Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-05-01 · 5 (1.5.1935) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
5 (1.5.1935)
Date
1935-05-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/10279732-10021717-10021672--176-3980926
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

«TW' ' ’—r '■ ] ■ Kraft, dann wird die jüdische Gemeinschaft, um ihrer Selbsterhaltung willen, sich selber Zwangsmittel schaffen müssen. Bis zum Beginn unserer Emanzipation haben wir die Möglichkeit solcher innerjüdischen Zwangsmaßnahmen gehabt; sie wurde in Preußen erst durch das Generalprivileg vom Jahre 1750 und 1776 beseitigt; hoffentlich bleibt es uns erspart, jetzt, nach der Aufhebung gewisser, im Zuge der Emanzipation erworbener Rechte wieder zu Zwangsmitteln zu greifen, zu denen das jüdische Leben in seiner heutigen Gestaltung immerhin schon gewisse Handhaben bieten würde! Möchte solcher Zwang nimmer not werden. Selbstdisziplin ist besser und ist, mag die jüdische Wirklichkeit auch noch so anders aussehen. immer das jüdische Ideal gewesen. Auch die biblische Anforderung nach einem Leben als „Priesterreich und heiliges Volk“ ging über die Wirklichkeit, ja über die reale Möglichkeit weit hinaus. Und doch wurde dieses Ideal aufgestellt. Wollen wir uns geringere Ziele stecken als unsere Väter, die ja auch keine überirdischen Halbgötter waren, sondern lebendige Menschen wie wir? Die große Zeit, die wir jetzt durchleben — und insbesondere auch diese Wochen zwischen den Erinnerungsfesten an den Auszug aus Aegypten und an die sinaitische Offenbarung — zwingen uns zum Nachdenken über unser Leben. Dies Leben ist schwer; jeder von uns sucht nach einer Möglichkeit, es zu bestehen. Nun denn: nur wenn wir als Juden leben, werden wir leben. Jüdische Schauspielerinnen Von Julius Bab Mit einer jüdischen Schauspielerin muß es eigentlich ein merkwürdiges Bewenden halten, denn in ihr begegnen sich, verdoppeln sich und lösen sich gleichzeitig zwei Probleme. Die Frau und die Schauspielkunst — das ist ein Problem. Denn tatsächlich ist die Schauspielkunst die einzige, in der von Anbeginn die Frauen, nicht in Ausnahmefällen, sondern in der Regel, den Männern vollkommen ebenbürtig, Höchstes leisten. Die Juden und die Schauspielkunst — das ist das zweite Problem; denn hier liegt es ganz ähnlich: seit ihrem Eintritt in die westeuropäische Kultur haben die Juden in keiner andern Kunst annähernd so viel erstklassige Kräfte gestellt wie in der Schauspielkunst. Der Grund dürfte beide Mal im gleichen Wesen der Schauspielkunst und in einem gewissen Gegensatz zwischen weiblichem und jüdischem Urwesen liegen. Des Juden Art neigt nach tausendjähriger theologischer Erziehung zum kritischen Sondern, bewußtem Unterscheiden aller Daseinselemente — die weibliche Art ist es, aus der Einheit des Naturgefühls und der Zurückdrängung alles Gesonderten zu leben. Ein Kunstwerk aber entsteht, wenn ein starkes einheitliches Weltgefühl mit einem gesonderten Organ ergriffen wird: beim Maler mit dem Auge, beiin Musiker mit dem Ohr, beim Dichter mit dem Sprachsinn wird die Welt gesondert aufgegriffen imd gestaltet. Nun ist die Gefahr der Frau, im Gesamtgefühl zu haften und das kunstschaffende Organ nur selten zur Alleinherrschaft kommen zu lassen; die jüdische Gefahr ist umgekehrt, sich so ausschließlich in die Lust des besonderen Organs zu vertiefen, daß das Gesamtgefühl verloren geht. Deshalb gibt es unter weiblichen Künstlern so oft verschwommenen Dilettantismus und unter jüdischen so oft überspitztes Virtuosentum. Aber im Wesen der Schauspielkunst steckt etwas,' das beiden Gefahren wehrt! Die Schauspielkunst ist eine Urkunst, sie ist im Keim vorhanden noch ehe die gesonderte Entwicklung der künstlerischen Organe beginnt, sie beansprucht Aug und Ohr, Wort und Gebärde zugleich, sie arbeitet mit dem ganzen Menschen, mit Leib und Seele. Jene Spezialisierung, die der Frau so schwer fällt, in der der Jude so leicht zu viel tut, wird hier nicht verlangt, ja sie wird durch das eigentliche Wesen der Schauspielkunst unmöglich gemacht. Und darum gibt es hier so viel große weibliche und jüdische Künstler wie in keiner anderen Kunst, und darum müßten im Zusammentreffen des Jüdischen und des Weiblichen höchste Möglichkeiten liegen. Erfüllt ist diese Möglichkeit in erstaunlicher Weise in der Geschichte des französischen Theaters: die beiden größten Schauspielerinnen, die Frankreich im XIX. Jahrhundert besaß, die einzigen, die wirklich Weltruhm erlangten, waren Jüdinnen und merkwürdigerweise beides Jüdinnen deutscher Herkunft: die Kachel und die Sarah Bernhardt. Die Rachel hieß eigentlich Elisa Rachel Felix und wurde in der deutschen Schweiz geboren. In Mumpf, einem winzigen Nest .am Rhein (am 28. Februar 1821). Ihre Eltern waren ärmliche jüdische Handelsleute. Mit 19 Jahren kam die Rachel mit ihrer Schwester nach Paris und verdiente ein schweres Brot: sie sang in Kaffeehäusern. Aber ihre Stimme und mehr noch ihre Vortragskunst fielen auf; bald war ihr Talent entdeckt, sie wurde Schauspielerin, sie wurde 1838 Mitglied des Theätre Francais und 4 Jahre später (höchste Ehrung!) Soziäterin dieses Staatsinstituts. Sie eroberte ganz Europa mit Gastspielen; auf der Pfaueninsel bei Berlin erinnert ein schönes kleines Denkmal an die Sondervorstellung, die sie' dort dem preußischen Hof gab. 1853 ging sie daran, ihrem Ruhm auch Amerika zu unterwerfen, aber sie kam schwer krank zurück und starb 3 Jahre später_ bei Cannes — erst 37 Jahre alt. Es war eine wild lodernde Flamme, die so früh sich verzehrte. Nicht das mütterlich Milde, noch das liebend Zarte scheint ihr jemals bezwingend gelungen zu sein; aber Stolz, Wildheit, rasende Leidenschaft und Verzweiflung, das muß in einer Glut, in einer furchtbaren Wahrheit von ihr ausgeströmt sein, die Jedermann bis auf den Grund erschütterte. Phaedra, die verzweifelt Liebende, und Athalie, die mörderische Königin, waren nicht zufällig ihre berühmtesten Rollen. Diese schlanke, zarte Person flößte mit den Ausbrüchen ihrer Leidenschaft eine Bewunderung ein, die zuweilen jn Entsetzen überging. So heftig und steil.brannte dies Leben, um früh zu verlöschen. Die Sarah Bernhardt dagegen erreichte mehr als das Doppelte von Rachels Lebensjahren; sie wurde 79! Ihr Leben schlug nicht in so eindeutig steilem Pathos hoch wie das der Rachel, es nährte sich aus breiterem, weiterem Stoff. Ihre Kunst war vielleicht nicht so edel, aber sie war reicher. Die Sarah Bernhardt hieß eigentlich Rosalie Bernard, und ihr Vater war ein deutscher Jude aus Frankfurt an der Oder, der als Unternehmer mit allerlei kühnen Einfällen nach Paris ging. Die Tochter ist allerdings schon in Frankreich geboren und in einem Kloster aufgezogen (25. September 1844). Schon mit 18 Jahren erschien sie auf der Bühne, aber sie hatte zuerst mit ihrer grotesk mageren, spitzen Erscheinung durchaus keinen Erfolg. Ein paar Jahre später aber siegte ihr Genie — und nun wurde es die große Mode, so mager zu sein wie die Sarah Bernhardt! Und dann hielt diese Frau ein halbes Jahrhundert lang ganz Europa und Amerika in Atem, nicht nur durch ihre Kunst, sondern auch durch die Hunderte von Sensationen, 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.