Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 5 (1.5.1935)
- Date
- 1935-05-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Geschöpfe enthüllen durfte. Eine ganz unvergeßliche Type war z. B. das geistig tuende alberne Frauenzimmer in Schnitzlers „Literatur“. Doch zuweilen, namentlich, bei dem artverwandten Schnitzler, gelangen ihr auch weibliche Gestalten der Klage und Trauer von unbedingt echter Einfachheit. Etwas später, unmittelbar in der Zeit nach dem Kriege, konnte man auf der Berliner Bühne diesen Typus der österreichischen Jüdin in sehr interessanten verschiedenartigen und verschieden wertigen Abwandlungen nebeneinander sehen. Da war Marie Orska, die eigentlich ganz anders und sehr östjüdisch hieß, und die den Reiz ihrer gebrechlich zarten Person und ihrer kätzchenhaften dünnen Stimme immer mehr zu groben, bequemen, äußerlichen Wirkungen verbreitete. Und daneben trat bald Elisabeth Bergner, die ein sehr ähnliches körperliches Material mit sehr viel mehr Anmut und Geist zu Wirkungen höherer Art nutzte und Jahre lang ganz Berlin and später, durch den Film, auch ganz Deutschland entzückte. Freilich zeigte sich als eine gewisse Schwäche det Begabung auch bei der Bergner ein frühzeitiges Nachlassen der Arbeitskraft, ihre Sprachgebung wurde immer undeutlicher statt schärfer, und nach gelegentlichen Mißerfolgen floh sie die Bühne ganz und arbeitete nur noch im Film. — Daneben aber gab es nun eine dritte Künstlerin, die eine wiederum sehr ähnliche gebrechlich zarte und nervöse Körperlichkeit zur vollkommenen Meisterschaft entwickelt hat. Das war Fritzi Massary, die eine Klugheit und eine Arbeitskraft für ihr Werk einzusetzen vermochte, die an die Sarah Bernhardt erinnerten. Sie war zunächst Operettensängerin; aber nicht ihre Stimme war das Außerordentliche, sondern der Geschmack, das Geschick, die Sicherheit, mit der sie dieses zarte Material zu unwiderstehlichen Wirklingen benutzte. In Revuen und Operetten, die an sich meist höchst gleichgültig waren, hat der Charme, der Witz dieser Künstlerin Jahrzehnte lang die Berliner Gesellschaft bezaubert, und später hat sie auch im Schauspiel gezeigt, über wieviel reife, zart und stark fühlende Menschendarstellungskunst sie verfügt. Variationen dieses Typs gab es noch manche: so die ganz kleine Lin Rosen, deren wild hysterische F'lamme wohl sehr früh abgebrannt ist. Berlinische und vielleicht deshalb kräftigere Variationen des Typus erschienen in Grete Mosheim und Lucie Mannheim, deren Talent sich vom tiefsten Ernst bis zur ausgelassensten Heiterkeit spannte, vom Trauerspiel bis zur Operette. (Beide Künstlerinnen, ebenso wie die Bergner, wirken jetzt in London an der englischen Bühne.) — Aber es gibt noch einen ganz anderen Typ jüdischweiblicher Schauspielkunst, der nicht im mindesten zartknochig, nervös und erotisch reizvoll ist. Es gibt den Typ der jüdischen Mutter, die durch die breite Fülle ihrer Lebendigkeit durch die unerschütterliche Sicherheit jeder Lebensäußerung wirkt, bald komisch, bald tragisch. Eine sehr interessante und geistreiche Künstlerin dieser Art hatte sich in Berlin aus Ilka Grüning entwickelt, die auch eine vorzügliche Lehrerin der Schauspielkunst ist. Noch derber, breiter, urwüchsiger war und ist GiselaWerbezirk in Wien, die ungeheure Massen einer schwappenden Körperlichkeit mit grotesker Würde einherträgt. Aber neben der oft überwältigend komischen Wirkung hat die Werbezirk in den Volksstücken jüdischen Milieus, die sie am liebsten spielt, auch oft genug Gelegenheit, sehr rührende, sehr ergreifende Töne besorgter oder gekränkter Mütterlichkeit anzuschlagen. Die stärkste Persönlichkeit aber, die in dieser breiten weiblich schweren Art der deutschen Bühne aus jüdischem Blut erwuchs, das ist zweifellos Rosa Valetti. Sie ist gescheit wie die Grüning und komisch wie die Werbezirk, aber sie ist über beide hinaus eine dämonische Person, von der ganz unheimliche Wirkungen ausgehen können. Mittel groß, breit gebaut, mit einem starkknochigen Gesicht und brennend roten Haaren ist sie eigentlich durchaus das, was man „häßlich“ nennt; aber die innere Kraft macht in Ausbrüchen der Leidenschaft wie der sanften Duldung dies Gesicht zuweilen wahrhaft schön. Die Valetti hat jene Kunst der Ruhe, des Abwartenkönnens, der Begrenzung jeden Ausdrucks auf das wirklich Notwendige, von der alle Meisterschaft kommt. Ihre größten komischen und Rosa Valetti fb». Mac Watt»n, Berlin I höchsten tragischen Wirkungen wurzeln in diesem Vermögen. Sie spielt etwa in Bruno Franks „Sturm im Wasserglas“ die Blumenfrau, um deren geliebten Hund vor Gericht gekämpft wird. Der Staatsanwalt spricht höchst abfällig von diesem Köter. Die Valetti ist ganz Empörung, aber sie verzieht keine Miene, sie streicht nur einmal leicht mit der Hand über ihren beleidigten vierfüßigen Liebling und sagt in einem völlig erledigenden Tone: „Hör jarnich hin!“ Und rührender und komischer zugleich kann sich gekränkte Liebe kaum äußern als in diesen aller sparsamsten Zeichen! — Und die Valetti spielt in dem französischen Reißer „Die fremde Frau“ jene Mutter, die, vor Gericht des Mordes angeklagt, im allerletzten Moment erfährt, daß der junge Verteidiger, den man ihr von Amtswegen gegeben hat, ihr vor langen Jahren verlassener Sohn ist. Die Valetti hat den ganzen Akt starr dagesessen, versteinert, entseelt und plötzlich bricht aus ihrem Munde ein Schrei — ein langer, endloser, furchtbarer Schrei, der den. Raum zu sprengen, der alle Menschen niederzuwerfen scheint, der uns die Seele aus dem Leibe reißen will. — Man hat in der Theatergeschichte nach den Ausbrüchen der großen Burgtheatertragödin das Wort „Wolter-Schrei“ geprägt. Der Schrei der Charlotte Wolter kann nicht erschütternder gewesen sein als der der Valetti in einem solchen Augenblick. So ist es am Ende doch nicht wenig, was auch das deutsche Theater durch die Teilnahme jüdischer Schauspielerinnen empfangen hat. Inzwischen gelangen ja am jiddischen Theater, wie an der hebräischen Habima, und neuerdings auch an den abgegrenzten Kulturbundbühnen Deutschlands jüdische Talente, auch von Frauen, zu selbstständiger Entfaltung. Aber was die große europäische Bühne von der Rachel bis zur Valetti vom Werk jüdischer Schauspielerinnen aufnahm, das wird aus der allgemeinen Kunstgeschichte doch keineswegs leicht wegzudenken sein.