Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 5 (1.5.1935)
- Date
- 1935-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Bemerkungen zur Wirtschaftslage der deutschen Juden Von S. Adler-Rudel, Berlin. Das deutsche Judentum befindet sich in einer so eigenartigen Situation, daß es hierfür kaum eine Parallele gibt. Die Ausgliederung aus den verschiedenen Berufen ist bisher noCli nicht abgeschlossen; noch immer ist nicht zu übersehen, welche Grenzen unserer Betätigung in der Wirtschaft gezogen sein werden. Diese Unsicherheit sowie die immer fortschreitende Ausgestaltung des ständischen Aufbaus der Wirtschaft, in deren Verlauf das Arierprinzip zuweilen auch dort angewendet wird, wo es auf Grund der bekannten Erklärung des Reichswirtschaftsminislers keine Anwendung finden soll, erschwert jede Planung für die wirtschaftliche Betätigung der Juden. So wenig also wir heute schon in der Lage sind, den uns zur Verfügung stehenden wirtschaftlichen Lehensraum zu übersehen, so sicher ist es für jeden Einsichtigen, daß es das Gebot der Stunde ist. sich jetzt schon darüber klar zu sein, daß sowohl die jüdische Gesamtheit als auch jeder Einzelne von uffS sich auf einen Lebensstandard einrichten muß, der weit unter dem bisherigen sein wird. Diese Erkenntnis, die sich aus den Umständen ergibt, unter denen wir heute leben, scheint jedoch noch nicht jene Verbreitung gefunden zu haben, die erforderlich ist. wenn wirklich ernsthafte Konsequenzen aus ihr gezogen werden sollen. ■* Vorsorge* für die wirtschaftliche Zukunft unserer Jugend wirij allgemein als die dringlichste und wichtigste Aufgabe angesehen. Die Idee der Berufsumschichtung hat sich trotz mancher Mißverständnisse und Widerstände zumindest so weit durchgesetzt, daß überall die Notwendigkeit klar erkannt worden ist. den größten Teil der jüdischen Jugend handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufen zuzuführen. Dabei wird jedoch zumeist übersehen, daß es sich l>ei der Ueberfiihrung der Jugend zu manuellen Berufen nicht nur um die Frage der Aneignung manueller Fähigkeiten handelt, sondern daß die handwerkliche und landwirtschaftliche Ausbildung dieser jungen Menscheu sie dazu führen wird, ein Leben als Arbeiter zu führen; dies bedeutet, daß ihr»* Lebenshaltung wesentlich anders sein wird als die des bürgerlichen Elternhauses, aus dem sie zumeist kommen. In den seltensten Fällen nur versieben es die Eltern der Kinder, die heute eine Lehrstelle in einem der neuen Berufe antreten, die Lebenshaltung ihres Hauses der Lebensform anzupassen, die der ihr»*r Kinder in der Zukunft entsprechen wird. Aus dem Unterschied zwischen der schweren Arbeit im Beruf, »lern Zusammensein mit den nichtjüdischen Arlteitskameraden und der bürgerlichen Lebenshaltung »1er Familie entstehen Spannungen, die die Entwicklung der jungen Menschen aufs schwerste l>eeinträchtigen und in ihnen das Gefühl gesellschaftlicher Minderwertigkeit wachrufen. Hier kann nur eine ganz radikale Umstellung der gesamten Lebenshaltung die schwersten Gefahren vermeiden. * Die Ueberfiihrung der Jugend zu manuellen Berufen erfolgt ja nicht nur. um die anormale Berufs- Struktur der Juden zu korrigieren, sondern auch unter dem Gesichtspunkt, die Jugend in Berufe zu bringen, die ihr überall in der Welt Lebensmöglichkeiten bieten. Ebenso klar ist es heute schon, daß ein erheblicher Teil der Jugend zur Auswanderung aus Deutschland, sei es nach Palästina, sei es nach anderen Ländern, gezwungen sein wird. Die Notwendigkeit zur Auswanderung fordert, daß junge Menschen darauf nicht nur beruflich, sondern auch innerlich vorbereitet werden. Dies kann nicht frühzeitig genug geschehen und nur durch eine Umstellung unseres Schulwesens in die Wege geleitet werden. Die bisherige Lernschule muß in eine Arbeitsschule umgewandelt werden; Werkunterricht und Fremdsprachen müssen zu einem wesentlichen Bestandteil des Unterrichtsprogramms der jüdischen Schule werden; der gesamte Geist der Schule muß davon getragen werden, daß es sich darum handelt, die Kinder für ein Leben schwerer Arbeit vorzubereiten. Sprachunterricht und zusätzliche Bildungsmaßnahmen für die bereits im Beruf stehende Jugend müssen beim Ausbau unseres Schulwesens die größte Beachtung finden. Daß die jüdische Schule durch die ganze Art ihrer Leitung in den Kindern das Gefühl des Zusammenhanges mit den Juden in anderen Ländern, unter denen sie später leben müssen, zu stärken hat, bedarf wohl in dieser Zeit keiner näheren Begründung. Radikale Umstellung der gesamten Lebenshaltung ist nicht nur eine Notwendigkeit, um der Jugend den Uebergang zu einem anderen und schwereren Leben zu erleichtern; sie liegt auch im wohlverstandenen Interesse jener Familien, die heute noch materiell in der Lage wären, ihren Lebensstandard in der altgewohnten Form aufrecht zu erhalten. Im weiteren Verlauf der Entwicklung muß sich mit fast mathematischer Sicherheit eine wesentliche Verminderung der Einkommen des jüdischen Bürgertums vollziehen. Wirtschaftliches Denken gebietet es, diesen unabänderlichen Prozeß rechtzeitig zu er- .kennen und durch bescheidenere Lebensführung und Verminderung der Ausgaben auf jene Annehmlichkeiten des Lebens zu verzichten, die unentbehrlich erscheinen, solange man sie sich leisten kann; um rechtzeitig für jene Zeit vorzusorgen, in der sich der bisherige Aufwand auch materiell nicht mehr aufrecht erhalten läßt. Dies erkennen, heißt gleichzeitig wissen, daß man die Wandlung der Verhältnisse nur dann ertragen kann, wenn man die Senkung des Lebensstandards nicht als persönliches Unglück empfindet. sondern als Opfer, das man als Teil einer Gemeinschaft bringen muß, die die besten Jahre ihres Lebens in Wohlstand und Ruhe gelebt hat. ★ Ebenso wie die Senkung des Lebensstandards des Einzelnen zu einer gebieterischen Notwendigkeit wird, muß auch mit aller Deutlichkeit ausgesprochen werden, daß es jüdische Organisationen und Gemeinden gibt, die den Ernst der Zeit nicht ganz erkennen. Auch hier muß eine tiefgreifende Veränderung und Umgestaltung erfolgen. Es muß Klarheit darüber geschaffen werden, welche Organisationen und Vereine keine Lebensberechtigung mehr haben, seitdem die Gemeinden einen großen Teil der Aufgaben, die bisher von diesen Organisationen erfüllt wurden, übernommen haben. Der übertrieben große Verwaltungsapparat jüdischer Organisationen muß schärfster Nachprüfung unterzogen werden. Nichts wäre schlimmer in dieser Zeit als eine Vermehrung des