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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-05-01 · 5 (1.5.1935) · p. Seite 4

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
5 (1.5.1935)
Date
1935-05-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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die sie halb aus der Naivität ihres unbeherrschten Temperaments, und halb aus sehr planvollem Reklamebedürfnis immer wieder verursachte. Kontraktbrüche und Prozesse und wilde Szenen mit eifersüchtigen Kolleginnen und eigene Elisa Rachel Theatergründungen — das war noch das wenigste. Aber dann stand ihre Wohnung in Flammen! Dann ging sie in London auf den Straßen mit einem kleinen Panther spazieren! Dann ließ sie sich auf dem Rücken eines Walfisches in Amerika photographieren! Dann trat sie als Bildhauerin und Malerin auf. Dann spielte sie, fast siebzigjährig, eine Jünglingsrolle. Dann ging sie rezitieren in die Schützengräben. Dann ließ sie sich ein Bein amputeren und spielte immer noch. Und so füllte sie die Zeitungen Europas bis zum letzten Tag ihres langen Lebens mit ihrer schauspielerischen und ihrer Privatperson zugleich. — Aber trotzdem war diese aufs äußerste gesteigerte Reklamekunst doch mehr als eine verwerfliche Mache, sie war das vielleicht nur unvermeidliche negative Produkt einer auch im schöpferischen Sinne übermächtigen und ganz und gar vom Theater besessenen Persönlichkeit. Wer die Sarah Bernhardt gesehen hat, wie sie fast siebzigjährig auf die Bühne kam, um die fünfundzwanzigjährige Margueritte Gautier, die Kameliendame, zu spielen, und wer erlebt hat, wie die Kluft des Körperlichen, die zwischen der Gestalt und der Darstellerin zuerst ganz unüberwindlich schien, sich plötzlich schloß, wie der Klang der Stimme, die Bewegung des Gesichts und des Körpers dieses Wesen auf der Bühne jung machte, — jung, schön, liebend, leidend und hinreißend, wer dieses wirkliche Wunder innerlicher Verwandlung erfahren hat, der weiß, daß die Sarah Bernhardt eine ganz große Schauspielerin war und mit Recht ein halbes Jahrhundert lang den Ruhm des französischen Theaters durch die Welt trug. Auf der deutschen Bühne treten merkwürdigerweise die jüdischen Schauspielerinnen nicht so früh und nicht ganz so überragend hervor. In der Theatergeneration vor 1870 ist eigentlich nur eine berühmte deutsche Schauspielerin verbürgt jüdischer Herkunft, das istZerline G a - b i 11 o n , die Gattin des berühmten Charakterspielers vom Wiener Burgtheater und selbst lange Jahre unter Laube und seinem Nachfolger ein hervorragendes Mitglied dieser ersten deutschen Bühne. Sie hieß von Geburt Würzburg und ist in Güstrow in Mecklenburg aufgewachsen. Ihr Theatertalent entwickelte sich ganz früh und entfaltete sich schließlich in einem Fach, das man in der Theater- ' spräche „die scharfe Dame“ nennt Das waren nicht Heroinen und nicht Liebhaberinnen, aber es waren die großen, eleganten, bald bösen bald liebenswürdigen Intrigantinnen des Salons im modernen Lustspiel, aber auch aus klassischem Bereich, Shakespeares Porzia oder Schillers Gräfin Terzky. Als eine vollkommene Meisterin des scharf geschliffenen Dialogs und der unauffällig leisen und festen Charakteristik scheint Zerline Gabillon hier Außerordentliches geleistet zu haben. — Wahrscheinlich hatte sie in ihrem Wesen manche Aehnlichkeit mit der Rosa Bertens, die ein Menschenalter später in Berlin diese „scharfen Damen“ spielte und erst vor kurzem gestorben ist. Auch sie, eine außerordentliche Sprecherin, die Schnelligkeit und Schärfe der Akzentsetzung verbinden konnte, und die vom französischen Salon zu den bedrohlichen Weibsnaturen Ibsens und Strindbergs und sogar bis zu dem mächtigen Pathos griechischer Heroinen wie Klytemnästra und Kassandra ihre Kunst ausdehnen konnte. Freilich immer eine Kunst, die aus gemessenem Abstand klar, klug und scharf das Ziel traf, keine Kunst letzter Lebenswärme, mehr vom Bewußtsein beherrscht als vom Gefühl. Erst um die letzte Jahrhundertwende' trat dann in Deutschland ein ganz anderer Typ jüdischer Schauspielerinnen sehr eindrucksam hervor. Sie stammten meistens aus der Wiener Leopoldstadt, zuweilen freilich auch aus mehr östlichen Gegenden der österreichischen Monarchie. Die mächtige, tief verwurzelte Theaterkultur Wiens wirkte jetzt zündend auf die Nerven einer ganzen Generation jüdischer Frauen. Sie waren sich merkwürdig ähnlich, meist nicht groß, alle sehr zart, mit dünnen Knochen und hoher Stimme und vor allem mit außerordentlich labilen Nerven. Am frühsten trat von diesem Typus Irene Triesch hervor, die zuerst in Frankfurt a. M. Triumphe feierte und dann lange Zeit bei Otto Brahm in Berlin am Deutschen Theater und am Lessing-Theater an erster Stelle wirkte. Sie spielte die Frauengestalten von Ibsen und Hauptmann und Schnitzler mit einer Empfindlichkeit, die zuweilen ins Empfindsame überging, mit einem weich aus- Sarah Bernhardt gesponnenen Leidenston, der manchen zu sentimental scheinen mochte. Aber schlechthin Vollkommenes bot sie, wenn sie mit überlegenem Witz die Karrikatur der Empfindsamkeit liefern, das bloß Posierte sentimentaler 4

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