Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 4 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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gegangen sei; wenn unter diesen Umständen alle in den letzten Jahrzehnten und Jahren entstandenen Organisationen unverändert fortbestehen, so bedeute das, daß die deutsche Judenheit ein Kleid trägt, das ihrem heutigen Umfange nicht mehr entspricht! Es müsse deshalb neben die Einschränkung aller Verwaltungen auch eine wirtschaftliche Planung des gesamten Gemeindelebens treten, als deren Vorarbeiten die überall vorzunehmenden Revisionen anzusehen sind. Die von diesen Maßnahmen betroffenen Organisationen und Gemeinden müssen aber einsehen, daß dies alles in ihrem höchsteigenen Interesse geschieht. Ebenso sei auch eine Inventarisierung des gesamten Vermögens aller Gemeinden notwendig, damit bei eintretenden Veränderungen, vor allem beim Erlöschen einzelner Gemeinden, der jüdischen Gesamtheit kein einziger Vermögenswert verloren gehe. Alle diese Maßnahmen, zu denen auch eine gründliche Durchorganisierung von Gemeindebezirken gehört,' sind notwendig, weil wir die zukünftige Entwicklung nicht mehr dem Zufall überlassen dürfen. — Auf dem Gebiete solcher vorbeugenden Arbeiten für die Zukunft nannte der Redner insbesondere die Schaffung der Pensionsversicherung für die Beamten und Angestellten der jüdischen Gemeinden und Organisationen. An die Ausführungen des Finanzdezernenten knüpfte, sich eine sehr eingehende Debatte, in welcher die einzelnen Punkte durchberaten und dem Dezernentenkollegium der Dank für die gesunde und solide Finanzgebarung ausgesprochen wurde. Bei der Durchberatung der einzelnen Kapitel des Haushaltsplanes nahm der Syndikus des Landesverbandes, Dr. Schildberger, Gelegenheit, auf die hohe Bedeutung der Kulturarbeit des Landesverbandes hinzuweisen; seitdem der Verband sich nicht mehr darauf beschränkt, nur organisatorisch und verwaltungsgemäß die Gemeinden zu betreuen, sondern sie auch persönlich zu besuchen, sei durch diese völlig neuartige Arbeitsmethode^ auch ein persönlicher Kontakt hergestellt, der sich sowohl im Leben der einzelnen Gemeinde als auch in der Verwaltung des Landesverbandes fruchtbar auswirkt. Der Haushaltsplan wurde von der Ratsversammlung en bloc angenommen. Demgemäß wurden die~ Beiträge der Gemeinden für das Geschäftsjahr 1935/36 wie folgtfestgesetzt: für den Landesverband 1,25 •/• der Reichseinkommensteuer bezw. 3'/» der Reichsvermögenssteuer und ferner für Reichszwecke 2.— RM pro Kopf der jüdischen Bevölkerung. Das Dezernentenkollegium wurde einstimmig ermächtigt, wie schon im Vorjahre so auch für das Geschäftsjahr 1935/36 von einer Vorlage des Haushaltsplanes an den Verbandstag abzusehen und den Verbandstag nur dann einzuberufen, wenn besondere Verhältnisse dies notwendig erscheinen lassen. Am Schluß der Tagung faßte der stellvertretende Präsident des Rates, Herr Dr. Klee, das Ergebnis der Beratungen dahin zusammen, daß in allem Wandel und Wechsel der Verhältnisse die jüdische Gemeinde das Zentrum aller jüdischen Arbeit sei; die Erhaltung der Gemeinden sei daher die wichtigste und edelste Aufgabe, die es heute zu vollbringen gilt; aus ihr leitet der Preußische Landesverband, als der größte der jüdischen Landesverbände in Deutschland sein Lebensrecht und den Ansporn zur Fortführung seiner segensreichen Arbeit ab. Große öffentliche Kundgebung, des Landesverbandes Im Anschluß an die Tagung des Großen Rates fand am Sonntag, 10. März,in der Synagoge Fasanenstraße eine Kundgebung statt, über deren Verlauf die J.' T. A. (Jüdische Telegraphen-Agentur), folgenden sehr ausführlichen Bericht veröffentlicht hat: Der riesige Raum der Synagoge war überfüllt. Unter den Tausenden, die gekommen waren, sah man viele auswärtige und Berliner Mitglieder des Großen Rates des Landesverbandes, vom Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde u. a. Herrn Moritz Rosenthal, sowie zahlreiche führende Persönlichkeiten anderer jüdischer Zentralorganisationen. Das Orchester der Künstlerhilfe, unter Leitung von Berthold Goldschmidt, spielte einleitend das F-Dur-Konzert für Orchester und Orgel von Händel. Ludwig Altmann begleitete auf der Orgel. Der Präsident des Preußischen Landesverbandes, Kamniergerichtsrat i. R. L e o W o 1 f f , hob in seiner Begrüßungsansprache hervor, daß dreiviertel Jahr verflossen seien, seitdem der Landesverband in einer Kundgebung vor den Mitgliedern der Berliner Jüdischen Gemeinde Rechenschaft über seine Tätigkeit abgelegt habe. Heute sei dies eine unendlich lange Zeit bei dem Tempo der Gegenwart. Heute, wo man nach den Umständen des Augenblickes handeln müsse, könne man nicht genug aktuell sein. Kammergerichtsrat Wolff legte dar, wie sehr die Tätigkeit des Landesverbandes unvermindert wichtig sei. Wohl habe er durch die Gründung der Reichsvertretung der deutschen Juden als politischer Vertretung des deutschen Judentums eine Entlastung erfahren. Aber die Aufgaben kultureller Art in den Gemeinden innerhalb Preußens und der angeschlossenen Landesverbände seien immer noch wesentlich genug geblieben. Es gelte, den Lastenausgleich zwischen den großen und kleinen Gemeinden herbeizuführen, um auf diese Weise jüdisches Leben überall dort, wo Juden sind, zu erhalten. Kammergerichtsrat Wolff begrüßte sodann den Anschluß der Landesverbände der oldenburgischcn und thüringischen Gemeinden, sowie der Gemeinden des Saarlandes. Er betonte, vrie sehr die Arbeit des Preußischen Landesverbandes in vollem, einmütigem Zusammenwirken aller jüdischen Richtungen erfolge. Nur das, was uns eine, dürfe zur .Geltung kommen. So könne aufbauende und segensreiche Arbeit für die Gesamtheit des deutschen Judentums geleistet werden. Nach einem Gesangsvortrag des 126. Psalms von Reimann durch die bekannte Altistin Paula Lindberg sprach Rabbiner Dr. Eschelbacher (Düsseldorf). Kundgebung heißt Bekenntnis, so meinte er, aber was sollen wir heute bekennen? Nicht von der äußeren Not, nicht von dem schweren seelischen Druck, der auf uns liegt, wollen wir sprechen. Aber Bekenntnis ablegen wollen wir zum jüdischen Geist, der in Vielen gestorben-war und wieder lebendig wird, auf den wir bauen, wenn mit den Worten des Propheten gefragt wird: „Wird dein Herz fest bleiben und deine Hände stark, in den Tagen, die ich dir schicke?“ Was wir verloren haben, fuhr Rabbiner Dr. Eschelbacher fort, wissen wir selbst. Dazu gehören auch Illusionen. Aber viele haben dafür die Wahrheit eingetauscht: daß unser Judentum unser Schicksal ist. Jede Besinnung auf uns selbst bedeutet ein erneutes Bewußtsein, daß wir zueinander gehören, daß der Einzelne nichts ist. Heute hat die Gemeinde, die Kehilla, einen neuen Glanz und neue Würde bekommen. Gottesdienst und Unterricht sind ihr wichtigstes Gebiet geblieben. Hinzugekommen ist aber ihre Sorge für Schulen, Darlehnskassen, Berufsberatung, Fortbildung. Sie ist dadurch nicht verweltlicht worden. Auf Gotteslehre, Gottesdienst und werktätige Menschenliebe beruht die Welt —: das ist Programm der Gemeinde geblieben und geworden. Wer aber unter—zahlreichen Juden lebt, weiß nicht, was es bedeutet, wenn in den 9