Wirklichkeit vom Geistesleben her gestaltet und wirkt auf dieses zurück; die Dinge lassen sich nicht immer trennen. Dafi z. B. von manchen Stellen und Persönlichkeiten in Deutschland die BeNvegung, bei Juden nicht zu kaufen und mit ihnen keine Geschäfte zu machen, wieder stärker propagiert wird, betrifft unsere materielle Existenz; wollen wir aber einen vollständigen Bericht über unsere Lage geben, so werden wir auch gewisse kulturelle Erscheinungen aufzählen müssen wie etwa die Umbenennung der Mendelssohnstraße in Dessau — Dessau ist Moses Mendelssohns Geburtsort — in Sebastian Bachstraße und weitere zahlreiche Straßenumbenennungen in Frankfurt a. M. (darunter u. a. die bisherige Heinestraße, Börnestraße usw.). Auch die Wiedereinführung der Wehrpflicht in

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